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Ohne gemeinsame Stimme

Von Zarko Radulovic

Politik

Geschätzte 180.000 Serben leben in Wien. | Viele treffen sich gerne in der Ottakringerstraße. | Wien. "Ich weiß manchmal selbst nicht, wo meine Heimat ist." Die 24-jährige Serbin Jelena veranschaulicht die innere Zerrissenheit vieler Serben der zweiten und dritten Generation in Österreich. Hier sind sie noch immer für viele Ausländer und Gastarbeiter, manchmal "Tschuschen", in Serbien sind sie ein Teil der Diaspora, Gastarbajter oder "Jugo-Svabos". Die Serben stellen die größte Minderheitengruppe. Laut Wiener Zuwandererkommission leben 110.000 Serben in Wien. Insider meinen, dass sich 180.000 Wiener als Serben sehen, österreichweit etwa 300.000. Trotz ihres hohen Integrationsgrads scheinen sie noch keinen adäquaten, repräsentativen Platz in der Gesellschaft gefunden zu haben.


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Bereits Ende des 17. Jahrhunderts siedelten sich die ersten Serben, großteils aus der Mittel- und Unterschicht, am Wiener Magdalenengrund an. Dieser Vorort, heute Teil des sechsten Wiener Gemeindebezirks, wurde auch Ratzenstadl genannt - eine Legende besagt aufgrund des Wortes "Raizen" (abgeleitet vom mittelalterlichen serbischen Staat Raszien), wie man die Serben damals in Österreich zu nennen pflegte. Quasi zur Hauptstadt der serbischen Intelligenzija wurde Wien im 19. Jahrhundert. Der Wissenschafter und Dichter Vuk Stefanovic Karadzic lebte hier mehr als 50 Jahre und brachte sein berühmtes "Serbisches Wörterbuch" im Mechitaristen-Kloster in Wien-Neubau heraus. Karadzic, der mit seiner österreichischen Frau 13 Kinder zeugte, schrieb für die "Serbische Zeitung", deren Vorbild die "Wiener Zeitung" war.

Ab den 1960er Jahren kamen zehntausende Serben als Arbeitskräfte nach Österreich. Es bildeten sich viele Vereine zur Pflege von Sprache, Kultur und Tradition. Der älteste Verein "Jedinstvo" (Einheit) feiert heuer sein 40-jähriges Jubiläum. Heute gibt es etwa 80 serbische Vereine in Österreich. Eine der ersten Formen der Selbstorganisation waren Fußballklubs. Bis vor einigen Jahren gab es sogar eine eigene "Jugo-Liga". Sport - besonders alles, was mit dem Ball zu tun hat - ist für viele Serben ein elementarer Lebensbestandteil.

Borislav Kapetanovic, Vorsitzender des "Dachverbandes serbischer Vereine in Wien", liegen sowohl der Erhalt von Identität und Sprache als auch die Integration am Herzen. "Unsere Kinder sollen zu guten Wienern und zu guten Serben, zu guten Menschen, erzogen werden." Integriert seien die Serben unbestritten gut. "Aber viele wollen stärker am gesellschaftlichen und politischen Leben teilnehmen. Dafür gibt es keine ausreichende Bereitschaft österreichischer Institutionen und Parteien", kritisiert der 39-Jährige. Wichtiges Ziel sei die Anerkennung als nationale Minderheit in Österreich.

Eine konkrete Initiative hierzu fehlt allerdings noch. Die Serben in Wien sprechen selten mit einer Stimme. Und sie können sich sicherlich nicht damit rühmen, gute Lobbyisten zu sein.

Serbische Kost in Beiseln

Jelena lobbyiert am liebsten "auf dem Feld", indem sie ihre Freunde in serbische Lokale ausführt. Davon gibt es in Wien eine ganze Menge, vor allem in der Ottakringerstraße. "Hier kommt der Balkan gut zur Geltung", erzählt ihr Bruder Filip. Südländisches Temperament ist vor allem nach sportlichen Erfolgen serbischer Teams zu bestaunen. Die Serben gelten als emotionales Volk. Sie feiern gerne, spontan und gastfreundschaftlich. "Meza" (Brettl jause) und "Rakija" (Schnaps) gibt es immer, kulinarische Köstlichkeiten wie Cevapcici oder Sarma (Krautrouladen) heute auch in Urwiener Beiseln.

Der 58-jährige Petar, Vater von Jelena und Filip, wollte zunächst nur einige Jahre in Wien bleiben. Das Haus in Serbien ist längst gebaut. "Ich liebe Serbien und, ganz ehrlich, ich fühle mich im Süden wohler. Aber was soll ich jetzt da unten? Hier leben meine Kinder, hier werden meine Enkel groß", sagt der gelernte Maurer und spricht seiner Generation aus der Seele. Jelena will Zahnärztin werden. Filip erzieht seine beiden Kinder zweisprachig. "Sie sollen beide Kulturen kennenlernen und ohne Vorurteile aufwachsen. Hoffentlich werden meine Kinder später nicht mit Vorurteilen konfrontiert, nur weil ihr Papa Serbe ist." Filip und seine österreichische Frau Uta sind oft in Serbien, aber die Kinder sollen in Wien zur Schule gehen. "Vielleicht", so Filip, "ziehen wir runter, wenn wir in Pension sind."