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Pakistan: Ein Land im Kampf gegen Lepra

Von Ruth Pfau

Gastkommentare

Als ich am 8. März 1960 in Karachi landete, nach ernüchterndem endlosen Flug über Steppe und Wüste, wusste ich nicht, dass dieses Land mein Schicksal werden würde. Es war als Zwischenlandung auf dem Weg nach Indien gedacht.


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Mehr als 50.000 gingen seither durch unsere Hände. Wir litten mit vielen: Komplikationen, Sozialprobleme. Keiner, für den wir nicht, mit Geduld und Kenntnis und der finanziellen Hilfe unserer Freunde, eine Lösung gefunden hätten. Kein Dorf in den Bergen oder an der Küste, das wir nicht zu Fuß doch erreicht hätten, in das wir nicht, durch den Sand stapfend, Medikamente gebracht hätten. Wir, das Team unserer Lepra-Helfer, die mit mir die Patienten fanden und keine Mühe und Gefahr scheuten, um die Arbeit fortzuführen und sie auszuheilen.

1996 hatten wir in Pakistan die Lepra endlich im Griff, nach 36 Jahren. Es war den Lepra-Assistenten zu verdanken, dass wir die anspruchsvolle Multi-Therapie landesweit durchführen konnten. Wir setzten unser Leben aufs Spiel, um es Wirklichkeit werden zu lassen: der Angriff auf das Krankenhaus in Gilgit, bei dem ein Lepra-Assistent starb; die Arbeit in Groß-Karachi, während der wir mit Kalaschnikows fuchtelnden Burschen entgegen marschierten; die Behandlung der Patienten in Baluchistan während der Sturzflutgefahr und im Karakorum während der Lawinenzeit.

Und heute? Ich bin gerade von Sindh zurück. Wir können die Arbeit nicht aufgeben, wir müssen am Ball bleiben, wir haben noch immer etliche Neufälle in Pakistan, weil die Inkubationszeit bis zu 40 Jahre beträgt. Aber unsere 175 Außenstationen, unsere 480 Mitarbeiter können wir nicht mehr verantworten. Wir haben der Regierung angeboten, unsere Infrastrukturen für weitere medizinisch-soziale Dienste zu nutzen. Die Lepra-Assistenten sind so in die Gemeinschaft integriert, geschätzt für ihre Arbeit, dass die Bevölkerung auf sie hört.

Und einige von den Mitarbeitern entwickeln Initiativen, wie Paulus (unser einziger Christ im Team). "Ich wollte mich nicht langweilen", erklärt er, "ich hatte nur noch einen Lepra-

Patienten, da habe ich mit Tuberkulose angefangen." Mittlerweile sind es 173 Tuberkulose-Patienten, die er versorgt.

Und dann die Haris, die Leibeigenen der Großgrundbesitzer von Sindh, die für einen Hungerlohn arbeiten. Ich habe mich umgeschaut. Ziegelherstellung ist ein gutes Geschäft in meiner Gegend. Jetzt habe ich 65 Familien angestellt, es ist harte Arbeit, aber man kann davon leben. Die Ziegelarbeiter haben ein nützliches Handwerk gelernt und genießen die Atmosphäre in unserer Fabrik unter freiem Himmel, sie haben zu essen und sie haben ihre Würde. Eine Schule möchte ich so gern noch aufmachen, die Kinder brauchen es wirklich. Wie sollen sie im 21. Jahrhundert als Analphabeten ihr Leben meistern?

Was mich in der Entwicklung so glücklich macht: Auf den für Lepra urbar gemachten Feldern bringen wir jetzt neue Ernten ein!

Ruth Pfau (80) ist Ordensschwester und Lepra-Ärztin in Pakistan.