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Opfer klagen ihr Leid ein

Von WZ Online

Politik

Genf. 67 Prozent von Landminenopfern sind der Ansicht, dass ihre Bedürfnisse von den Staaten und der internationalen Gemeinschaft nicht berücksichtigt werden. In einer aktuellen Studie schildern Überlebende aus 26 Ländern ihr Schicksal.


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In dem Bericht "Voices from the Ground" wurden Aussagen und Informationen von 1.645 Überlebenden von Landminen und explosiven Kriegsüberresten zusammengetragen und deren Situation zehn Jahre nach Inkrafttreten der Ottawa-Konvention zu Antipersonenminen analysiert. Die Lage von Minenopfern wurde in den unterschiedlichsten Staaten untersucht - von Afghanistan bis Äthiopien, von Serbien bis Thailand.

Die meisten Überlebenden erhielten laut der Studie anfängliche medizinische Versorgung und grundlegende Rehabilitationsleistungen, aber speziellere Behandlungen und Folgeversorgung waren für einen Großteil der Betroffenen außer Reichweite. Psychosoziale Unterstützung beispielsweise wurde generell vernachlässigt oder Familiennetzwerken überlassen. Wirtschaftliche Reintegration ist der Bereich, wo die meisten Befragten dachten, dass sich ihre Lage verschlechtert hätte: 85 Prozent der Überlebenden waren davon überzeugt, dass sie "die letzten wären", die jemals einen Job bekämen, und drei Viertel der Überlebenden meinten, dass ihr Haushaltseinkommen ungenügend sei.

Statistisch nicht erfasst

Während Überlebende in vielen Ländern anmerkten, dass für sie und andere Personen mit Behinderungen relevante Gesetze und politische Initiativen geschaffen worden waren, sahen sie weniger Fortschritte in der effektiven Umsetzung dieser Gesetze und Initiativen. Ein Viertel der Überlebenden meinte, dass sich die Koordination der Opferunterstützung verbessert hätte, aber nur ein Fünftel, dass sie in die Koordination mit einbezogen wurden. Außerdem waren über 42 Prozent der Landminenopfer statistisch nicht erfasst worden, während 28 Prozent der Überlebenden der Meinung waren, dass sie als Folge solcher Statistiken mehr Leistungen erhielten. "Die Zeit ist gekommen, um Überlebende nach ihren individuellen Bedürfnissen zu fragen, und zu handeln, und nicht nur zu reden," erklärte etwa ein Mann aus Jordanien, der sein linkes Bein verlor, als er während eines Familienausfluges auf eine Mine trat.

Insgesamt meinten ein Viertel aller Befragten, dass sie im Jahr 2009 mehr oder bessere Leistungen als 2005 erhielten: "Ich bin sehr bemüht, mein Bestes für meine Familie zu geben, aber auch, meine Selbsthilfegruppe und die Erhaltungsfähigkeit meiner Gemeinschaft aufrechtzuerhalten," sagte ein 48-jähriger Mann aus Kambodscha, der sein rechtes Bein 1991 durch eine Landmine verlor. Ein Sozialarbeiter aus Uganda, der einen Landminenunfall 1989 überlebte, kam zu dem Schluss, dass sich "Opferhilfe vor Ort noch nicht bemerkbar" mache.

Anstrengungen notwendig

"Dieser Report verlangt nach viel mehr konkreten Anstrengungen vor Ort, um auf die Bedürfnisse von Überlebenden einzugehen", betonte hierzu Judith Majlath, Direktorin der österreichischen Sektion der Internationalen Cluster Munition Coalition, CMC Austria, am Mittwoch in einer Aussendung.

"Die Staaten, die die Zukunft der Ottawa-Konvention zu Antipersonenminen planen, sollten beispielsweise einen innerstaatlichen Plan und ein Budget aufstellen mit einem konkreten Zeitrahmen für Maßnahmen zur Opferunterstützung, eine staatliche Anlaufstelle zur Koordinierung aller Aktivitäten bestimmen", reagierte Alexander Breitegger, Völkerrechtsexperte der Universität Wien, auf die Veröffentlichung der Studie. Zudem solle man die Opfer aktiv mit einbeziehen und mit den Opfern und den sie vertretenden Organisationen Konsultationen führen.

"Voices from the Ground" ist nach Angaben von CMC Austria der erste veröffentlichte Report, der für die Periode zwischen 2004 und 2009 Aufschluss über die Situation von Landminenopfern in den 26 am meisten betroffenen Staaten gibt. Er zeichne ein kritisches Bild über die nicht zu unterschätzenden Herausforderungen, um die Verpflichtung aus der Ottawa-Konvention zu Antipersonenminen umzusetzen, wonach jeder Vertragsstaat, "der hierzu in der Lage ist," Hilfe bei der Fürsorge und Rehabilitation sowie bei der sozialen und wirtschaftlichen Wiedereingliederung von Minenopfern leisten und Programme zur Aufklärung über die Gefahren von Minen unterstützen müsse. Während der Ottawa-Vertrag der erste internationale Abrüstungsvertrag war, der auch eine Verpflichtung zur Unterstützung von bereits bestehenden Opfern der verbotenen Waffen enthielt, kristallisiere sich erst im Laufe der Umsetzung dieser Konvention heraus, was Opferunterstützung eigentlich bedeute, so CMC Austria.

Jährlich tausende Opfer

Streumunition besteht aus Hunderten kleinen Sprengkörpern, die mit Granaten oder Bomben abgeschossen werden. Blindgänger bleiben am Boden liegen und explodieren erst Jahre später. Tausende Menschen werden durch diese Munition jedes Jahr getötet oder verletzt. Einige der größten Produzenten und Verwender nehmen an den Bemühungen um ein Verbot nicht teil: USA, Russland, China, Israel, Indien und Pakistan. Insgesamt produzieren 34 Länder Streumunition, und 76 haben Lagerbestände.

Der Report "Voices from the Ground" wurde auch in den folgenden Ländern vorgestellt: Afghanistan, Ägypten, Albanien, Äthiopien, Belgien, Bosnien-Herzegowina, Chile, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Indien, Jemen, Jordanien, Kambodscha, Kolumbien, Luxemburg, Nepal, Nigeria, Pakistan, Sambia, Senegal, Serbien, Spanien, Sudan, Tadschikistan und USA.

StudieVoices from the Ground (PDF)