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Alvaro Uribe hat es geschafft. Knapp elf Wochen nach seinem fulminanten Wahlsieg und mehreren überstandenen Mordanschlägen tritt der 50-Jährige heute in Kolumbien das Präsidentenamt an. Der von der Bush-Regierung forcierte Rechtsaußen-Dissident der Liberalen verspricht, dem Treiben linker Rebellen und rechtsgerichteter Paramilitärs in dem von 40 Jahren Bürgerkrieg ausgebrannten und ausgebluteten Land den Garaus zu machen.
"Kolumbien braucht wieder einen starken Staat", lautet einer seiner Law- und Order-Slogans. Zur Untermauerung kündigte der Harvard-Studiosus im Seminaristen-Look u. a. die Aufstockung der Armee von 54.000 auf 100.000 Mann und die Einberufung von Reservisten an. Zivile Bewachungsstrupps sollen im Land zusätzlich für Sicherheit sorgen. Eine Million Menschen schweben Uribe dafür vor. In den Ohren der Bevölkerung, der er seinen 53-Prozent-Sieg vom Mai verdankt, klang all das verheißungsvoll.
Doch sind Zweifel an Uribes heeren Zielen angesagt. Dem einstigen Bürgermeister von Medellín und Opus-Dei-Mitglied werden enge Verbindungen zu zwielichtigen Gestalten der Kokainmafia und vor allem zu Carlos Castanos rechtsgerichteten Paramilitärs nachgesagt, die auch seinen Wahlkampf unterstützten. Als Gouverneur der Provinz Antioquia hatte er von 1995 bis 1997 selbst eine bewaffnete Bürgerwehr aufgebaut, die auf den Straßen der Städte und in den Dörfern für Ordnung sorgte. Die sogenannten Convivir (zu deutsch "Überleben") wurden wegen zahlloser Gräueltaten an der Zivilbevölkerung von der damaligen Regierung in Bogota 1997 allerdings für illegal erklärt. Die meisten ließen sich aber nicht entwaffen und schlossen sich lieber Castanos im selben Jahr gegründeten AUC-Verbänden an. Letztlich hat Uribe somit den Paramilitarismus legalisiert und damit zur systematischen Ausbreitung der Terrorkommandos beigetragen.
Kritiker befürchten wohl auch deshalb, dass hinter Uribes militärischem Masterplan unter Einbindung der Bevölkering nichts weiter als eine Taktik steht, den beiden Guerillabewegungen FARC und ELN einen vernichtenden Schlag zu versetzen, um den Paramilitärs das Feld zu überlassen.
Mord und Totschlag
Diese wurden Anfang der 80er Jahre von Viehzüchtern, Plantagenbesitzern und Minienbesitzern aus dem Norden gegründet, ursprünglich mit dem Ziel, mittels Terror und Gewalt jegliche gewerkschaftliche Organisation der Land- und Plantagenarbeiter zu unterbinden. Uribe stammt selbst aus einem jener Großgrundbesitzer-Clans, die den schmutzigen Krieg auf dem Land initiierten. 1982 wurden gewerkschaftlich organisierte Landarbeiter auf der Finca "La Mundial" seines Vaters Alberto zu Opfern von Mordanschlägen. Der Vater, der mit dem Drogenbaron Fabio Ochoa freundschaftliche Beziehungen pflegte, wurde daraufhin von der Guerilla ermordet. Kurze Zeit später übergab die Familie ihr Landgut "Guacharacas" der 14. Armeebrigade, die das Gelände wiederum an die Paramilitärs abtrat.
Mitte der 80er Jahre gingen die gefürchteten Todesschwadronen dazu über, auch Menschenrechtsvertreter, Journalisten, Anwälte, Linkspolitiker und Gewerkschaftsführer durch Mordanschläge mundtot zu machen. Während der vergangenen acht Jahre wurden allein in den verschiedenen Coca-Cola-Werken des Landes sieben Arbeitnehmervertreter entführt, gefoltert und ermordet. Darüber hinaus sorgen die privatisierten Kriegsakteure immer dreister für eine reibungslose Abwicklung von Infrastrukturprojekten wie Erdöl-Pipelines und Autobahnen, indem sie die Bauern aus den Gebieten vertrieben.
Ein lukrativer Nebenerwerb war für Castano auch die "private" Vertreibung von Kleinbauern. Er soll sich auf diese Weise mittlerweile mehrere Millionen Hektar Weideland angeeignet haben - ein Prozess, den der kolumbiansische Bauernverband ANUC als "umgekehrte Landreform" bezeichnet, wie der Journalist Raul Zelik in seiner Analyse "Drogen, Söldner und Konzerne am Beispiel Kolumbiens" ( http://de.indymedia.org/2000/06/25058.shtml ) schreibt. ,,Anderswo kommt es zu Vertreibungen, weil Krieg geführt wird. In Kolumbien führt die Oberschicht Krieg, damit es zu Vertreibungen kommt", zitiert er den Verband.
Dreckarbeit für die Armee
Darüber hinaus unterstützen Castanos Einheiten die Armee rigoros in ihrem Kampf gegen die Guerilla, indem sie in die Dörfer gehen und diese von mutmaßlichen Sympathisanten "säubern". Weit über die Hälfte der 3.500 bis 4.000 Männer, Kinder und Frauen, die jährlich in dem blutigen Konflikt ermordet werden, gehen auf das Konto der illegalen Todesschwadronen. Die USA setzten deshalb heuer im März neben FARC und ELN auch die unter der Dachorganisation AUC (Autodefensas Unidas de Colombia) zusammengefassten Mordkommandos auf ihre Terrorliste.
Vor wenigen Wochen löste sich die Organisation daraufhin offiziell auf. Die medienwirksame Frohbotschaft des Anführers Carlos Castano zielt darauf ab, sein Negativ-Image abzustreifen und sich einen seriöseren Anstrich zu verpassen. Ein Ende des Paramilitarismus in Kolumbien bedeutet dies freilich nicht. Der Caudillo und seine rechte Hand, Salvatore Mancuso, werden weiterhin dem größten paramilitärischen Verbund des Landes, den Campesino-Selbstverteidigungseinheiten von Córdoba und Urabá (ACCU) vorstehen. Ein Mann namens Ernesto Baez soll die Führung der übrigen landesweit operierenden Verbände übernehmen, hieß es.
Angesichts der engen ideologischen Bande zum neuen kolumbianischen Präsidenten dürfte Castano der Rücktritt nicht einmal schwer gefallen sein. "Unter diesen Umständen können die Paramilitärs leicht erklären, dass sie sich auflösen. Das ist ein rein taktisches Manöver gegenüber den USA", meint Roland Bangerter, Mitarbeiter im Lateinamerika-Komitee des Internationalen Versöhnungsbundes, einer Friedensorganisation mit Sitz in Wien. Dass durch die Aufsplittung der sog. Selbstverteidigungsverbände "die Methoden des Kampfes gegen die Zivilbevölkerung und die Massaker geringer werden", erwartet er nicht.
Die Säubermänner
Castano begründete die Aufsplittung in Mea-Culpa-Manier jedenfalls mit dem schmutzigen Drogenhandel, in den einige unkontrollierbare Verbände involviert seien. Dass er selber seinen Krieg aus den saftigen Provisionen finanziert, die er in den von ihm kontrollierten Gebieten eintreibt, und die US-Antidrogenbehörde DEA ihn deswegen laut US-Medienberichten als Drogenpate in den Akten führt, erwähnte er freilich nicht.
Auch Uribe hat seine Not mit der Vergangenheit. Der praktizierende Katholik, der im Wahlkampf als Saubermann gegen die Korruption antrat, hat in seiner politischen Karriere der Drogenmafia schon so manchen guten Dienst geleistet. Seinen Job als Leiter der Zivilluftfahrtbehörde 1980-82 in Bogota soll er etwa dazu genützt haben, um Drogenpaten die benötigten Fluglizenzen zu verschaffen. Anschließend kehrte er nach Antioquia zurück, wo er zum Bürgermeister der damals unter dem Kuratel Pablo Escobars stehenden Provinzhauptstadt Medellín ernannt wurde. Uribe initiierte u. a. ein "soziales Wohnungsbauprogramm", mit dem der größte Kokainbaron aller Zeiten seine politische Akzeptanz in der Stadt zu erhöhen versuchte. Ende der 80er Jahre gehörte Uribe dann (ebenso wie Carlos Castano) zu jenen Männern im Umkreis des Medellín-Kartells, die sich rechtzeitig von Escobar absetzten, als dieser dem Staatsapparat den Krieg erklärte und schließlich am 2. Dezember 1983 von US-Sondereinheiten kaltgestellt wurde. Von 1986 bis 1994 saß Uribe als Sentor im Parlament, wo er sich u. a. gegen die Auslieferung von Kokain-Paten an die USA stark machte.
Die Kontakte zur Kokainmafia kappte der smarte Aufsteiger auch dann nicht, als er in Antioquia das Gouverneursamt bekleidete. Pedro Juan Moreno war damals sein engster Mitarbeiter. Und größter kolumbianischer Importeur der zur Kokainproduktion notwendigen Chemikalie Kaliumpermanganat, hätte die DEA die drei Schiffsladungen mit insgesamt 50 Tonnen der chemischen Substanz 1998 nicht konfisziert. Moreno wollte die Waren, mit der Kokain im Wert von 15 Mrd. Dollar hergestellt werden kann, über seine Firma GMP Chemic Products via Hongkong und die USA illegal nach Kolumbien einschleusen. Heute gehört Moreno, der laut Beschreibung des Journalisten Antonio Caballero von der Wochenzeitung "Semana" immer "zwei Granaten in seinem Handschuhfach mitführt und zur Enspannung Marschmusik hört", zu Uribes illustrem Unterstützungskomitee.
Uribes guten Beziehungen zu den USA tut all dies keinen Abbruch. Der Wunsch, die Guerilla militärisch in die Knie zu zwingen, schweisst beide zusammen. Nicht nur nahmen neun hochrangige US-Vertreter unter der Leitung von Regierungsmitglied Robert Foellick an der Inaugurationsfeier im Präsidentenpalast von Bogota teil, Präsident George W. Bush hat dem Hardliner im Seminaristen-Look auch bereits zugesagt, für die Bekämpfung der beiden im Land operierenden Guerillagruppen FARC und ELN im Rahmen des "Plan Colombia" zusätzliche Mittel - etwa 350 Mill. Dollar - locker zu machen. 98 Mill. Dollar sowie neues schweres Kriegsgerät wurden vom Senat bereits bewilligt.
US-Training
Die Senatoren hoben damit zugleich die Einschränkung der US-Hilfe auf den Anti-Drogen-Krieg auf. Künftig werden US-Sondertruppen Kolumbiens Armee nicht nur in chemischer Kriegsführung gegen den Koka-Anbau unterweisen, sondern auch in der Aufständischenbekämpfung. Begonnen wird zunächt mit einem Trainingsprogramm entlang der Pipeline Cano Limon, die das von der Occidental Petroleum (Kalifornien) in Aurauca geförderte Erdöl zur Karibikstadt Carenas bringt und auf die die Guerilla heuer 117 Anschläge verübt hat.
Kolumbiens kriegsmüde Bevölkerung wird vom Frieden also weiter träumen müssen. Der militärische Schlagabtausch steht erst bevor. "Zwei Jahre wird nun mal gekämpft", meint Prof. Gerhard Drekonja von Institut für Geschichte der Uni Wien. "Die Regierung wird einmal schauen, wer das wie aushält". Leidtragende sei einmal mehr die Zivilbevölkerung, die schon jetzt aus 2 bis 3 Millionen Binnenflüchtlingen besteht.
Früher oder später, mit oder ohne Uribe, wird es wieder Verhandlungen gegen müssen, denn der Krieg zwischen der Guerilla und der mit den Paramilitärs eng verflochtenen Armee ist militärisch auf keiner Seite zu gewinnen.
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