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Pause für den Psychophrasenpanzer

Von Christina Böck

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Normalerweise, wenn ein Film ins Kino kommt, gibt der Regisseur ein Interview. Oder die Schauspieler. In speziellen Fällen vielleicht ein Kostümbildner. Selten jedoch wird derjenige vor den Vorhang gebeten, von dem der Film erzählt. Auf den ersten Blick erscheint es die naheliegende Idee: Der Natascha-Kampusch-Film "3096 Tage" kommt ins Kino, warum nicht Natascha Kampusch einladen? Mag sich auch die Redaktion von Günter Jauchs Talkshow gedacht haben. Und es scheint immer noch ein journalistischer Coup, das berühmteste lebende Verbrechensopfer Österreichs zum Gespräch zu bitten. Vielleicht sollte man sich aber langsam doch auch die Sinnfrage stellen. Weniger auf Seiten der Befragten, ihre Motive, in die Öffentlichkeit zu gehen, wurden ja schon erschöpfend und in allen Niveaulagen diskutiert. Die Frage nach dem Sinn solcher Interviews sollten sich vielmehr die Medien stellen. Aus pragmatisch-handwerklichen Gründen: Denn ein Interview oder gar ein "Gespräch" kann man diesen Sätzeaustausch, ob im TV oder in der Zeitung, der jedem halbwegs empathischen Zuseher unangenehm sein muss, nicht mehr nennen. Da entsteht schon ein eigenes Genre: das "Ich rate, ob ich mit meinen oft wiederholten Phrasen ihre Frage treffe"- Spiel. Niemand, auch kein arrivierter Jauch, kann ihren zum Schutz aufgebauten Psychophrasenpanzer durchbrechen. Das führt zu keinerlei Erkenntnisgewinn. Solange aber weiter an die fünf Millionen Menschen sich vergewissern wollen, ob Kampusch eh noch immer hinreichend zerstört ist, wird sich wohl kein Medium freiwillig diesen "Coup" entgehen lassen.