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Öl: Russlands Streben nach Unabhängigkeit

Von Hermann Sileitsch

Analysen

Man könnte ein Kalenderblatt damit bedrucken: Jeweils kurz nach Jahreswechsel kocht der russische Konflikt mit den Transitländern über Energielieferungen hoch. Im Vorjahr ließ der Gasstreit mit der Ukraine einige osteuropäische Länder tagelang frieren. Heuer ist wieder Weißrussland an der Reihe, das mit Moskau uneins über die Transitpreise bei der Ölpipeline Druschba ("Freundschaft") ist. Schon 2007 hatte ein ähnlicher Streit die Öllieferungen nach Westeuropa behindert: Über die Leitung bezieht Deutschland 15 Prozent und Polen mehr als drei Viertel seines Ölbedarfs.


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Österreich ist von Druschba-Engpässen nicht direkt betroffen. Und auch die geplante Bratislava-Schwechat-Pipeline (BSP) sei durch die unsichere Versorgungslage nicht in Frage gestellt, heißt es bei der OMV. Diese Leitung wäre eine Anbindung an den Südstrang der Druschba-Pipeline, der just in Weißrussland abzweigt. Die OMV hält dennoch an einem raschen BSP-Bau fest: Die Fließrichtung der Pipeline wäre nämlich im Ernstfall umkehrbar und könnte bei Lieferunterbrechungen die Raffinerie in der Slowakei unterstützen - der geplante "Reverse-Flow" erhöhe somit die Versorgungssicherheit beider Länder.

Zwar soll mittlerweile wieder russisches Öl nach Weißrussland fließen. Der Konflikt hat den Blick aber erneut auf die Versorgungssicherheit Europas gelenkt - und damit auf die Bemühungen, von russischer Energie unabhängiger zu werden. Das Nabucco-Projekt, an dem die OMV federführend beteiligt ist, möchte Moskau als Gas-Lieferant möglichst ganz ausschließen und stattdessen Erdgas aus dem Kaukasus nach Europa befördern.

Das Nordstream-Projekt der Deutschen setzt hingegen auf Kooperation mit Russland und will die Transitländer umgehen: Die Gaspipeline durch die Ostsee hat vor wenigen Tagen von den deutschen Behörden grünes Licht erhalten.

Moskau setzt auf den Energiehunger Asiens

Relativ wenig beachtet wurde unterdessen Russlands Bestreben, von der Nachfrage in Europa unabhängiger zu werden. Rechtzeitig vor Jahreswechsel schickte Regierungschef Wladimir Putin persönlich einen Öltanker vom russischen Pazifikhafen Kosmino in Richtung Hongkong los. Der Anlass: Russland liefert China, Japan und Südkorea künftig eine neue Ölsorte direkt vor die Haustür. Während der Energiebedarf in den europäischen Industriestaaten krisenbedingt stagniert, ist der Energiehunger der asiatischen Wachstumsmärkte, insbesondere Chinas, ungebrochen. Den Asiaten kommt es höchst gelegen, wenn sie ihre Abhängigkeit von den Quellen im Nahen Osten verringern können.

Noch dazu ist die neue, schwefelarme Ölsorte aus Ost-Sibirien leichter als jene aus dem Ural und macht dadurch die Weiterverarbeitung für die Raffinerien billiger. Sie trägt den Namen jener Pipeline, die bis zum Pazifischen Ozean führen wird: East Siberian-Pacific Ocean, kurz Espo. Die russische Transneft hat in den Bau der ersten Espo-Stufe, die von Taischet über fast 3000 Kilometer bis Skoworodino an die chinesische Grenze reicht, bereits rund 12 Milliarden Dollar investiert. Die zweite Stufe umfasst jene 2000 Kilometer bis zum Pazifikhafen Kosmino nahe Nachodka, die derzeit noch auf dem Bahnweg überwunden werden müssen - und wird weitere 10 Milliarden Dollar kosten.

Schon nächstes Jahr soll freilich der Bau jenes nur 67 Kilometer langen Nebenzweiges in Angriff genommen werden, der direkt nach China führt und schon bald 30 Millionen Tonnen Öl in die Volksrepublik liefern könnte. Im Endausbau will Russland sogar 80 Millionen Tonnen pro Jahr über die Pipeline abwickeln.

Experten sind überzeugt, dass die Russen so den Ölmarkt aufmischen werden: "Das kann die Einkaufspolitik der Region grundlegend verändern", sagt Al Troner von der Beratungsfirma Asia Pacific Energy. "Wie soll venezolanisches Öl mit diesem Angebot konkurrieren, das um die halbe Erde geschifft werden muss?"

Überdies ist Russland nicht an Opec-Vorgaben gebunden und kann frei über Fördermengen und Preise entscheiden. Die neue Sorte werde somit die Produzenten am Golf und ihre Vertriebspartner wie Shell, Total oder Sinopec unter Druck setzen: "Um wettbewerbsfähig zu bleiben und keine Marktanteile zu verlieren, müssten sie ihre Preise senken", so Troner.