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Oscar in ausländischer Hand: Diese Verleihung brach mit allen Regeln

Von Thomas Fanta

Analysen

Wer hätte gedacht, dass das Familienfest des Film-Mainstreams einmal fest in europäische Gewinner-Hand geraten, die eigentliche Sensation mit "Die Fälscher" aus Australia, oh, pardon, Austria, kommen würde?


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Abgesehen von diesem erfreulichen Auslands-Voting wurde heuer auch die Regel, dass die HauptOscars US-Angelegenheit zu bleiben hätten, in einzigartiger Weise gebrochen. Der großartige Thriller "Michael Clayton" hatte zwar das attraktivste US-Zugpferd, den Preis trug dennoch eine schottische Adelige davon.

Übrigens die einzige wirkliche Überraschung des Abends. Beim Western-Thriller "No Country for Old Men" kam ein Spanier zu Ehren. Das düstere Öl-Epos "There Will Be Blood" wiederum dominierte ein Brite. Schließlich überzeugte eine Französin als Edith Piaf. Selbst als bester Song wurde der dreimal nominierte Disney-Liebling Alan Menken ausgebootet und ein ganz schlichtes irisches Lied aus "Once" bevorzugt.

Die Hauptpreisträger kamen also scheinbar aus der Independent-Ecke. Auch wenn das nicht wirklich stimmt, derartige Filme finden nur beschränkt US-Publikum. Das Box Office dokumentiert, dass sämtliche erwähnte Spitzenfilme gerade ihre Produktionskosten einspielen. Amerikaner stehen anscheinend nur auf die simplen und aufwändigen Produkte der Traumfabrik: Das ist auch einer der Gründe, warum heuer um ein Viertel US-Zuseher weniger als üblich die Live-Übertragung verfolgten.

Ein anderer ist bei der Verunsicherung durch den Autoren-Streik zu suchen. Würde nach der Absage der "Golden Globes" die Veranstaltung zu retten sein? Kein ganz unberechtigter Zweifel. Die zu kurze Vorbereitungszeit machte sich bemerkbar: Moderator Jon Stewart präsentierte souverän, seine Gagschreiber waren aber noch nicht warm gelaufen. Bis auf wenige Ausnahmen blieb die Gala unpolitisch und überraschungsfrei, Showeinlagen waren enttäuschend.

Wohl, weil Amerika angesichts der drückenden Ausländer-Invasion ein wenig Boden gut machen wollte, durften fünf US-Soldaten in Bagdad die Nominierungen für den besten dokumentarischen Kurzfilm verlesen. Obwohl der Gewinner eine harte Kriegs-Anklage ist, wirkte die Präsentation, gelinde gesagt, seltsam. Und damit sich der Moderator angesichts der vielen finsteren Kerle in den nominierten Filmen keine Sorgen um Hollywoods seelische Gesundheit machen musste, bezeichnete er "Juno" als "Geschenk des Himmels".

Für das beste Drehbuch über eine unbekümmert schwangere 16-Jährige erhielt ein ehemaliges Striptease-Girl den Oscar. Wenn es stimmt, dass Film auch Spiegel seiner Zeit ist, dann sagt diese Oscar-Gala eine Menge aus. Der Vorteil jedoch ist unbestreitbar, dass diesmal keine kassenträchtigen Gefälligkeiten, sondern sehenswerte Werke ausgezeichnet wurden. Was, zumindest jenseits der USA, auf stärkeren Publikumszustrom hoffen lässt.