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Patriarchalische Verschwörung

Von Christina Böck

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Wäre dies das Jahr 1970 und diese Zeitung das US-Magazin "Newsweek", dann würde über diesem Text nicht das Foto einer Frau stehen. Eine Frau hätte die Recherche für diesen Kommentar gemacht, aber geschrieben hätte ihn ein Mann. Und sein Foto würde vom Seitenrand lächeln. Mit dieser "Tradition" des Magazins beschäftigt sich die Serie "Good Girls Revolt", die im Streaming-Portal Amazon Prime zu sehen ist. Die Serie wird nicht verlängert, und ihre Schöpferin Dana Calvo meint zu wissen, warum: Nur Männer hätten diese Entscheidung bei Amazon getroffen und der Serienchef hätte die feministische Produktion nie leiden können.

Es ist bedauerlich, wenn gute Serien abgedreht werden. Dass manche Medien aber nun eine patriarchalische Verschwörung wittern, ist etwas übertrieben. Blogeinträge, in denen steht, die Serie hätte "passable Quoten" gehabt, sind unseriös. Man kennt die Seherzahlen von Amazon nicht, weil Amazon sie (so wie Konkurrent Netflix) nicht veröffentlicht. Es kann also sein, dass die Quoten nicht gut genug waren. Oder die Vermarktbarkeit bei Werbekunden kümmerlich war. Man kann Amazon viel vorwerfen, aber nicht, dass das Unternehmen nach wirtschaftlichen Faktoren vorgeht. Man kann dem Portal auch nicht vorwerfen, Serien mit gesellschaftlich sensiblen Themen zu unterdrücken. Sonst gäbe es die Transgenderserie "Transparent" nicht seit drei Staffeln. Es scheint, als würden wegen der ambitionierten Produktionsvielfalt der Streamingportale nun unverhältnismäßig hohe Ansprüche an sie gestellt. Ansprüche, die man an öffentlich-rechtliche Sender übrigens kaum mehr stellt.