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Ohne Lobby bist Du tot

Von Wolfgang Luask

Gastkommentare

Mittelstand und mittelständische Wirtschaft sind ein weißer Fleck in der Lobbying-Landschaft und können das Wort Solidarität nicht mehr hören. Bauern, Beamte, Studenten, ÖBBler, Mindestlohnempfänger, Arbeitslose, Menschen mit Migrationshintergrund, Führungskräfte in staatstragenden Wirtschaftszweigen, Topmanager, sonstige Minderheitenangehörige - sie alle haben einen Riesenvorteil: In der Logik der auf abgrenzbare Zielgruppen ausgerichteten westlichen Parteien-Demokratie gehören sie zu relevanten "Klientels" oder "Lobbys" - die Begriffe werden einander immer ähnlicher, wenn sie auch aus gänzlich unterschiedlichen Richtungen kommen - und werden mit ihren Bedürfnissen von zumindest einer Großpartei berücksichtigt und auch bevorzugt.


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Halbwegs gut verdienende Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft, mittelständische Unternehmer (KMU) oder Freiberufler, also Angehörige des klassischen Mittelstandes, haben es viel schwieriger. In der schon historisch und jetzt erst recht auf Polarisierung ausgerichteten Parteien- und Interessenvertretungslandschaft fehlt es ihnen an Profil, Auftritt und Lobby.

Auch in den Medien rührt sich wenig zu ihren Gunsten, denn da brauchen sie entweder ein romantisches Loser- oder ein glorioses Winner-Image - das eine verzichtbar, das andere schwer erreichbar. Wer brav viel arbeitet und Steuern zahlt, ist offenbar der ideale Opfer-Typus.

Moment! Warum sprechen dann alle Politiker ständig vom Mittelstand und seiner Entlastung und von ihrem Einsatz für die KMU? Sie wissen genau, dass sich fast alle Menschen - egal wie peripher sie wirklich stehen - in ihrer Sehnsucht nach Mitte, also nach Sicherheit und Geborgenheit, dem Mittelstand zugehörig fühlen: Banker, Arbeiter, Unternehmer, Beamter, Pensionist. Wenns drauf ankommt, stützen Politiker mit dem Argument der Solidarität sozial Schwache (ok!), erhöhen Beamtengehälter und Pensionen (Klientel!), unterstützen in der Krise Banken, Industrien und ihre Arbeitsplätze (Lobby!), retten fahrlässig wirtschaftende Euro-Länder und die mit ihnen strauchelnden Finanziers (EU-Lobbying!), ahnden kaum Klimabelastung, Umweltzerstörung und Rohstoffausbeutung durch kartellartige Konzerne (Global-Player-Lobbying!).

Das Problem des Mittelstands ist, dass er keine überschaubare, kompakte und damit politisch gut verwertbare Gruppe darstellt, sondern eine große, diffuse, schwer abgrenzbare. Für ihn gibt es keine Solidarität. Im Gegenteil, durchwegs nachhaltig und sozial agierende KMU, Freiberufler und ihre Mitarbeiter müssen viel beitragen, während die wirklich Reichen ihre Schäfchen legal oder illegal ins Trockene bringen. Kein Wunder, dass der Mittelstand von Solidarität, die immer nur von ihm für andere gefordert wird und sie selbst bis zum Zusammenbruch schwächt, nichts mehr hören kann.

Was tun? Der Mittelstand und die mittelständische Wirtschaft sollten zuerst einmal endlich erkennen, dass "ein bisserl Netzwerken" zu wenig ist und sie sich zu professionellem Lobbying emanzipieren und ausbilden müssen. Auch Wirtschaftskammer und Parteien sind hier gefordert. Wenn einmal durch weitere Ausblutung des Mittelstands die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft den Bach runtergeht, haben wir alle nichts mehr.

Wolfgang Lusak ist Unternehmensberater und Lobby-Coach.