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Panikmache vor der Grippe?

Von Christoph Rella

Wissen
Influenza: Jährlich erkranken 400.000 Menschen. Foto: pes

Influenza: Jährlich sterben Tausende. | Mediziner: "Virus ist wie jedes andere." | Zweite Welle im Jänner erwartet. | Wien/Salzburg. Vier Jahre hatte Hauptmann Otto Köhler im Ersten Weltkrieg gekämpft - und überlebt. Als er im November 1918 nach Niederösterreich heimkehrte, erkrankte der 29-Jährige an der "Spanischen Grippe" und starb. Nicht anders erging es Egon Schiele. Auch er erlag am 31. Oktober der Influenza. Der weltberühmte Maler war 28 Jahre alt.


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Nun ist das Pandemie-Gespenst von 1918 in Form der Schweinegrippe wieder zurück. Und auch wenn moderne Medizin und Impfungen die Gefahr eindämmen, so ist der Tod heute wie damals immer noch präsent - wie die ersten Todesfälle in Innsbruck und Salzburg beweisen. "Tatsächlich ist das jetzt grassierende Virus mit dem von damals verwandt", meint Michael Kunze vom Institut für Sozialmedizin in Wien. Nur stirbt heutzutage kaum noch jemand an der Influenza selbst, erklärt er. "Die Hauptbetroffenen sind nach wie vor Menschen mit chronischen Erkrankungen und Kinder." So haben sich in Wien laut Hochrechnung des Institutes für Virologie bisher 10.800 Menschen - das sind 50 Prozent mehr als in der Vorwoche - mit dem Virus angesteckt.

Einzelfälle gefährdet

In Lebensgefahr befinden sich drei Patienten in Salzburg. Auf der Intensivstation des Landeskrankenhauses liegen seit Montag ein 41-jähriger Mann aus Bayern und ein 58-jähriger Patient aus Oberösterreich im künstlichen Tiefschlaf. Letzterer leidet an einer schweren Lungenentzündung, zudem hat der stark übergewichtige Mann einen septischen Schock erlitten. Als "kritisch" wird auch der Zustand jenes 77-Jährigen bezeichnet, der auf der Intensivstation in den Salzburger Landeskliniken liegt.

"Die Schweinegrippe ist eine Influenza wie jede andere", gibt Kunze aber zu bedenken. "Das hier ist eine ganz normale Grippewelle, vielleicht ist sie sogar leichter als andere." Gleichzeitig verweist er auch darauf, dass jährlich bis zu 400.000 Österreicher an der saisonalen Influenza erkranken - und 3000 von ihnen auch daran wirklich sterben. An der Schweinegrippe hingegen leiden bisher nur wenige tausend Menschen. Daran gestorben sind zwei.

Trotzdem: Von Panikmache will der Mediziner nicht reden. Nur soviel: "Wir haben doch vereinzelt schwere Verlaufsformen." Über die Massen müsse man sich aber "keine großen Sorgen machen". Das Problem sieht Kunze weniger für die Patienten selbst als für das medizinische System. "Die Kranken blockieren Krankenhausbetten", sagt Kunz. Das hätten die Erfahrungen aus Australien gezeigt. "Die lagen wochenlang auf der Intensivstation."

Zweite Welle erwartet

Die Frage, wann der Höhepunkt der Schweinegrippe-Welle in Österreich erreicht sein wird, beantwortet Kunze so: "Ich denke, dass die ganze Sache in zehn bis elf Wochen wieder vorbei sein wird. Allerdings weiß niemand, ob nicht etwas nachkommt." Dass es eine zweite Welle geben könnte, vermutet auch Wilhelm Sedlak von der Ärztekammer und nennt den Monat Jänner als Zeitraum. Und Elisabeth Presterl, Oberärztin am Institut für Innere Medizin im AKH meint: "Das kann man nicht so genau sagen. Allerdings kann es schon zu einer zweiten Welle, die von Viren der saisonalen Influenza übertragen wird, kommen." Nachsatz: "Bis dahin sind dann die meisten Menschen eh schon geimpft."

Zu spät gekommen ist die Impfung hingegen für jene Kinder, derentwegen in den vergangenen Tagen zahlreiche Schulen und Kindergärten im ganzen Land vorübergehend schließen mussten. Für viele Österreicher offenbar Grund genug, sich doch impfen zu lassen. Der lachende Dritte: Die Pharmaindustrie.