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Oh du fröhliche, oh du selige.. .

Von Magnus Heier

Wissen
Musik wirkt: Singen hohe Stimmen - hier ein Chor in Gällivare (Schweden) - Weihnachtslieder, bleibt kaum ein Auge trocken. Foto: corbis

Im Gehirn lässt sich beobachten, wie Musik Emotionen weckt. | Reaktion auf schräge Musik entspricht jener auf sinnlose Texte. | Chancen der Musik in der Heilkunst sind noch lange nicht ausgeschöpft. | Seit Monaten werden die lieben Kleinen auf diesen besonderen Auftritt vorbereitet: Unterm Weihnachtsbaum darf oder muss das Kind mit Geige oder Cello, mit Blockflöte oder Mundharmonika aktiv werden. Weihnachtslieder sind Gefühle pur - jedoch nicht immer nur positive.


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Und wenn dann die Kirchenorgel zu mitternächtlicher Stunde das hochheilige Paar und den holden Knaben samt lockigem Haar preist, kann sich kaum einer gegen Rührung und feuchte Augen wehren.

Das lässt sich auch im Gehirn selbst beobachten: "Musik weckt Emotionen und kann damit die Aktivität fast aller limbischer und paralimbischer Strukturen im Gehirn modulieren", sagt Stefan Kölsch von der Freien Universität Berlin, weltweit einer der führenden Musikforscher.

Andere Kulturen nehmen Harmonien ähnlich wahr

Um die emotionale Verarbeitung von Musik zu beobachten, hat Kölsch - selbst ein ausgebildeter Geiger - seinen Versuchspersonen einiges zugemutet. Sie bekamen eine Ouvertüre von Johann Sebastian Bach zu hören und dann eine unangenehm verfremdete Fassung. Die manipulierte Bach-Version klingt zumindest am Anfang fürchterlich - musste aber von den Probanden minutenlang ertragen werden.

Der Versuch fand im Kernspintomographen statt, in einer Röhre, in der die Aktivitäten des Gehirns in Echtzeit beobachtet werden können. Und tatsächlich: Der verhunzte Bach aktivierte ganz andere Regionen als das ursprüngliche, harmonische Stück. Die Forscher konnten auf dem Monitor erkennen, ob die Versuchsperson in der Röhre gerade ein Musikstück hörte, das sie genoss - oder eines, unter dem sie litt.

Der Effekt hängt nicht davon ab, ob man Bach liebt oder nicht. Noch nicht einmal davon, ob man ihn kennt. Disharmonien wurden eindeutig als solche wahrgenommen. Interessanterweise scheint diese musikalische Differenzierung in Gut und Böse sogar kulturübergreifend zu sein: "Einer unserer Doktoranden hat solche Stücke Einheimischen in Kamerun vorgespielt, die unsere westlichen Musikstile gar nicht kannten. Und auch dort gab es eine eindeutige Präferenz für das harmonische Beispiel", sagt Kölsch.

Andere Probanden wurden verkabelt, um Veränderungen der Hirnströme im EEG, dem Elektro-Enzephalogramm, zu messen. Wieder wurden die Versuchspersonen mit Musik beschallt. Wieder wurde die Reaktion gemessen, diesmal ein spezifisches Potential, das schon acht Hundertstelsekunden nach einem musikalischen Reiz beginnt.

Viele sind musikalischer,als sie selbst es wahrnehmen

Diesmal wurde die Musik nur leicht manipuliert. "Wir haben versucht, die dur-moll-tonalen musikalischen Regeln zwar zu verletzen, aber nicht sehr auffällig", sagt Sebastian Jentschke, ebenfalls von der Freien Universität, der die Studie durchführte. Es ging dabei um die Frage, wie das Gehirn reagiert, wenn es vom musikalischen Verlauf überrascht wird - etwa, wenn das geigende Kind den falschen Ton erwischt. Das Ergebnis war eindeutig: "Wird die Erwartungshaltung verletzt, baut sich vor allem über der rechten Schläfe ein typisches Potential auf", sagt Jentschke.

Mit dieser sogenannten "early right anterior negativity" (Eran) lässt sich untersuchen, inwieweit die Versuchspersonen Unregelmäßigkeiten der Musik überhaupt wahrnehmen. Vielen der Probanden waren die Merkwürdigkeiten gar nicht groß aufgefallen. Trotzdem reagierten sie, ohne es zu merken, auf die Störung. Sie waren musikalischer, als sie selbst gedacht hatten.

Auch mit Worten haben die Berliner experimentiert und Menschen mit sinnlosen Sätzen konfrontiert: "Sie bestreicht das Brot mit warmen Socken." Wer diesen Satz liest oder hört, stolpert am Ende über die unerwartete, sinnlose semantische Wendung. Und die Reaktion auf diese Sinnlosigkeit lässt sich messen - das Gehirn protestiert in ganz ähnlicher Weise wie bei schräger Musik, nur auf der linken Seite. Der sogenannte N400-Wert (ein negatives Potenzial nach 400 Millisekunden) ist um so höher, je widersinniger die Wahrnehmung ist. Auch wer sich einen Apfel vor die Nase hält und statt dessen den Geruch einer Grapefruit wahrnimmt, zeigt eine solche Irritation.

Anatomisch ist Musik der Spiegel der Sprache

Kölsch und sein Team haben nun Klänge mit Worten verknüpft. Zunächst bekam eine Versuchsperson Musik zu hören, etwa den Tanz der Salome von Richard Strauss - ein Stück, das nach allgemeiner Auffassung Offenheit und Erhabenheit repräsentiert. Anschließend wurde der Proband mit Begriffen konfrontiert, die entweder zu dem Charakter des Stückes passten wie etwa "Weite" oder ihm diametral widersprachen wie "Enge". Und tatsächlich reagierten die Probanden auf die unpassenden Attribute mit einem starken N400-Potenzial.

Den Zentren, die in der linken Hirnhälfte die Sprache verarbeiten, stehen im rechten Gehirn fast an der entsprechenden Position andere Zentren gegenüber, die Musik verarbeiten. Anatomisch gesehen ist die Musik demnach der Spiegel der Sprache. Oder ist es in Wahrheit umgekehrt? "Sprache ist eher ein Sonderfall der Musik", sagt Kölsch und spielt ein Tonband vor, auf dem ein Sprecher immer wieder denselben Satz wiederholt.

"Unsere erste Sprachewar eine Musiksprache"

Und tatsächlich: Nach fünf bis zehn Wiederholungen achtet man nicht mehr auf die einzelnen Worte, sondern nimmt eher die Melodie und den Rhythmus des Satzes wahr. "Musik war zuerst da, unsere erste Sprache war eine Musiksprache", glaubt Kölsch. Und deswegen kann es sinnvoll sein, Musikerziehung auch zur Unterstützung der sprachlichen Entwicklung einzusetzen.

"Musik ist ganz nutzlos, das macht sie so wertvoll", soll Oscar Wilde gesagt haben. Aus Sicht der Medizin ist das eindeutig falsch. Denn mit Musik lassen sich besonders gut Erinnerungen und verschüttete Fähigkeiten wecken. Patienten, die nach einem Schlaganfall oder auf Grund von Alzheimer ihre Sprache komplett verloren haben, können teilweise noch ganze Lieder singen, und zwar mit Worten, die sie ohne die Musik nicht mehr aussprechen könnten. Autistische Kinder lassen sich auf musikalischem Wege ansprechen, selbst wenn verbal keinerlei Kommunikation möglich ist. Die Möglichkeiten der Musik in der Heilkunst sind noch lange nicht ausgeschöpft.

Das Gehirn reagiert -ob man will oder nicht

Auch der gesunde Körper reagiert positiv. Wer unter dem Weihnachtsbaum "Oh, du fröhliche" singt (und keinen Widerwillen gegen Weihnachten hat), erlebt einem wohligen Schauder, der bei vertrauter Musik den Rücken herunterrinnt. Mit diesem musikalischen Schauer verändern sich zugleich auch körperliche Funktionen wie Puls und Atemfrequenz, die Aktivität der Gesichtsmuskeln und die Hauttemperatur. Sogar das Hormon- und das Immunsystem werden beeinflusst.

Und die klassischste aller klassischen Situationen ist nun mal der Heilige Abend unter dem Weihnachtsbaum. Hohe Kinderstimmen singen uralte Weihnachtslieder. Das Gehirn reagiert - ob man will oder nicht.

Musik wirkt.

Der Autor ist Facharzt für Neurologie und Wissenschaftspublizist.