Zum Hauptinhalt springen

Person statt Pauschalurteil

Von Christine Zeiner

Politik

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland über den Abbau von Vorurteilen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 8 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Aiman A. Mazyek gilt als das öffentliche Gesicht einer liberalen Islaminterpretation. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland vertritt zwar weniger als 15.000 Mitglieder, der Verband zählt jedoch zu den wichtigsten islamischen Dachverbänden des Landes. Der 47-jährige Mazyek, Sohn eines syrischen Vaters und einer deutschen Mutter, scheut dabei auch nicht Debatten über heikle Fragen zur Rolle des politischen Islam.

"Wiener Zeitung":Nach den Anschlägen in Brüssel äußerten Sie sich drastisch über die Täter: "Euch wird der Zorn Gottes treffen." Was sagen Sie jenen, die nun mit Hass und Wut auf Muslime reagieren?Aiman A. Mazyek: Ich höre oft, dass Religion im Grunde genommen ein Problem sei, das man zähmen müsse. Denn wenn man das nicht tut, führe dies zu Auswüchsen wie zum IS. Das ist eine steile These. Wie kann ein Europa, das zwei Weltkriege mit Abermillionen von Toten geführt hat, die nicht auf Religion zurückgehen, so etwas behaupten? Wie kann Europa behaupten, dass es nicht so etwas gibt wie einen Missbrauch von großen Werten? Wie kann Europa diese Diskussion führen: Die Anschläge in Brüssel und in Paris haben vielleicht doch etwas mit dem Islam zu tun? Wenn ich nur denke, dass das nichts mit Islam zu tun hat, heißt es: "Jetzt kommt der wieder" und es sind einige geradezu erbost darüber. Das finde ich zynisch.

Aber die Terroristen morden unter dem Label "Islam".

Entschuldigung, aber das hat Robespierre auch gemacht. Im Namen von Liberté, Egalité, Fraternité ging die Guillotine herunter. Das war ein Diktator. Robespierre hat die Errungenschaften, für die er selbst gekämpft hat, diskreditiert. Heißt das, dass die Gedanken der Aufklärung jetzt Wegbereiter des Terrors sind?

Wie können Ängste, Vorurteile und Hass abgebaut werden?

Das geht am besten über Begegnungen und Gespräche. So kann man am besten begreifen, dass es auch viele Gemeinsamkeiten gibt, dass man ähnliche Wünsche hat - zum Beispiel, dass das Kind eine gute Ausbildung bekommen soll. In dem Moment, in dem es nicht mehr nur um "den Islam" geht, sondern um den Menschen, kann Vertrauen entstehen. Man sieht erst einmal, was der andere an Persönlichkeit mitbringt und nicht, welche Religion der Mensch hat. Vielleicht diskutiert man dann auch mal über Religion. Aber: Man projiziert nicht mehr automatisch das Bild, das man über den Islam hat, auf den anderen. Viele Fehl- und Vorurteile werden über die Art der medialen Auseinandersetzung transportiert.

Die Medien haben Schuld?

Spätestens seit dem 11. September 2001 haben wir einen medialen Diskurs, der versucht, Religion als Subjekt zu sehen. Es wird von "dem" Islam gesprochen. Diese Pauschalisierung schlägt irgendwann natürlich mal durch: Diese Art von Presse ist ein Wegbereiter einer diffusen Angst vor dem Islam. Es braucht ja nur einen Anlass - Stichwort: Silvester in Köln - um diese Gefühle und Ängste noch mal richtig durchschlagen zu lassen.

Dschihadisten und Terroristen, die im Namen des Islam morden, haben nichts damit zu tun?

Es gibt die Stichwortgeber und es gibt die Terroristen und Extremisten, die den Islam vereinnahmen und für ihre Zwecke missbrauchen. Die schlimmste Fratze ist zurzeit der IS. Die werden dann natürlich auch fleißig zitiert von der Seite, die im Islam das Böse und Gefährliche sieht.

In Deutschland geht Pegida auf die Straße und die Alternative für Deutschland fährt Rekordergebnisse ein. Wirkt sich der Rechtsruck auf die Muslime im Land aus?

Ja, leider. Es wird salonfähiger, immer offener Rassismus als Meinung darzustellen. Aber Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Die Hemmschwelle sinkt. Bei den Kommunalwahlen in Hessen, fuhr die AfD in Bad Karlshafen 22,4 Prozent ein. Wegen 240 Flüchtlingen bricht die blanke Panik aus - in einer Stadt, die seinerzeit die Hugenotten mit offenen Armen aufgenommen hat.

Die übliche Antwort lautet: "Die waren uns wenigstens ähnlich."

Das ist ein halbgares Argument. Meine Mutter erzählte mir, dass es früher in einem Schulhof in Freiburg einen Kreidestrich gab: Da die Katholiken, dort die Protestanten. Natürlich kommen die Flüchtlinge aus einer anderen Kultur, das war aber bei den Hugenotten nicht anders. Trotzdem haben sie Asyl bekommen. Und es gibt doch auch Gemeinsamkeiten von Islam, Christentum und Judentum.

Braucht es mehr Wissen über den Islam - und zwar sowohl bei Nicht-Muslimen wie bei Muslimen, die extremistischen Strömungen anhängen?

Begegnungen sind die entscheidende Möglichkeit, die Situation zu verbessern. Wir Muslime müssen uns dabei auch an der eigenen Nase packen: In dem Moment, wo wir unseren Glauben richtig praktizieren, haben wir auch eine Chance, Vorurteile abzubauen.

Extremisten gehen auch davon aus, ihren Glauben richtig zu praktizieren. Was machen die Moscheegemeinden, um junge Menschen davon abzuhalten, als Kämpfer nach Syrien zu gehen?

Was in den Moscheegemeinden gemacht wird, ist ausbaufähig. Aber: Wir haben aus Deutschland 600 Kämpfer. Jeder ist einer zu viel, aber in Relation ist das noch eine relativ kleine Zahl.

Was ist mit radikalen Moscheen und "Hasspredigern"?

Ohne Zweifel gibt es schwarze Schafe. Von den 2000 Moscheen in Deutschland sind es maximal zwei Dutzend. Meine Prämisse ist: Eine richtig verstandene Religion ist die beste Immunisierung für einen religiösen Menschen, nicht in den Extremismus abzugleiten. Ein richtig praktizierter Islam zieht Gemäßigtheit nach sich und ein Verständnis pro Recht, Demokratie, Gesellschaft, Toleranz und Weltoffenheit.