)
Rücktritt des Kirchenoberhaupts überschattet Italiens Wahlkampf.
Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 13 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.
Rom. "Der Wahlkampf ist am Montagmorgen um 11.46 Uhr zu Ende gegangen." Mit diesen Worten zitiert die Zeitung "la Repubblica" den Spin-Doctor und früheren Lieblingsmeinungsforscher Silvio Berlusconis, Luigi Crespi. Die überraschende Ankündigung von Papst Benedikt XVI., dass er sein Amt mit 28. Februar zurücklegen werde, hat alle anderen Themen aus den Schlagzeilen der italienischen Medien verdrängt und vor allem Silvio Berlusconi die Plattform für quotenträchtige Auftritte in TV-Talkshows genommen.
Am Mittwoch etwa waren die vorletzte Generalaudienz des Papstes und die wegen des erwarteten Ansturms von Gläubigen in den Petersdom verlegte letzte Aschermittwoch-Messe die alles überschattenden Ereignisse in den italienischen Medien. Und die Spekulationen darüber, wer in dem vermutlich am 15. März beginnenden Konklave als Nachfolger Benedikts gewählt wird, bewegen die Italiener mehr als das Hick-Hack ihrer Politiker.
Dabei hatte Berlusconi, der in den letzten Wochen durch Dauerpräsenz in allen Sendern seinen Rückstand wesentlich verkleinern konnte - in den letzten Umfragen lag seine Mitte-Rechts-Koalition nur mehr fünf bis sieben Prozent hinter dem Mitte-Links-Bündnis von Pier Luigi Bersani - ohnehin bereits befürchtet, dass ihm das in Italien sehr beliebte und diese Woche jeden Abend im Fernsehen übertragene San-Remo-Musikfestival die Aufmerksamkeit stehlen könnte und mit einem Boykott der Fernsehgebühren gedroht. Und jetzt hat ihm der Papst mit seinem aufsehenerregenden Schritt ins Konzept gepfuscht.
Um seinen Rückstand aufzuholen, müsste Berlusconi mindestens die Hälfte der noch unentschlossenen Wähler in den letzten beiden Wochen vor den Wahlen am 24. und 25. Februar auf seine Seite ziehen, hatten Wahlforscher, die seit dem vergangenen Wochenende ihre Prognosen nicht mehr veröffentlichen dürfen, festgestellt. Das wäre aber nur mit einer massiven Präsenz im Fernsehen möglich, die Berlusconi jetzt durch die News aus dem Vatikan verstellt ist.
Berlusconi gibt Wahltipps fürs Konklave ab
Zwar versuchte Berlusconi am Mittwoch auch in diesem Bereich zu punkten und gab seinen Kommentar zu möglichen Kandidaten für die Papstwahl ab: "Ich glaube, dass die Kirche für einen dunkelhäutigen Papst reif ist. Die Welt ist heute wirklich global", meinte er. Den großen Schwung für seinen Wahlkampf kann er sich damit aber sicher nicht holen.
Für die von Berlusconi derzeit bevorzugte Wahlkampfforscherin Alessandra Ghisleri ist die "Grabesstille", die sich über das Wahlkampfgeschehen gebreitet hat, ein Phänomen mit unvorhersehbaren Konsequenzen. Alles werde sich in den letzten Tagen vor der Wahl in der kommenden Woche entscheiden, ist sie überzeugt.
Neben Berlusconi könnte vor allem der populistische Chef der Fünf-Sterne-Bewegung, der Komiker Beppe Grillo, durch die neue Lage benachteiligt sein.
Anders als in Berlusconis Umgebung sieht man die neue Lage im Wahlhauptquartier der Demokratischen Partei Bersanis entspannt. Dass Berlusconi einige Tage wie ein Fisch ohne Wasser bleibt, sieht man dort sogar mit einem Aufatmen. Dass der bisher mit heftigen gegenseitigen Angriffen geführten Wahlkampf durch die Ereignisse im Vatikan zeitweilig zum Erliegen kommt, könnte einer Anti-Führer-Persönlichkeit wie Bersani, der auf Seriosität setzt und in wenigen Tagen aufgerufen sein könnte, der neue Regierungschef zu werden, sogar von Nutzen sein. Das Gleiche gilt für den amtierenden Regierungschef Mario Monti, der auch nicht gerade ein Freund schriller Wahlkampftöne ist.
Monti hat unterdessen in der Frage, wen seine Anhänger bei den gleichzeitig mit den Parlamentswahlen stattfindenden Regionalwahlen in der Lombardei wählen sollen, eine Korrektur vollzogen. Hatte er sich bisher für den aus der Berlusconi-Partei ausgeschiedenen Ex-Bürgermeister von Mailand, Gabriele Albertini, ausgesprochen, so stellte er jetzt Wahlfreiheit in den Raum. Führende Vertreter seiner Bewegung hatten sich zuvor dafür ausgesprochen, den Mitte-Links-Kandidaten Umberto Ambrosoli zu unterstützen, um einen Sieg des Lega-Nord-Chefs Roberto Maroni zu verhindern. Damit soll vermieden werden, dass die Lega Nord nach Piemont und Venetien noch einen dritten Regionalpräsidenten stellt, obwohl sie landesweit nur etwa auf vier Prozent kommt.
)
)
)