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Pakistans Taliban weiten Operationsradius aus

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Polizeizentrale in Karachi bei Angriff komplett zerstört. | Neu Delhi. Sie gilt als die sicherste Gegend Karachis: In der "roten Zone" der pakistanischen Hafenstadt liegen das Haus des Regierungschefs, zahlreiche Konsulate, das Sheraton-Hotel und andere Luxusherbergen. Viele Straßen sind mit Absperrungen versehen, die Polizei kontrolliert Fahrzeuge. Hier verübten Terroristen einen koordinierten Angriff auf das Büro der Kriminalpolizei, bei dem mindestens 20 Menschen starben und über 100 verletzt wurden. Die Täter lieferten sich zunächst ein 30-minütiges Feuergefecht mit den Wachen, dann rammten sie einen Laster voll mit Sprengstoff in die Außenmauer des Geländes. Die Explosion zerstörte das gesamte Gebäude bis auf die Grundmauern und hinterließ einen zwölf Meter großen Bombenkrater.


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Experten sprechen vom schwersten Anschlag in der Stadt seit jeher. Die Detonation war noch Kilometer weit zu spüren. Angeblich sollen die Täter eine Tonne Sprengstoff verwendet haben. Zu dem Attentat bekannten sich die pakistanischen Taliban (Terik-e-Taliban). Die Gruppe hat ihre Hochburg allerdings im Nordosten des Landes und operiert normalerweise nicht im südlichen Karachi.

Das Gebäude der Kriminalpolizei in Karachi war schon mehrfach Ziel von Anschlägen gewesen. Es wird auch dazu genutzt, gefangen genommene Terroristen und Kriminelle zu verhören. Der Anschlag erfolgte einen Tag, nachdem sieben militante Islamisten verhaftet worden waren, die der Terrorgruppe Lashkar-e-Jhangvi angehören sollen. Lashkar-e-Jhangvi ist eine der gefährlichsten militanten Organisationen Pakistans. Sie hat enge Verbindungen zur Al Kaida und ist für eine ganze Reihe schwerer Attentate verantwortlich.

"Wir sind in einerKriegssituation"

Der Innenminister der Provinzregierung, Zulfiqar Mirza, erklärte, der Anschlag ähnele dem auf das Marriott-Hotel in Islamabad 2008, bei dem 60 Menschen starben. "Wir sind in einer Kriegssituation", sagte Sharmeela Farooqi, Sprecherin der Provinzregierung, dem TV-Sender Express 24/7. "Jeder ist extrem angreifbar, ob in den Städten oder in den nördlichen Grenzregionen."

Karachi leidet seit Jahren unter politischen, ethnischen, religiösen und sozialen Spannungen. Gewalt und Verbrechen sind an der Tagesordnung. Täglich sterben Menschen bei Schießereien rivalisierender Gangs oder politischer Parteien.

Rache für Festnahmenvon Taliban-Führer?

Doch bislang war die Hafenstadt von schweren Terroranschlägen im Guerillakampf-Stil weitgehend verschont geblieben. Eine der Erklärungen dafür ist, dass die von Al Kaida unterstützten Taliban die Stadt als Zufluchtsort für ihre Führungsriege nutzen und hier Kämpfer rekrutieren. Anfang des Jahres war hier die Nummer zwei der Taliban, Mullah Abdul Ghani Baradar, gefangen genommen worden. In der letzten Zeit hatte es vermehrt Razzien gegen Extremisten gegeben. Der Anschlag auf die Polizeizentrale könnte ein Racheakt dafür sein. In letzten drei Jahren kamen fast 4000 Menschen in Pakistan bei Terroranschlägen ums Leben. Das islamische Land steht unter internationalem Druck, gegen islamistische Gruppen im eigenen Land energischer vorzugehen.