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Ein Vater ist der männliche Elternteil, sagt Wikipedia. Der Vater ist der mit der Mutter Verheiratete oder der Mann, dessen Vaterschaft festgestellt ist, schreibt das Gesetzbuch. Die Vaterschaft beruht nur auf Überzeugung, glaubte Johann Wolfgang von Goethe. Was also macht den Vater denn nun aus? Gab es je eine einheitliche Vorstellung darüber? Und was hat sie mit der Realität zu tun?
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Im Wettstreit der Geschlechter steht es derzeit 70 zu 108 Millionen, nach anderer Zählart 21 zu 28 Millionen: Lässt man Internet-Suchmaschinen die Anzahl von Webseiten zum Thema Vater oder Mutter ermitteln, zeigt sich das sonst so männerdominierte Internet plötzlich von seiner weiblichen Seite.

Elternforen tauchen auf, die jeden erdenkbaren Aspekt der Mutterschaft debattieren, in denen Väter aber mehrheitlich als verzweifelt um Ratschlag suchende Jungväter oder als Gegenstand in Sorgerechtsfragen auftauchen. Seiten zur Mütterberatung, Filme, Literatur und vieles mehr hat das Internet zu bieten, wenn es um die Mutterschaft geht. Auf der Suche nach Informationen für und zu Vätern aber muss man stöbern, beharrlich bleiben und Irrwege in Kauf nehmen. Reiner Zufall? Vermutlich nicht. Denn nicht nur im Internet tun sich erhebliche Schwierigkeiten auf, wenn es darum geht, dem Wesen der Vaterschaft auf den Grund zu gehen.
Das hat mehrere Gründe - unter anderem historische, wie Familienforscher Wassilios Fthenakis, Verfasser des wissenschaftlichen Standardwerks "Väter" und anerkannte Koryphäe auf dem Gebiet der Vaterschaftsforschung, erklärt. Im Gespräch mit dem "Wiener Journal" räumt er zunächst mit Mythen des einen, traditionellen Vaterbildes auf. "Alle historischen Analysen deuten darauf hin, dass es in der Geschichte ganz unterschiedliche Bilder von Vaterschaft gegeben hat", sagt Fthenakis. Demnach hätten Studien aufgezeigt, dass die Vaterbilder in jeder Epoche ein Produkt sozialer, ökonomischer sowie religiöser Rahmenbedingungen waren. "Eine Kontinuität vom Patriarchat zum modernen Bild der Vaterschaft hat es jedenfalls nicht gegeben", ist der Pädagoge überzeugt.
Gerade das, was heute gemeinhin als traditionelles Vaterbild verstanden wird, ist nicht eindeutig festzumachen und auch zeitlich schwer einzugrenzen. So nahm der Vater in der bäuerlichen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts zunächst eine zentrale Rolle in der Familie ein: Da das Sorgerecht nach heutigem Verständnis Teil des Eigentumsrechts war und zugleich der Vater als Inhaber des familiären Eigentums auftrat, war die tragende Säule der Familie die Vater-Kinder-Beziehung - und nicht etwa die Mutter-Kind-Beziehung.
Industrialisierte Väter
Eine Rolle, die Väter freilich nicht lange spielen sollten. Im 19. Jahrhundert etablierte sich ein neues Vaterbild, das entscheidend von den wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen dieser Zeit geprägt wurde. "Die Industrialisierung holte die Männer aus dem Haushalt in die Fabriken, wo sie 60 Stunden pro Woche arbeiten mussten und damit keine Zeit mehr für die Kinder hatten", sagt Fthenakis. Gemeinsam mit der idealtypischen Familie, die bis dahin als agrarische Produktionseinheit verstanden wurde, erfuhr das Vaterbild eine Umdeutung: Während Mütter immer stärker die Hausarbeit und Erziehung der Kinder übernehmen mussten, definierte sich das Vaterbild zunehmend darüber, primär für das materielle Wohlergehen der Familie zu sorgen.
Die Nähe dieses, durch die Industrialisierung induzierten Konzeptes der Vaterschaft zu dem, was gegenwärtig als traditionelles Vaterbild gilt, ist nicht zu übersehen. Und doch lässt sich auch von diesem Verständnis ausgehend keine geradlinige Entwicklung des Vaterbildes bis in die Gegenwart erkennen. Vielmehr offenbart die Entwicklung ein Zusammenspiel wechselhafter und teilweise widerstrebender Tendenzen. "Zur Mitte des 20. Jahrhunderts, wurde die Motivation, eine Familie zu gründen, grundlegend verändert: Nicht mehr die Institution Familie stand im Mittelpunkt, sondern das Kind", erläutert Fthenakis. Das auf diese Weise geborene "kindzentrierte Modell" zeichnete sich dadurch aus, dass das familiäre Glück über die Freude am Kind begründet wurde. "Das Kind übernahm eine sinnstiftende Funktion für das Leben. Und zwar sowohl für die Frauen als auch für die Männer", betont der Wissenschafter. Diese Annäherung der Positionen von Vater und Mutter führte auch dazu, dass sich der Vater wieder stärker in die Familie einbrachte: Er engagierte sich stärker und wurde wieder präsent.
Dieses Bild, das die Vater-Kind-Säule wieder stärker betonte, erreichte in den 70ern seinen Höhepunkt - um Mitte der 80er Jahre bereits wieder revidiert zu werden: Dann nämlich zeichnete sich das Aufkommen eines neuen Vaterbildes ab - das die Rolle des Vaters grundsätzlich in Frage stellen sollte.
"Es kam zur massivsten Veränderung, die wir kennen: Das Kind war nicht mehr Hauptmotivation für Beziehungen, sondern wurde darin abgelöst durch das Streben nach Maximierung des Glücks", schildert Fthenakis. Seit nunmehr knapp zwei Jahrzehnten hat die Beziehung des Mannes zu seiner Partnerin die Bedeutung der Bindung an sein Kind beinahe überlagert. "Man geht eine Beziehung ein, weil man darin glücklich werden möchte. Das Kind kann kommen, ist aber nicht die motivationsgründende Instanz in der Beziehung", erklärt der Wissenschafter.

Das freilich bedeute nicht, dass sich der Vater aus der Familie zurückzieht, wenn ein Kind vorhanden ist. Tatsächlich kommt, weil das Kind als Teil des erlebten Familienglücks begriffen wird, der Vaterschaft eine neue Qualität zu. Diese Entwicklung war selbst für die Wissenschaft eine Überraschung. "Vor zehn Jahren haben wir die einzige bis heute repräsentative empirische Studie erstellt, in der Veränderungen in der Vaterschaft untersucht wurden. In dieser Studie kam heraus, womit wir alle nicht gerechnet hatten: In den subjektiven Konzepten der Männer, Frauen und Kinder etablierte sich zuletzt ein neues Vaterschaftsbild, das nicht mehr der Logik des 19. Jahrhunderts, das den Vater als Brotverdiener sah, sondern einer neuen Logik folgt", berichtet Fthenakis. Eine Logik, die im Kern zum Inhalt hat, dass die soziale Vaterschaft, also die Nähe zum Kind, für den Mann heute subjektiv eine größere Bedeutung hat als die Sorge um die materielle Sicherheit der Familie. In der Analyse konnte man diese Einstellung bei zwei Drittel der im Rahmen der Studie untersuchten Väter beobachten.
Zahlen lügen nicht
So wenig einheitlich sich die Erwartungen und Vorstellungen entwickelten, die im Laufe der Jahrhunderte über die Vaterschaft entstanden, so problematisch ist es, diese mit der tatsächlich gelebten Vaterschaft in Einklang zu bringen. Gerade das mit der empirischen Studie erfasste gegenwärtige Bild der Vaterschaft weist gravierende Diskrepanzen zu der tatsächlich gelebten familiären Realität auf, die sich nicht zuletzt mithilfe statistischer Daten einfangen lässt. So belegt etwa der Männerbericht des Sozialministeriums, dass nur knapp 5 Prozent aller Väter eine Karenz in Anspruch nehmen. Das stellt zwar eine enorme Steigerung gegenüber dem Wert des Jahres 2003 dar, als sich nur 1,5 Prozent der Väter für die Kinder-Auszeit entschieden - mit den Ansprüchen an die moderne Vaterschaft lässt es sich dennoch kaum in Einklang bringen.
Auch abgesehen von der Inanspruchnahme der Karenz ist die Zeit, die Väter mit ihren Kindern verbringen, überschaubar. Wie die Studie "Unbezahlte Arbeit rund um die Welt" der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) belegt, wenden berufstätige Väter in den Industrieländern täglich im Schnitt 40 Minuten Zeit für die Kinderbetreuung auf, während dieser Wert bei berufstätigen Müttern 74 Minuten beträgt. Noch krasser wird diese Diskrepanz, wenn man nichtberufstätige Elternteile unter die Lupe nimmt. Dann nämlich widmen Väter ihrem Nachwuchs trotz freigewordener Zeitressourcen mit 51 Minuten nur geringfügig mehr Zeit - nicht berufstätige Frauen aber mit 144 Minuten gleich doppelt so viel wie in die Erwerbsarbeit eingebundene Mütter. Eine regelrechte väterliche Neigung zur Nestflucht suggeriert schließlich die Tatsache, dass berufstätige Väter mehr Überstunden erbringen als Männer ohne Kinder: Im Schnitt betrug die Anzahl der Mehrarbeit bei Vätern laut Männerbericht 42,2 Stunden pro Woche - bei Männern ohne Kinder jedoch nur 40,7 Stunden.
Die Reihe von Studienergebnissen und Erhebungen, die die Hingabebereitschaft der Väter ernsthaft in Frage stellen, ließe sich beliebig fortsetzen. Viel schwerer aber wiegt die Frage, warum sich zwischen dem subjektiven Vaterbild und der Vaterschaft, wie sie tatsächlich gelebt wird, eine derartig tiefe Kluft auftut. Für den Männer- und Väterberater Gottfried Kühbauer hat das mehrere Gründe. Neben dem, je nach Zeitgeist aber auch der Herkunft ausgeprägten Vaterbild haben die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sowie der soziale Kontext den größten Einfluss auf die Vaterschaft, ist er überzeugt. Unter diesen Rahmenbedingungen ist zunächst zu verstehen, "ob etwa ein Karenzjahr finanziert wird und ob der Mann nach einer Karenz die gleichen Berufschancen hat", erläutert Kühbauer. Auch die soziale Stellung ist bei der Debatte über die Vaterschaft nie außer Acht zu lassen: "Wenn man Sozialarbeiter als Väter beobachtet, haben die ein anderes Verhalten als Jungmanager", sagt der Berater und fügt hinzu: "Bei Sozialarbeitern ist es ein ‚No-Go‘, nicht in Karenz zu gehen. Bei Installateuren sieht das ganz anders aus."
Ist die Form der gelebten Vaterschaft also nur durch Umstände und äußere Rahmenbedingungen definiert oder hätte der Vater durchaus Spielraum, die Beziehung zu seinem Nachwuchs zu intensivieren? Der Väterberater relativiert: "Man muss Männer nicht überzeugen, ihre Vaterschaft aktiv zu leben", betont aber zugleich diplomatisch: "Man kann manchmal neue Aspekte einbringen, auf die sie nicht gekommen wären." Das sei gerade in jenen Situation, in denen Väter aktiv nach ihrer Identität als Vater suchen, beispielsweise nach Trennungen oder Scheidungen, sehr wertvoll.
Eindeutige und endgültige Antworten in Bezug auf Vaterbild und Vaterschaft, so sind sich die Experten einig, kann es eigentlich nicht geben. Immerhin lassen sich einzelne Grundsätze ausmachen, die Vätern bei der Interpretation ihrer Vaterschaft behilflich sein könnten. "Einen guten Vater macht aus, dass er authentisch ist und auf seine Kinder menschlich wirkt. Dass er sie schützt und das richtige Maß an Verantwortung übernimmt. Dass er die Entwicklung seiner Kinder zulässt und unterstützt und zugleich sicherstellt, dass sie ins Erwachsenenleben gut hineingleiten. Und dass er die Mutter der Kinder in einer achtungsvollen Art behandelt", meint Kühbauer. Letzteres unterstreicht auch Fthenakis: "Was sich geändert hat, ist unser Verständnis. Dass wir begriffen haben, dass Väter und Mütter für ihre Kinder unverzichtbare Lebensressourcen sind." Und schlussfolgert daraus: "Das beste Geschenk für ein Kind ist daher eine gut funktionierende Partnerschaft." Denn schließlich ist der Vater bekanntlich nicht mehr, aber auch nicht weniger als der männliche Eltern-Teil eines Menschen.
Artikel erschienen am 14. Dezember 2012 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 10-15
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