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Ohne Hoffnung: Der Dalai Lama ist müde geworden

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Oberhaupt sieht seinen "mittleren Weg" gescheitert. | China bleibt bei Nein zu Autonomie. | Ab Montag sollen Exil-Tibeter über künftigen Kurs entscheiden. | Neu Delhi/Dharamsala. Blumen erinnern Yongdon an seine Kindheit in Tibet. Der 25-Jährige stammt aus einem kleinen Dorf im tibetischen Hochland, wo seine Familie lebt. "Die Berge um uns herum waren voll von wunderschönen Blüten". Mit 16 floh Yongdan über diese Berge bis nach Dharamsala in Indien, dem Sitz der tibetischen Exilregierung und des Dalai Lama. "Ich wollte seine Heiligkeit treffen," sagt er. Yongdon marschierte durch Eis und Kälte mit einer Gruppe von tibetischen Mönche aus der Ambo-Provinz, wurde schneeblind und musste schließlich geführt werden, um sein Ziel, den Dalai Lama, zu erreichen.


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Tiefe Ehrfurcht und göttliche Verehrung bringen die Tibeter in der ganzen Welt dem Dalai Lama entgegen. Jahrzehntelang hat der Friedensnobelpreisträger die Bewegung für ein freies Tibet angeführt. Doch seine Heiligkeit, der 14. Dalai Lama, ist seiner Aufgabe müde.

Er sei praktisch pensioniert, hat er jüngst wissen lassen. Hoffnung auf eine Annäherung mit China habe er nicht mehr. "Mein Glaube an die chinesische Regierung wird dünner, dünner und dünner", erklärte er in der vergangenen Woche in Japan. Die Lage in seiner Heimat verschlechtere sich weiter, trotz seiner Bemühungen, mit China zu verhandeln. "In Tibet ist die Situation noch schlimmer geworden."

Tibeter im Exil

Der Friedensnobelpreisträger hat das weitere Schicksal des Kampfes in die Hände der Versammlung der Exil-Tibeter gelegt. Es ist das erste Mal, dass er vom Recht Gebrauch macht, dieses Forum einzuberufen.

Vom 17. bis zum 22. November sollen sich die Delegierten in Dharamsala auf dem Gelände des tibetischen Kinderdorfes treffen, um über die Zukunft der Bewegung zu entscheiden. Dharamsala ist ein kleines Städtchen in Nordindien mit zwei Hauptstraßen: eine führt den steilen Hang hinauf, die andere herunter. Hier leben etwa 20.000 Exil-Tibeter. Manche sind noch zusammen mit dem Dalai Lama 1959 nach dem Aufstand hierhergeflohen - zwei Wochen zu Fuß über den verschneiten Himalaya, nachdem chinesische Truppen zuvor in Tibet mit eisernen Hand den Protest gegen Pekings Regierung niedergeschlagen hatten. Mehr als 2.000 Demonstranten kamen damals binnen ein paar Tagen zu Tode; der Sommerpalast des Dalai Lama wurde bis auf die Grundmauern zerstört.

Westen braucht China

China sieht im Dalai Lama einen Seperatisten und greift zu scharfen Tönen, die von neuem Selbstbewusstsein zeugen. Die Olympischen Sommerspiele sind vorbei. Hässliche Bilder von Massenprotesten während der Spiele selbst oder ein peinlicher Boykott sind ausgeblieben. Der Aufstand in Tibet, der im März begann und bei dem 200 Menschen ums Leben kamen, ist eingedämmt.

Angst braucht die chinesische Führung nun kaum mehr zu haben. Der Westen hat im Moment kein Druckmittel gegen die Volksrepublik. Ganz im Gegenteil, denn in der globalen Finanzkrise braucht der Westen China mehr denn je. Gerade hat Peking mit einem ambitionierten Konjunkturpaket von einer halben Billion Euro die Hoffnung auf eine Belebung der Wirtschaft rund um den Globus beflügelt und ein Kursfeuerwerk an den Aktienmärkten entfacht.

Militär in Lhasa

Die Lage in Tibet ist nach Ansicht der Exilregierung weiter besorgniserregend: willlkürliche Festnahmen, Inhaftierungen ohne eine Rechtsgrundlage, Gewalt und brutale Folter gingen weiter, erklärt sie. Der australische Journalist Cameron Stewart berichtete jüngst von massiver Miltärpräsenz in der tibetischen Hauptstadt Lhasa. Scharfschützen auf den Dächern der Innenstadt gehörten zum Alltagsbild, schrieb er.

China hofft offenbar, das Tibet-Problem weiter auszusitzen. Der Dalai Lama ist 73. Bereits zweimal in den letzten Monaten musste er sich im Krankenhaus behandeln lassen - angeblich waren es Routine-Eingriffe. Sein älterer Bruder ist im September nach längerer Krankheit in den USA gestorben. Er war - im Gegensatz zu seinem Bruder - stets ein kompromissloser Verfechter der Unabhängigkeit Tibets. Die Rückschläge der Bewegung in diesem Jahr haben den Dalai Lama und viele seiner Anhänger sichtlich enttäuscht. Sein "mittlerer Weg" sei gescheitert, hat der Dalai Lama selbst indirekt eingestanden.

Den Führungsanspruch hat der spirituelle Führer der Tibeter zunächst einmal abgegeben. Die Versammlung in Dharamsala soll nun den zukünftigen Weg weisen. Es ist unklar, ob der Dalai Lama am Treffen überhaupt teilnehmen wird. Fraglich ist aber, ob seine Heiligkeit überhaupt in den Ruhestand gehen darf, selbst wenn er sich als Rentner fühlen sollte. Denn ganz hat er die Zügel nicht aus der Hand gegeben.

Wer folgt nach?

So bleibt die Frage, was die Versammlung eigentlich sinnvollerweise beschließen kann. Der Tibetische Jugendkongress fordert seit Jahren eine Abkehr von der bloßen Autonomieforderung. Auch andere Exil-Tibeter sind inzwischen der Meinung, man hätte die Unabhängigkeit Tibets fordern sollen, um wenigsten Autonomie zu erlangen. Doch da China trotz zahlreicher Verhandlungsrunden zu keinem Zugeständnis bereit ist, spielt das in der Praxis nur eine geringe Rolle. Doch es könnte der Bewegung nach einem enttäuschenden Sommer wieder etwas Mut geben.

Immer mehr Menschen fragen sich, was nach dem Tod des beliebten Religionsführers kommt. Der Nachfolger wird einer jahrhundertealten Tradition folgend wiedergeboren, aufgefunden und dann im Kloster erzogen. Doch der 15. Dalai Lama könnte entgegen der Konvention auch benannt werden, hat der Dalai Lama Ende 2007 durchblicken lassen. Manche Beobachter denken, der Mönch könne damit noch einmal in einem Poker die Chinesen unter Zugzwang setzen wollen, weil diese vielleicht lieber mit ihm als mit einem von ihm ernannten Nachfolger verhandeln wollen.

Kühle, frische Herbstluft weht durch Dharamsala, das die Einwohner auch das "kleine Lhasa" nennen. Im Tempel des Dalai Lama brennen Butterlampen, ein Symbol für die Hoffnung auf Frieden und Freiheit. "Es ist es gut, nahe beim Dalai Lama zu sein", findet Yongdon, den die Blumen an seine Heimat in Tibet erinnern. "Aber es ist schwer, Arbeit zu finden", fügt er hinzu. Er hofft, in die USA auszuwandern, "wenn ich ein Visum bekomme". "Vielleicht kann ich dort ein paar Jahre arbeiten und dann nach Tibet zurückkehren." Doch Amerika und Tibet sind weit von Dharamsala aus.