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OMV: "Größter anzunehmender Unfall"

Von Helmut Dité und Konstanze Walther

Wirtschaft

Versorgung der Haushalte für drei Monate gesichert. | Stromerzeuger stellen zum Teil auf Öl oder Kohle um. | Wien/Moskau/Kiew. Das russische Gas wird weder "morgen noch übermorgen" zu fließen anfangen - Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner glaubt nicht, dass der Gasstreit zwischen Kiew und Moskau schnell beigelegt wird. Damit fallen, je nach Berechnung, 51 bis 64 Prozent der österreichischen Gasversorgung aus. "Hier ist ein Nervenspiel im Gange", konstatiert Mitterlehner - und empfiehlt den Konfliktpartnern Russland und Ukraine launig, den Psychologen Paul Watzlawick und seine Vorschläge zur Krisenbewältigung zu lesen.


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Mitterlehner gab sich betont gelassen. Seine Botschaft: Die heimische Gasversorgung ist durch die beträchtliche österreichische Speicherkapazität gesichert. Zumindest für die nächsten vierzehn Tage, die der Haushalte - auf die etwa 18 Prozent des Bedarfs entfallen - sogar für die nächsten drei Monate.

Auf genaue Zahlen wollten sich aber die Mitglieder des sogenannten Energielenkungsbeirats - bestehend unter anderem aus dem Wirtschaftsministerium, E-Control und OMV - nicht einlassen. Wie lange die Versorgung praktisch tatsächlich aushalten werde, sei von zu vielen Faktoren abhängig, hieß es unisono. Konkret: Wie niedrig die Außentemperaturen in der nächsten Zeit sein werden und wie viel die Industrie - die ebenso wie der Energiesektor je ein Drittel des Gases braucht - produzieren werde. Allerdings gibt es hier auch ein, in Österreich seit gestern, Mittwoch, umgesetztes Lösungsmodell. Und zwar die "intelligente Steuerung" zwischen den Unternehmen. Man solle sich bei dem Bedarf von Energiespitzen absprechen und abwechseln. Eine Verordnung nach dem Energielenkungsgesetz sei derzeit nicht nötig, meinten Minister und Experten.

400 Großkunden verbrauchen 50 Prozent des bisher zur Verfügung gestandenen Gases. Rund 100 Unternehmen vor allem im Osten des Landes machen den Löwenanteil des Gasbedarfs aus. Die sollten sich "marktwirtschaftlich" mit ihren Energielieferanten - der EconGas, den Wiener Stadtwerken und der EVN - koordinieren - unter den wachsamen Augen der E-Control.

Weiterhin kein Gasaus Russland

Wenn alle Stricke reißen, können noch immer einige der Gaskraftwerke rasch auf Öl oder Kohle umgestellt werden. Laut dem Chef der E-Control, Walter Boltz, sind das immerhin 1800-Megawatt Kraftwerksleistung, die bei Bedarf umgesattelt werden können. Boltz deutete auch die Möglichkeit an, in Zukunft mehr elektrischen Strom zuzukaufen. Wie hoch sich die Kosten für solche Auswegsszenarien belaufen würden, möchte Mitterlehner momentan nicht diskutieren: "Diese Frage ist nicht aktuell."

Der Chef des heimischen Energieriesen OMV, Wolfgang Ruttenstorfer, sieht die Situation etwas weniger gelassen: Den Gasstop Russlands könne man als "den größten anzunehmenden Unfall" betrachten. Seit Null Uhr Früh am Mittwoch fließe - statt 300 Millionen Kubikmetern - überhaupt kein russisches Gas mehr über die Verbindung Ukraine - Slowakei. "Unsere Verträge mit dem russischen Gasmonopolisten Gazprom laufen seit 40 Jahren - es gab niemals eine Unterbrechung oder einen Lieferausfall. Wir haben keine Erfahrung, wie man mit einer solchen Situation umgeht." Ob die OMV Russland wegen Vertragsbruchs klagen werde, könne man "aus heutiger Sicht nicht sagen".

Wie die russische Botschaft in Österreich in einer Aussendung am Mittwoch ausrichten ließ, ist sich die Gazprom ihrer "vollen Verantwortung gegenüber den europäischen Partnern bewusst". Der Konzern habe die Liefermenge für die europäischen Verbraucher in Richtung Weißrussland und Polen um 26 Millionen Kubikmeter erhöht, über die Pipeline in die Türkei um mehr als 9 Millionen Kubikmeter.

Die Ukraine habe die Gasleitungen nach Westeuropa gesperrt und lasse "Gas verschwinden", während Gazprom die maximale "technische Kapazität" liefere, sagte Gazprom-Vizechef Alexander Medwedew am Mittwochnachmittag in einer Telefonkonferenz. An einem kalten Wintertag liege die Nachfrage nach russischem Erdgas üblicherweise bei 420 bis 450 Millionen Kubikmetern, sagte Medwedew. Derzeit könne Gazprom über alternative Routen und durch Auflösung von unterirdischen Lagerbeständen 170 Millionen Kubikmeter pro Tag zur Verfügung stellen. Die Lieferung habe sich also auf weniger als die Hälfte reduziert.

Medwedew gab sich dennoch zuversichtlich, dass die Probleme zwischen Russland und der Ukraine "rasch" gelöst werden, nachdem die ukrainischen Verhandler am Silvestertag "einseitig den Verhandlungstisch verlassen" hätten. Das Angebot der Ukrainer, am heutigen 8. Jänner nach Moskau zu kommen, sei allerdings "sehr seltsam", da an diesem Tag die EU-Delegation zu Verhandlungen angekündigt sei.