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Papst-Parodie sorgte für Empörung

Von Michael Schmölzer

Politik

Diesen Sonntag entscheidet Polen über sein neues Staatsoberhaupt. Der weit in Führung liegende amtierende Präsident Aleksander Kwasniewski erlitt durch einen handfesten Skandal massive Einbrüche in der Wählergunst. Dennoch ist seine Wiederwahl so gut wie gewiss.


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Wenn es um Johannes Paul den Zweiten geht, hört sich für viele Polen der Spaß auf: Das musste auch der amtierende Präsident Aleksander Kwasniewski zur Kenntnis nehmen. In den Wahlprognosen für das Votum am achten Oktober bereits uneiholbar vorne liegend, wurde dem beliebten Staatsoberhaupt ein Video fast zum Verhängnis. Das Band, das vor drei Jahren angeblich von einem Amateurfilmer aufgenommen wurde, zeigt, wie der Präsidenten und sein Sicherheitsberater Marek Siwiec einem Hubschrauber entsteigen. Der Aufforderung seines Chefs folgend, kniet Siwiec nieder und küsst den Boden. Den derzeit stattfindenden Wahlkampf zum Anlass nehmend, wurde das Band kürzlich von der konservativen Opposition veröffentlicht.

Landesweite Empörung

Ein landesweiter Aufschrei der Empörung war die Folge: Gleich drei Bischöfe zogen die Respektabilität des Staatsoberhauptes in Zweifel, wütende Kommunalpolitiker protestierten lautstark und der Stadtrat von Wadowice, der Geburtsstadt des Papstes, erklärte den Präsidenten sogar zur "Unerwünschten Person". Kwasniewski wusste auch sofort, was sich in einem Land mit über neunzig Prozent Katholiken gehört, und forderte von seinen Kritikern "Barmherzigkeit" und "Nachsicht für menschliche Schwächen" ein.

Erhört haben ihn nicht alle. Der beliebteste Politiker Polens sank binnen Tagen in der Wählergunst von 66 auf knapp unter 50 Prozent. Die absolute Mehrheit im ersten Wahlgang ist zumindest fraglich geworden, der Ton im Wahlkampf hat sich verschärft.

Kwasniewski konkurrenzlos

Eines ist trotz aller Skandale fix: Ob im ersten, oder im zweiten Wahlgang, nur ein Wunder könnte die Wiederbestellung Kwasniewskis zum Präsidenten verhindern. Zu fragmentiert ist die politische Landschaft Polens. Insgesamt konkurrieren zwölf Kandidaten um das höchste Amt im Staat, und keiner kommt in der Beliebtheitsskala nur annähernd an Kwasniewski heran. Das ehemalige Idol der Solidarnocs-Bewegung, Lech Walesa, kandidiert ebenfalls, liegt aber in der Wählergunst weit hinten. Bei den Gegenkandidaten geht es bei der Wahl vor allem um die politische Zukunft ihrer Parteien und das Gewicht, das sie zukünftig innerhalb ihrer Bewegung spielen werden: Für Marian Krzaklewski, den Chef der rechtskatholischen Regierungspartei AWS-Solidarnosc, wollen 12 Prozent der Wähler stimmen, Lech Walesa kann mit 4 Prozent rechnen. Dahinter tummeln sich Figuren wie der Chef der extrem europafeindlichen Bauerngewerkschaft "Selbstverteidigung", der General und Nationalist Tadeusz Wilecki und der durch antisemitische Akzente auffällig gewordene Bogdan Pawlowski.

Wichtiges Amt

Der polnische Präsident ist einflussreicher als beispielsweise sein österreichischer Kollege: Er bringt Gesetze ein, kann Gesetze durch sein Veto verhindern und bestimmt aktiv in der Außenpolitik mit.