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Der Republikaner Donald Trump scheint dem endgültigen politischen Tod trotz allem noch einmal entkommen zu sein.
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Washington, D.C./St. Louis. Wie tief die Latte mittlerweile liegt und wie groß die Konfusion, fasst am besten ein altes Schlachtross der amerikanischen Innenpolitik zusammen. Newt Gingrich war in den Neunzigerjahren Sprecher der konservativen Mehrheit im Abgeordnetenhaus. Mittlerweile ist er 73 Jahre alt und sagt in Fernsehinterviews Dinge wie: "Es spielt keine Rolle, was die Fakten sind. Politisch gesehen ist die Wahrheit das, was die Wähler fühlen. Das allein ist es, wonach wir unsere Politik ausrichten müssen. Alles andere ist egal."
Nachdem er mit dieser Philosophie mit Donald Trump von jeher auf einer Linie liegt, erwog der eine Zeit lang gar, Gingrich zu seinem Vizepräsidentschaftskandidaten zu ernennen. Am Ende wurde es doch Mike Pence, der um sechzehn Jahre jüngere Gouverneur von Indiana. Gingrich steht trotzdem bis heute in der ersten Reihe, wenn es gilt, den republikanischen Spitzenkandidaten zu verteidigen. Selbst, wenn es gegen die eigenen Parteifreunde geht. Am vergangenen Sonntagabend hörte sich das so an: "Trump macht seinen Job so gut, dass kein Republikaner jemals wieder die Möglichkeit erwähnen sollte, einen neuen Kandidaten aufzustellen. Trump macht sich mehr als gut."
Als Gingrich seine Botschaft twitterte, war die wahrscheinlich brutalste Fernsehdebatte zweier Präsidentschaftskandidaten, die die USA je gesehen haben, gerade in vollem Gang. Hatte schon das erste Aufeinandertreffen von Donald Trump und Hillary Clinton für Rekord-Einschaltquoten gesorgt - rund 84 Millionen Amerikaner schauten zu -, trugen die Ereignisse der vergangenen paar Tage dazu bei, dass das Interesse diesmal potenziell noch größer war. Angesichts dessen, was sich da am Sonntagabend (Ortszeit) im Festsaal der Washington University von St. Louis, Missouri, abspielte, schien die einzig verbliebene Frage zu lauten: Wie tief kann das Niveau noch sinken, bevor die amerikanische Demokratie nachhaltig Schaden nimmt?
"Enormer Hass im Herzen"
Was Donald Trump an diesem Abend unter anderem alles sagte: Wenn er zum Präsidenten gewählt würde, bestünde eine seiner ersten Maßnahmen darin, einen Sonder-Ankläger ("Special Prosecutor") zu berufen, der dafür sorgen werde, dass Hillary dorthin komme, wo sie nach Meinung des New Yorker Immobilienmagnaten und Ex-Reality-TV-Stars hingehört: "Ins Gefängnis."
Unter anderem bestehe das Problem seiner Konkurrentin darin, dass sie "einen enormen Hass im Herzen trägt, einen enormen Hass". Als Beweis hatte Trump zuvor angeführt, dass Clinton in ihrer Vergangenheit als Pflichtverteidigerin angeblich ein 12-jähriges Vergewaltigungsopfer "ausgelacht" habe - "zweimal!". Außerdem sei sie mit den "Opfern ihres Mannes", die dieser angeblich in den Siebziger- und Achtzigerjahren als Gouverneur von Arkansas wahlweise "vergewaltigt", mindestens aber "sexuell belästigt" habe, derart heftig umgesprungen, dass diese bis heute traumatisiert seien. Vorwürfe, die er bereits im Rahmen einer kurz zuvor einberufenen Pressekonferenz erhoben hatte. So hört sich das an, wenn sich ein Donald Trump "mehr als gut macht."
Die Strategie des 70-Jährigen war allzu offensichtlich: mit allen Mitteln davon abzulenken, was ein - zwei Tage zuvor als erstes von der "Washington Post" veröffentlichtes - vor elf Jahren geführtes Gespräch Trumps mit dem (mittlerweile von seinem Arbeitgeber NBC suspendierten) Talkshowmoderator Billy Bush offenbarte: sein, gelinde formuliert, ziemlich schräges Selbst- und Frauenbild.
Nachdem der Inhalt des mittlerweile hinlänglich bekannten und eigentlich nicht zitierfähigen Audio- und Videobandes bekannt geworden war, hatten zahlreiche republikanische Amtsträger mitteilen lassen, ihm von nun an die Gefolgschaft aufzukündigen beziehungsweise endgültig zu verweigern. Darunter die beiden letzten Präsidentschaftskandidaten der Partei, John McCain und Mitt Romney, sowie Jeb Bush, Ex-Gouverneur von Florida, John Kasich, Gouverneur des wichtigen "Swing States" Ohio, sowie Kaliforniens Ex-Gouverneur und Filmstar Arnold Schwarzenegger.
Republikaner zufrieden
Wie im Laufe des Abends herauskam, soll sogar Paul Ryan, der Sprecher der Mehrheit im Abgeordnetenhaus, ernsthaft überlegen, seine Wahlempfehlung für Trump zurückzuziehen - was für dessen Kampagne den endgültigen Todesstoß bedeuten würde, weil er in Sachen Wählermobilisierung auf das durch Ryan repräsentierte Parteiestablishment angewiesen ist. Angeblich soll Reince Priebus, der Vorsitzende des höchsten Parteigremiums und wie Ryan aus Wisconsin, die weitere Unterstützung Trumps von dessen Performance am Sonntag abhängig gemacht haben.
Offenbar war er am Ende zufrieden: "Hillary Clinton hat den Abend damit verbracht, ihre gescheiterte Agenda zu verteidigen", twitterte Priebus nach der Debatte. Auch wenn das nicht wirklich stimmt, war es am Ende nicht ganz leicht, Clintons Leistung zu beurteilen. Die 68-Jährige tat sich angesichts des vor allem zu Beginn massiven Trump’schen Dauerfeuers schwer, ihre mittlerweile sattsam bekannten Botschaften unters Volk zu bringen: Steuern runter für die Mittelklasse und hoch für die Reichen; Reform von Obamacare; eine Energiepolitik, die auf Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit setzt; eine Handelspolitik, die auf Offenheit und nicht auf Protektionismus setzt und die Bereitschaft, Flüchtlinge aus Syrien aus humanitären Gründen aufzunehmen - konkret 65.000 Personen.
Die Trump-Fans von Wikileaks
Was ihr vielleicht am besten gelang, war die Entkräftung von Trumps Argumenten, die ihm seine Fans von der ihn mittlerweile de facto offen unterstützenden Enthüllungsplattform Wikileaks geliefert hatten. Der Verdacht, dass Clinton zu eng mit der an der Wall Street beheimateten Finanzwirtschaft verbandelt ist, ließ sich nicht einmal durch die aus den Computern ihrer Wahlkampfzentrale gestohlenen E-Mails beweisen. Aber auch, wenn sie sich in dem "Town Hall"-Format, das Fragen aus dem Publikum erlaubt, sichtlich wohler fühlte als Trump, herrschte unter den professionellen Beobachtern am Ende lediglich darüber Einigkeit, dass es ihr an diesem Abend trotz relativ günstiger Umstände nicht gelang, den entscheidenden Knock-out-Punch zu landen.
Immerhin kam es zu einem seltsam versöhnlichen Ausgang: Am Ende lobte Clinton Trump für seine Kinder. Der attestierte ihr, dass sie "eine Kämpferin" sei, "die niemals aufgibt." Dann gaben sie sich sogar die Hand - eine Geste, die sie vor Beginn der Debatte tunlichst vermieden hatten. Das dritte und letzte Fernsehduell findet am Mittwoch, den 19. Oktober am Campus der University of Nevada in Las Vegas statt.
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