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Papst im Rollstuhl -aber ungebrochen

Von Peer Meinert

Politik

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Lange hat sich der Papst gesträubt, lange hat er sich bei jedem Schritt gequält, hat er die Schmerzen ausgehalten. Jetzt fügte sich Johannes Paul II.. Der einst begeisterte Wanderer und Skifahrer sitzt im Rollstuhl.

Im Vatikan heißt es, fast ein Dutzend Rollstühle, von Gläubigen gestiftet, hätten ein Jahr unbenutzt im Kirchenstaat gestanden. Jetzt, zum Osterfest, ließ sich der alte Mann zu nahezu allen Messen und Zeremonien auf seinen rollenden Thron schieben. Doch willensstark ist er wie eh und je. Da ist das Thema Irak. Der Papst lässt nicht locker. Monate lang hatte er gegen den Krieg gewettert, US-Präsident George W. Bush ins Gewissen geredet und Millionen Gläubigen aus der Seele gesprochen. Jetzt redete er bei der Ostermesse am Sonntag der internationalen Gemeinschaft ins Gewissen, sie solle sich beim Wiederaufbau des vom Krieg geschundenen Landes wirksam engagieren.

Doch die materiellen Schäden des Krieges sind nur die eine Seite. Viel mehr sorgen den Papst die drohenden Folgen im Verhältnis zwischen Moslems und Christen. Seit vielen Jahren bereitet das zunehmend gespannte Verhältnis der beiden Religionen dem Vatikan schweres Kopfzerbrechen. Viele fürchten den "Zusammenstoß der Kulturen", den großen Konflikt zwischen den Religionen, vor allem zwischen Christentum und Islam - mit schweren Folgen für den Nahen Osten und das Heilige Land.

"Es zerbreche die Kette des Hasses, die eine geordnete Entwicklung der Menschheitsfamilie bedroht!", sagte der Papst denn auch in seiner Osterbotschaft. "Gott gewähre uns, von der Gefahr eines dramatischen Konflikts zwischen den Kulturen und Religionen verschont zu bleiben." Dass "Gewalt und Blut im Heiligen Land kein Ende zu nehmen scheinen", schockiert den fast 83-Jährigen immer wieder.

Unter die Haut gingen vielen Gläubigen auch die Meditationen zum traditionellen Kreuzweg um das Kolosseum in Rom, einer der feierlichsten Osterzeremonien. Diesmal hatte der Papst die Meditationen selbst geschrieben. "Die Welt ist zum Friedhof geworden. So viele Menschen, so viele Gräber. Eine Welt von Gräbern", hieß es da. So düster kann er die Welt betrachten. Dabei ging es ihm zu Ostern so gut wie schon lange nicht mehr. Entspannt, fast locker brachte er die viertägige Mammuttour der Messen, Zeremonien und Feiern hinter sich. Zwar wirkte er mitunter müde und von den Strapazen gezeichnet. Aber manchmal wich er sogar von seinem Redemanuskript ab, lächelte gar, schien geradezu gut aufgelegt zu sein. "Die Zeit, da der Papst totgesagt wurde, ist vorbei", meinte ein Kenner im Vatikan.

Zu Ostern vor einem Jahr überschlugen sich noch die schlechten Nachrichten: Karol Wojtyla könne nicht mehr, sei gar zum Rücktritt bereit, alles sei nur noch eine Frage der Zeit.

Dank neuer Ärzte, neuer Medikamente und einer neuen Diät wirkt der Papst zumindest streckenweise erholt, fast wie ausgewechselt. Seine Gesichtszüge sind entspannt, seine Aussprache wesentlich klarer. Und dass er jetzt im Rollstuhl sitzt, bremst nicht mal seine Reiselust. Fünf Auslandsreisen hat er in den nächsten Monaten vor - unter anderem nach Spanien, Kroatien und die Mongolei.