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"Parteien wirken abschreckend"

Von Simon Rosner

Politik
Auch in Österreich gibt es Parlamente für Schüler.
© Thomas Topf

Wie sich die Schweiz bemüht, die junge Generation zum politischen Engagement und zu Partizipation zu bewegen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 4 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Vor fünf Jahren wurde die Onlineplattform Engage.ch gegründet, ein Projekt des Dachverbandes der rund 80 Jugendparlamente in der Schweiz. Die Plattform animiert, ihrem Namen entsprechend, zum Engagement von Jugendlichen, sie können ihre Anliegen zu lokalen bis nationalen Themen sehr einfach einbringen über ihr Smartphone. Engage ist über die Jugendparlamente aber auch "offline" aktiv, bringt Jugendliche mit Politikerinnen und Politikern in Kontakt. Am Rande des Forums Alpbach sprach die "Wiener Zeitung" mit Melanie Eberhart, der Geschäftsführerin von Engage.ch  über das oft schwierige Verhältnis von jungen Menschen zur Politik.

"Wiener Zeitung": Es gibt zwei Zuschreibungen an Jugendliche im Zusammenhang mit Politik: Erstens, sie haben Schwierigkeiten mit Parteien, und, zweitens, sie sind idealistisch und eher wenig kompromissbereit. Stimmt das?

Melanie Eberhard: Es ist schon so, dass wir über Engage Leute erreichen, die nicht in Parteikategorien denken. Aber wenn sie einmal einen einfachen Zugang zur Politik erhalten, kann es durchaus sein, dass sich jemand dann auch für Parteien interessiert. Aber grundsätzlich entsprechen Parteien nicht gerade dem, was für einen jungen Menschen attraktiv und sexy ist.

Und der kompromisslose Idealismus?

Man kann wahrscheinlich schon sagen, dass Jugendliche ideologischer sind als Ältere. Aber deshalb ist es ja so eine Freude sie in den politischen Prozess zu integrieren. Zurzeit handelt es sich oft um Umweltthemen, die gepostet werden. Nicht jedoch im klassischen Sinne, also nicht Themen, die bereits auf der politischen Agenda sind, sondern es geht um neue Wege und Ideen durch neue Technologien.

In der Schweiz ist das politische System ein anderes als in Österreich durch die regelmäßig stattfindenden Volksabstimmungen. In Österreich funktioniert das demokratische System nur über Parteien. Irgendwie muss es also gelingen, die jungen Leute in diesen Prozess hineinzubekommen, und zwar auch als Politiker. Nur wie?

Wir haben zwar diese Volksabstimmungen, und man kann mit 150.000 Unterschriften eine Initiative lancieren. Aber faktisch kann das niemand allein stemmen. In der Regel sind die Volksinitiativen auch ein Instrument der Parteien. Für unsere Arbeit ist es also wichtig, mit den Parlamentariern zusammen zu arbeiten. Und das funktioniert eigentlich sehr gut.

Aber wie bekommt man die Jugendlichen zu einem Engagement in den Parteien?

Der Zugang ist schwierig. Parteien wirken abschreckend, weil sie doch starre Gebilde sind. Man ist Mitglied, muss sich anmelden, irgendwelche Formulare ausfüllen. Und dann ist da auch das Verpflichtende, das für die Jugend nicht so passt. Auf der anderen Seite merken wir, dass die Jugendlichen schon das Interesse haben, ihre Meinung irgendwo kundzutun. Ich denke, Parteien wären gut beraten, die Eintrittshürden niedriger zu gestalten.

Also nicht die klassische Mitgliedschaft?

Genau. Man ist dann zwar nicht Mitglied, aber engagiert innerhalb einer Partei für ein konkretes Thema wie Umwelt oder neue Technologien. Zumindest in der Schweiz setzen die Parteien immer mehr darauf und organisieren Veranstaltungen zu spezifischen Themen, aber losgelöst von der Partei. Das entspricht der Jugend mehr. Es kann auch abschreckend wirken, wenn man sich eigentlich für ein bestimmtes Thema engagieren will, dann aber zum Beispiel zu Sozialpolitik, Wirtschaft oder zur EU auch eine Meinung haben muss, wie das in Parteien der Fall ist.

Aber wenn sich das Engagement nur auf ein einziges Thema beschränkt, fördert das dann nicht die Kompromisslosigkeit, weil man sich eben nur mit diesem einen Thema beschäftigt? In der Politik gehört der Kompromiss ja dazu, er ist demokratiepolitisch notwendig.

In den Schweizer Jugendparlamenten wird dieser Austausch auch sehr gefördert. Aber wir sehen grundsätzlich, dass die Parteienlandschaft sehr polarisiert ist. Und das bekommen die Jugendlichen mit und leben das natürlich dann auch. Die Elterngeneration macht es ihnen ja nicht unbedingt besser vor. Zumindest für die Schweiz kann ich aber sagen: Hinter verschlossenen Türen können die Politiker ja dann doch wieder alle miteinander. Und ich denke, das ist bei der Jugend ähnlich.

Engage.ch setzt in der Schweiz sehr früh an, nämlich bei 12-Jährigen. Wie bekommt man da Zugang?

Wir versuchen eigentlich alles. Zum einen natürlich über Social Media, die sind für uns sehr wichtig. Sie bieten die Möglichkeit für eine einfache und direkte Kommunikation. Genau dies wollen wir den Jugendlichen vermitteln, dass Politik auch einfach sein kann. Zum anderen sind auch die Schulen sehr wichtig. Wir bekommen oftmals von den Schulen die Rückmeldung, dass es schwierig ist, Politik zu vermitteln. Als Lehrperson hat man oft Angst, dass man in eine Parteischublade gedrängt wird. Deshalb sind Lehrer dann sehr dankbar, wenn sie mit uns gemeinsam arbeiten können.

In der Schweiz ist Politische Bildung als Schulfach Kantonssache. Merken Sie Unterschiede beim Engagement, ob Politische Bildung gelehrt wird oder nicht?

Es wird in den meisten Kantonen Staatskunde fachübergreifend gelehrt. Aber es gibt Regionen, in denen das intensiver passiert. Und das merkt man schon. Aber es ist auch sehr stark von der Lehrperson abhängig, wie groß das Wissen und das Interesse der Schüler ist.

Aber gibt es mehr Engagement dort, wo es mehr Politische Bildung gibt?

Es gibt einen Kanton, in dem Politische Bildung als Schulfach wirklich Teil des Lehrplans ist. Das ist das Tessin. Aber dort ist das ganze Bildungssystem anders aufgebaut, daher sind Vergleiche schwierig. Wir merken aber schon, wenn in einer Klasse Politik bereits thematisiert wurde, dass diese Jugendlichen mehr Wissen mitbringen und engagierter sind, worauf wir dann aufbauen können.

Es gibt aktuelle soziologische Untersuchungen aus Deutschland zur "Friday for Future"-Bewegung. Da zeigt sich, dass Junge aus höher gebildeten Haushalten überrepräsentiert sind. Ist das bei jenen, die bei Engage teilnehmen, ähnlich?

Nein, grundsätzlich nicht. Wir sehen, dass wir sehr breit sind. Natürlich gibt es Jugendliche aus höher gebildetem Elternhaus, die sich vielleicht schon zu Hause mit Politik auseinandergesetzt haben. Aber wir erreichen viele Jugendliche, die überhaupt nichts mit Politik am Hut haben und aus sozioökonomisch schlechter gestellten Familien kommen. Eben weil es bei uns nicht so um Politikpolitik geht. Wir nennen uns auch Engage.ch, es geht um Engagement, nicht primär um Politik. Wir arbeiten mit lustigen Videos, mit GIFs und Memes, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so sehr mit Politik zu tun haben. Das ist bewusst, um so niederschwellig wie möglich zu sein und den Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen.

Auch eine Zuschreibung, allerdings eine messbare, ist, dass die Beteiligung bei Wahlen bei Jugendlichen geringer ist. Gibt es in der Schweiz einen Unterschied zwischen Volksabstimmungen und Wahlen bei Jugendlichen?

Es gibt in der Schweiz die Vorstellung, dass Wahlen nicht ganz so wichtig sind, weil man ja eh noch vier Volksabstimmungen im Jahr hat, bei denen man etwas korrigieren kann. Deshalb ist das Interesse an Wahlen bei uns deutlich geringer als in allen anderen Ländern. Und das ist bei Jugendlichen nicht anders. Was wir aber merken: Jugendliche engagieren sich sehr wohl bei den Abstimmungen, pro Abstimmung sind es zwar nur 30 oder 35 Prozent der Jugendlichen, aber über das Jahr nehmen bei den vier Abstimmungsterminen doch sehr viele teil, etwa 80 bis 85 Prozent.

Kommt Direkte Demokratie den Interessen der Jugendlichen eher entgegen?

Ja, eindeutig. Bei der älteren Generation wählen viele noch aus Bürgerpflicht. Die nehmen an allen Abstimmungsterminen teil. Bei Jungen geht es nach Interesse. Wenn es sie interessiert, nehmen sie teil, wenn nicht, dann nicht.

Was ist der Rat an die Politik, um Jugendliche besser anzusprechen? Nur mit Social Media und ein paar jungen Politikern wird es wohl nicht gehen, oder?

Social Media ist sicher gut, und auch junge Gesichter. Aber was wir wirklich merken, ist die Begegnung auf Augenhöhe. Es geht auch darum, den Bedürfnissen der Jugendlichen entgegenzukommen, ihnen auch zu sagen, wenn man nicht ihrer Meinung ist, aber ihr Engagement ernst zu nehmen. Es überrascht die Jugendlichen auch, wenn sie merken, dass die Politiker auch nur Menschen sind, und dass man mit ihnen gut kommunizieren kann. Es kann die Jugendlichen auch motivieren, parteipolitisch aktiv zu werden, wenn sie einmal sehen, dass das alles nicht so starr, strikt und unsympathisch ist, wie sie vielleicht glauben.

 

Engage.ch