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Österreichische Firmen drängen nach Berlin

Von Stefan David Kaufer, Berlin

Wirtschaft

Seit über zehn Jahren frischt der Osten Berlins sein Gesicht auf. Im historischen Zentrum der ehemaligen Hauptstadt der DDR wird in beinahe jeder Straße saniert oder neu gebaut. In vielen der neu entstehenden Geschäfte siedeln sich österreichische Unternehmen an - heute eröffnet Palmers eine Filiale.


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Gerade wurde eine Baulücke vor dem restaurierten Bahnhof Friedrichstraße geschlossen, die nach Kriegsende entstanden war und bis vor kurzem noch als schäbiger Park und Imbissbuden-Standort diente. Neben dem Eingang zu einer neu eröffneten Eisdiele, die "home-made Australian ice-cream" anbietet, war die Auslage des großen Neubaus eine Weile verhängt. Vier Poster vor den verhüllten Scheiben ließen zumindest die männlichen Passanten stehen oder wenigstens mit verstohlenem Blick hängen bleiben: Die in Österreichs Städten seit Jahrzehnten präsenten, bis zur Über-Perfektion schlanken Unterwäsche-Models blickten treuherzig und gleichzeitig provokativ von den Plakaten: "Hier eröffnet am 29.8. ihre neue Palmersfiliale", stand in grünen Lettern darüber.

Anziehende Punkte für Berlin-Touristen

Solche Mode "Made in Austria" kennen auch manche Berliner bereits seit Längerem, etwa aus den "Arkaden" am Potsdamer Platz. Dabei handelt es sich um eine gläserne Einkaufspassage mitten in dem in wenigen Jahren aus dem Boden gestampften neuen Stadtzentrum auf dem ehemaligen Brachland zwischen Ost und West, das vor dem Zweiten Weltkrieg eine der belebtesten Gegenden Europas gewesen ist. Diese Spielwiese für neue Architektur begeistert zwar mehr Touristen als Berliner, doch ist das kauflustige Publikum im Palmers-Shop gemischt, erzählt Verkäuferin Yvonne. Seit der Eröffnung der "Arkaden" im Herbst 1998 präsentiert sich das 1914 in Innsbruck gegründete Traditionsunternehmen auf dem Potsdamer Platz - und die Geschäfte laufen gut.

Ein paar Schritte weiter hat ein weiteres Unternehmen aus Tirol seinen Laden: die in aller Welt für ihre fein geschliffenen gläsernen Glitzertierchen bekannte Firma Swarovski aus Wattens. 2001 hat sie in Österreich zusammen mit Palmers eine Kristallglas-Schmuckkollektion vertrieben, und auch in den "Arkaden" lebt man als Nachbarn gut zusammen. Wie der Unterwäsche-Fabrikant ist auch Swarovski seit 1998 hier, mit dem (damals) ersten Geschäft in Deutschland überhaupt. Über den Umsatz äußert sich Verkäuferin Silke Eschemann sehr positiv, wenn auch die meisten Kunden Berlin-Touristen seien.

Nicht alle Österreicher setzen auf Adressen im "neuen" Teil der Stadt, der die Fremden am meisten anzieht. "Wien - Berlin coming soon" steht auf den Plakaten vor dem eingerüsteten Altbau am Kurfürstendamm 26, nahe dem renommierten Café Kranzler. "Die weltgrößte Schuhbühne" wird Humanic den Postern nach bald in das Gebäude in der West-City holen. Mit dieser eigenartig klingenden Ankündigung nimmt die Firma auf die ebenfalls am Ku'damm gelegene Schaubühne Bezug, an der früher Peter Zadek inszenierte und wo heute der junge Regisseur Thomas Ostermeier um künstlerische Anerkennung kämpft.

Einen aufwendigen Versuch, Berlin für sich einzunehmen, unternahm diesen Sommer Vöslauer. Der Mineralwasser-Hersteller aus Bad Vöslau hat die "Trend-Metropole" zum Testmarkt für den gesamten deutschen Raum auserkoren.

Wasser-Werbung mit prominentem Beistand

Doch warum fiel die Wahl auf diese Stadt? Hauptzielgruppe gerade für die neuen Wellness-Getränke des Konzerns seien "urbane KonsumentInnen ab 20 Jahren - gesundheitsbewusst, Lifestyle-orientiert und mit überdurchschnittlichem Einkommen". Und unter den 3,4 Millionen Einwohnern der deutschen Hauptstadt sei die "anvisierte Zielgruppe überdurchschnittlich stark vertreten". Diese Einschätzung überrascht zwar den hiesigen Zeitungsleser, der in diesen Wochen (bis zur Hochwasser-Katastrophe) von kaum etwas anderem als der "geplatzten Seifenblase" Berlin, 18% Arbeitslosigkeit und nicht enden wollenden Entlassungen im Medien- und Kreativbereich las.

Doch ist es Vöslauer unbestreitbar gelungen, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken - mit Hilfe einer Berliner Schwimmerin: "Franziska van Almsick verkörpert ideal die Werte von Vöslauer, nämlich Reinheit, Natürlichkeit und Wohlbefinden", proklamiert Vorstandsvorsitzender Alfred Hudler. Was die 24-jährige Sportlerin vor allem verkörpert und in ihrer Heimatstadt so beliebt macht, ist die ihr eigene Mischung aus Erfolg und Scheitern. Einerseits war sie 1998 fast vergötterte Top-Schwimmerin, andererseits 2000 gemein als "Franzi van Speck" verspottete Olympia-Versagerin. Viele Bewohner der hochtrabenden wie hoch verschuldeten Glanz-und-Pleite-Metropole können sich daher mit "ihrer Franzi" identifizieren, die für Vöslauer von Plakatwänden und aus Tageszeitungen blickte sowie in einem in über 130 Kinos gezeigten Werbespot eine Rückenansicht auf ihren nackten Körper gewährte (wenn dieser Rücken auch einer anderen, schlankeren Frau gehörte).

Balsam für die neben München und Hamburg oft arm aussehende Hauptstadtseele und äußerst erfreulich für den Sponsor war, dass die wieder in Form gekommene van Almsick während der Anfang August zu Ende gegangenen Europa-Meisterschaft das Spott-Image abschütteln und fünf Goldmedaillen erschwimmen konnte. Dabei stellte sie auch noch zwei neue Weltrekorde auf, was die Strategen von Vöslauer wohl dazu veranlasst haben dürfte, zur Feier des Tages ausnahmsweise einmal am Mineralwasser vorbei und in den Kasten mit den Getränken zu greifen, die im Körper auf nicht ganz so gesunde Weise ein Gefühl von Wellness erzeugen. Da war gewiss die eine oder andere Marke dabei, die in Berlin noch niemand kennt.

Noch nicht.