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Osttimor Beispiel für andere Unruheherde?

Von Bernard Estrade Jakarta

Politik

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· Was kommt nach Osttimor? Aceh, Irian Jaya oder doch die Molukken? Die Abstimmung über die Unabhängigkeit der früheren portugiesischen Kolonie Osttimor von Indonesien droht die

politische Einheit des viertgrößten Landes der Welt ins Wanken zu bringen. Die Regierung in Jakarta fürchtet, das "Unabhängigkeitsvirus" könne in dem großen Inselreich auf ein halbes Dutzend andere

Konfliktherde überspringen. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Annexion Osttimors im Juli 1976 von der UNO bis dato nicht anerkannt wurde. Seit mehr als einem Jahr versucht die Regierung in

Jakarta, die ethnisch, religiös oder sozial bedingten Konflikte mit Gewalt niederzuhalten. "Indonesien scheint eine Identitätskrise durchzumachen", urteilt ein politischer Beobachter. "Dies ist

sicherlich nicht der beste Moment, den Osttimor-Konflikt zu lösen." Von Aceh, ganz im Westen, über die Molukken und Borneo bis zur äußersten Ostgrenze Indonesiens in Irian Jaya auf der Insel Papua-

Neuguinea haben die blutigen Konflikte über die Jahre Tausende Menschen das Leben gekostet und Hunderttausende zu Flüchtlingen gemacht.

Die indonesische Armee wird ihrem Anspruch, Hüter der territorialen Einheit des moslemischen Landes zu sein, schon lange nicht mehr gerecht. Nichtsdestoweniger weigert sich das Militär hartnäckig, in

Konflikt trächtigen Gebieten eine ausschließlich zivile Kontrolle zuzulassen. Ruhe und Frieden sind aber mit einer Politik der harten Hand nicht zu bewahren · im Gegenteil: Die brutale Unterdrückung

jeder Freiheits-, Widerstands- oder auch nur Oppositionsbewegung wie in Osttimor hat die Menschen in die Arme von Rebellen getrieben. So auch in Aceh, wo moslemische Guerilleros für die

Unabhängigkeit von Jakarta kämpfen. Wegen des Reichtums an Bodenschätzen wird die Zentralgewalt in Jakarta diese Provinz am Nordzipfel Sumatras aber gewiss nicht in die Unabhängigkeit entlassen.

Immerhin arbeitet die Regierung inzwischen an einer Reihe von Gesetzen, mit denen allmählich eine Regionalisierung und bestimmte Formen von Autonomie für die unterschiedlichen Provinzen des Landes

eingeleitet werden sollen. Bisher scheiterte jede Reform an der zentralistischen Bürokratie. Denn vor allem diese Goldadern sichern die Prosperität der Hauptinsel Java, wo sich nicht nur das

Herzstück der indonesischen Industrie, sondern auch die Hälfte der Bevölkerung des Landes konzentriert.

Staatschef Jusuf Habibie wird vorgehalten, er habe mit der Zustimmung zum Osttimor-Referendum der "Balkanisierung" Indonesiens Vorschub geleistet. Daher betont die Präsidentenberaterin Dewi Fortuna

Anwar, dass Osttimor einen Sonderfall in der Geschichte Indonesiens darstellt. Sie verweist darauf, dass Osttimor eine portugiesische Kolonialvergangenheit hat · anders als das ehemals von den

Niederlanden beherrschte indonesische Inselreich. Ob diese Logik in der Öffentlichkeit verfängt, bleibt dahingestellt, wo doch die zentralstaatliche Propaganda zwei Jahrzehnte lang behauptete,

Osttimor sei nichts weiter als "die jüngste Provinz" Indonesiens.