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Pause für Hysteriker

Von Walter Hämmerle

Leitartikel
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Die Demokratie am Abgrund, die Wahrheit überflüssig, Tatsachen ein Spielball der Trickser und Täuscher und dann diese alles und jeden erfassende Wut: Das ist, in Schlagworten zusammengefasst, der Tenor einer zunehmend hysterisierten Debatte, die vor lauter Extremen alles Normale aus den Augen verloren hat. Man könnte fast glauben, wir lebten in der schlechtesten aller möglichen Zeiten.

Diese Klagen sind auf eigenartige Weise gegenwartsfixiert und geschichtsvergessen. Als ob nicht zu jeder Zeit mit allen zur Verfügung stehenden schmutzigen Tricks um Macht und Einfluss gekämpft worden wäre.

"Sieh auch zu - wenn das irgendwie zu arrangieren möglich ist -, dass man Skandalgeschichten über die Verbrechen, sexuellen Ausschreitungen und Bestechungen deiner Konkurrenten erzählt", empfahl der römische Politiker Quintus Tullius Cicero in einem kleinen Wahlkampf-Ratgeber bereits 64 v. Chr. - und wahrscheinlich hat er auch nur aufgeschrieben, was schon zu seiner Zeit an "dirty campaigning" gelebte Praxis war. Seine "How to do"-Anleitung trägt übrigens den wunderbaren Titel "Commentariolum petitionis", zu deutsch "Kleine Denkschrift zur Amtsbewerbung".

Als die Hauptverantwortlichen für den traurigen Zustand, in dem sich die aktuelle Debattenkultur befinde, werden gemeinhin die Sozialen Medien ausgemacht: Sie hielten ihre Nutzer in hermetisch abgeschlossenen Echokammern und Filterblasen gefangen, andere Meinungen und der eigenen Weltsicht widersprechende Fakten würden auf diese Weise ausgesperrt.

Ob die Wähler früherer Jahrzehnte tatsächlich über ein breiteres Informationsangebot verfügt haben als die heutigen, ist allerdings mehr als fraglich. Bis in die 1970er Jahre lebten die Vertreter der beiden großen politischen Lager in eigenen Welten, Alltagsbegegnungen waren die Ausnahme: Jedes Lager hatte seine eigenen Wohngegenden, Arbeitsplätze, Geschäfte, Medien und Freizeitvereine.

Im Vergleich zu dieser angeblich besseren Vergangenheit verfügen noch die eiferndsten Anhänger heutiger Politiker über ein weit breiteres Informations- und Meinungsspektrum in ihren jeweiligen Timelines. Und auch die traditionellen Medien mögen engstirnig und einseitig sein - umfassender als in der Vergangenheit informieren und analysieren sie mit Sicherheit.