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Österreichs Firmen entdecken China

Von Peter Muzik

Wirtschaft

Top-Betriebe starten heuer China-Offensive. | Regenanlagen und Walzen statt Sissi und Lipizzaner. | Angst vor Verlust heimischer Arbeitsplätze. | Der Industrielle Hannes Androsch hat eine ungewöhnlich starke Affinität zur Volksrepublik China: Anfang Juni gab die steirische AT&S, bei der er Aktionär und Aufsichtsvorsitzender ist, bekannt, dass sie die Massenproduktion von HDI-Leiterplatten endgültig nach Asien verlagern werde. Mit der Ankündigung, dass die Kapazitäten am Standort Leoben-Hinterberg fast halbiert und Arbeitsplätze exportiert werden, geriet der sozialdemokratische Ex-Finanzminister und Multimillionär prompt ins Kreuzfeuer der Kritik.


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Dabei handelte es sich für Androsch lediglich um eine logische Entscheidung: Der zuletzt in die roten Zahlen gerutschte Leiterplattenhersteller, der auch in Indien und Korea produziert, hat es seit 2001 auf drei Produktionsstätten in Shanghai gebracht. Die AT&S ist mit einem Investitionsvolumen von rund 500 Millionen Dollar und rund 3200 Mitarbeitern zum größten rot-weiß-roten industriellen Investor in der Volksrepublik geworden.

Künftig sollen die AT&S-Werke in der fernöstlichen Megacity, wo bereits mehr als 40.000 internationale Unternehmen tätig sind, die Zukunft des österreichischen Betriebs absichern.

Der Schock, für den AT&S hierzulande sorgte, war allerdings kein Einzelfall: Anfang Oktober wurde nämlich der in Ried im Innkreis ansässige Airlinezulieferer FACC, bei dem Androsch indirekt ebenso Aktionär wie die oberösterreichische Raiffeisenlandesbank war, mehrheitlich an die Chinesen verkauft. Die Xian Aircraft Industry Company Ltd. mit Sitz in Xian und der Finanzinvestor Advanced Treasure Limited mit Sitz in Hongkong werden das Kapital von 40 auf 80 Millionen Euro aufstocken - was Androsch & Co. niemals geschafft hätten - und für die weitere Aufwärtsentwicklung des oberösterreichischen Unternehmens sorgen.

370 österreichische Firmen schon vor Ort

Es ist bestimmt kein Zufall, dass Hannes Androsch von der Bundesregierung als Kommissär für die heuer in Shanghai stattfindende Expo 2010 bestellt wurde. Der Mammutevent von Anfang Mai bis Ende Oktober bietet der heimischen Wirtschaft die Chance, sich vor den erwarteten 70 Millionen Besuchern zu präsentieren und mit Volldampf zu versuchen, am asiatischen Supermarkt künftig stärker mitzumischen als bisher.

Bevor das Spektakel auf dem 5,3 Quadratkilometer großen Expo-Areal startet, der 16 Millionen Euro teure, von Alpine Mayreder errichtete Österreich-Pavillon die üblichen Klischees - Mozart, Sissi und Lipizzaner - verbreiten und zugleich zum Zentrum großer geschäftlicher Hoffnungen wird, rotieren schon Politik und einschlägige Lobbys wegen China: Den Auftakt wird der offizielle Arbeitsbesuch von Bundespräsident Heinz Fischer bilden, der sich vom 18. bis 22. Jänner an der Spitze einer Wirtschaftsdelegation in Peking aufhält.

Die Wirtschaftskammer wiederum plant bereits jede Menge einschlägiger Missionen, Marktsondierungsreisen und Gruppenausstellungen. Sie möchte ihren Mitgliedern unbedingt eintrichtern, dass im bevölkerungsreichsten Land der Welt auch für österreichische Unternehmen einiges drinnen ist - speziell in den Bereichen Verkehr, Umwelt und Energie sowie Gesundheit und Medizintechnik. Zurzeit sind erst etwas mehr als 370 österreichische Betriebe in China vertreten. Das Land ist damit gemäß den vorliegenden Zahlen der Statistik Austria Österreichs elftgrößter Exportmarkt. Bei den rot-weiß-roten Einfuhren liegt es bereits auf Rang vier.

Botschafter: "In China geht die Post ab"

Im vergangenen Jahr konnten etliche Unternehmen in China respektable Aufträge ergattern: Der steirische Technologiekonzern Andritz wird etwa an den größten Titan-Produzenten Kaltwalz- und Bandbehandlungsanlagen im Wert von 40 Millionen Euro liefern. Vom Zellstoff- und Papierproduzent Shandong Chenming kam eine 160-Millionen-Euro-Order. In Benxi wird eine elektrolytische Verzinkungsanlage für Stahlbänder entstehen. Und in der Provinz Anhui werden die Steirer ein Walzwerk mit einer Jahreskapazität von 40.000 Tonnen Bandmaterial errichten.

Das turbulente Wachstum - das chinesische BIP könnte heuer um bis zu 12 Prozent zunehmen -, die niedrigen Löhne und andere Annehmlichkeiten im kommunistischen Boom-Staat können vor allem jene Investoren genießen, die so wie alle namhaften Multis schon längst auf China schwören: Ludwig Obwieser etwa, Gründer des Tiroler Leuchtenherstellers Eglo, hat dort nicht weniger als 4000 seiner weltweit 5200 Mitarbeiter sitzen. Im Vorjahr investierte der österreichische Asien-Pionier immerhin rund 20 Millionen Euro in die chinesischen Produktionsstätten.

Ein ausgewiesener China-Fan ist auch Otto Roiss, der 2003 im Zuge eines Management Buyouts das Voitsberger Röhren- und Pumpenwerk Bauer übernommen hat: Die Bauer Group, die sich etwa auch in Südafrika, Brasilien und Australien stark engagiert, hatte in China schon 2001 3500 Beregnungsanlagen im Einsatz und produziert solche nunmehr in Jinan City. Überdies zog sie im Rahmen eines Joint Ventures ein ausgedehntes Vertriebsnetzwerk auf. Roiss stört es wenig, dass sein Management vor Ort mittlerweile bereits Unsummen verdient. Er genießt vielmehr, dass - wie es Martin Sajdik, Österreichs Botschafter in Peking, formuliert - "in China die Post abgeht".

"Staatswirtschaft ist schwer einzuschätzen"

Während die bewunderte Wirtschaftsgroßmacht beispielsweise wegen neuer Umweltschutzauflagen für Firmen wie die Frauenthal AG ein Hoffnungsmarkt erster Güte ist, wird die weltweite Offensive des Riesenimperiums (siehe Kasten) da und dort mit Sorge betrachtet. Zu Befürchtungen, dass es manchen heimischen Betrieben bald so ähnlich ergehen könnte wie der Rieder FACC, gesellt sich die Angst um heimische Arbeitsplätze.

So hat beispielsweise RHI-Boss Thomas Fahnemann kürzlich angekündigt, dass er die Produktion in Asien verstärken möchte: "In den nächsten zwei bis drei Jahren werden 250 Jobs nach China verlagert." Das wird zwar primär ein kanadisches Werk treffen, das stillgelegt wird, aber verursacht auch hier zu Lande Unruhe. Der Feuerfest-Spezialist ist in China bereits an drei Standorten aktiv, in deren Ausbau 21 Millionen Euro investiert werden.

Ähnlich die Situation beim Kristallhersteller Swarovski, der in 19 Ländern mit Produktionsstätten vertreten ist. Während die Tiroler am Stammsitz Wattens in großem Stil laufend Personal abbauen, sind auch in diesem Fall - neben Tschechien - die Chinesen die großen Nutznießer. Das Land der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, das selbst den USA Dampf macht, ist aber nicht unbedingt jedermanns Sache:

Gerald Grohmann, Boss von Schoeller-Bleckmann Oilfield Equipment, hat sich vor einem Jahr für eine Produktion in Vietnam und damit gegen China entschieden. Damalige Begründung: "Wir haben ein gewisses Problem mit der chinesischen Staatswirtschaft, weil sie schwer einzuschätzen ist."

Der Leondinger Feuerwehrausrüster Rosenbauer wiederum trat mit Ende 2008 seine Anteile an einem 50:50-Joint Venture in der Provinz Guangdong um einen Euro an den bisherigen Partner ab. Grund: Die strategischen Erwartungen in das Projekt hätten sich in dreieinhalb Jahren nicht erfüllt. Seither werden die dort hergestellten Feuerwehrautos unter neuem Namen vertrieben.

Wissen

Von Jänner bis September 2009 hat Österreich Waren im Wert von 1,4 Milliarden Euro nach China ausgeführt - beinahe so viel wie nach Russland oder Slowenien - und dabei ein Plus von 5,3 Prozent verzeichnet. Im selben Zeitraum waren die Exporte insgesamt um 23,5 Prozent rückläufig.

Aus der Volksrepublik wurden in den genannten neun Monaten Produkte für 3,3 Milliarden Euro importiert, was einem Minus von 7,5 Prozent entsprach. Alles in allem sackten die Einfuhren jedoch um 20,4 Prozent ab.

Die Handelsbilanz war laut Statistik Austria in den ersten neun Monaten mit 1,9 Milliarden negativ - China liegt diesbezüglich nach Deutschland auf Rang zwei. Das Reich der Mitte ist jedenfalls Österreichs elft-wichtigster Exportmarkt - noch vor der Slowakei, Spanien und den Niederlanden. Bei den rot-weiß-roten Importen liegt die Volksrepublik jedoch nach Deutschland, Italien und der Schweiz schon an vierter Position.

Die Einkaufstour der Chinesen

Der neueste Coup der Chinesen ist praktisch fix: Die Zhejiang Geely Holding Group, der größte private Autohersteller der Volksrepublik, nimmt Ford demnächst um rund zwei Milliarden Dollar die schwedische Marke Volvo ab. Die Übernahme des schwer defizitären Konzerns ist ein Beleg, dass China auch bei internationalen Takeovers endgültig zum Big Player geworden ist.

Die Chinesen, die ihre gigantischen Devisenreserven jahrelang konservativ in niedrig verzinste US-Staatsanleihen investiert haben, verfolgen seit zwei Jahren eine clevere Strategie: Seit der Gründung der China Investment Corporation (CIC) im September 2007 setzen sie auf den mit 200 Milliarden Dollar ausgestatteten Staatsfonds, der speziell auf dem Weltmarkt laufend für Furore sorgt.

Rund die Hälfte des Kapitals ist für diverse Auslandsaktivitäten reserviert, mit denen sich China im Vorjahr unentwegt in Szene setzte: Der Staatsfonds beteiligte sich beispielsweise am amerikanischen Stromproduzenten AES, an der kasachischen KazMunaiGas Exploration Production, an SouthGobi Energy Resources in der Mongolei sowie an der kanadischen Teck Resources Ltd.

Schon etwas länger ist die CIC, deren Assets Ende 2008 fast 300 Milliarden Dollar ausmachten, Aktionär bei Visa, der amerikanischen Großbank Morgan Stanley sowie der US-Beteiligungsgesellschaft Blackstone. Die weltweite Finanzkrise steckte sie vergleichsweise locker weg.

Die spektakuläre Invest-Offensive des kommunistischen Riesenreichs sorgt in vielen Staaten für Aufregung: In Deutschland, wo zum Beispiel die Dresdner Bank 2008 ins Visier der CIC geraten war oder eine chinesische Beteiligung an der Deutschen Bahn als nicht undenkbar gilt, wird schon länger über Schutzmaßnahmen für einheimische Betriebe nachgedacht. CIC-Boss Lou Jiwei, der lediglich 200 Mitarbeiter unter sich hat, lässt sich davon jedenfalls nicht beirren: "Wenn wir einen fetten Hasen sehen, dann werden wir ihn erlegen." Dabei will er sich aber keinesfalls in die Karten schauen lassen: "Uns werden die Wölfe fressen, wenn wir überall transparent sind."