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Peru steht vor neuer Zerreißprobe

Von Claudia Schmidt

Politik

Kurz vor der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen in Peru an diesem Sonntag haben sich die Fronten zwischen den beiden Kandidaten verhärtet.


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Laut nationalen Meinungsforschungsinstituten hat Alan Garcia von der Revolutionären Amerikanischen Volksallianz (APRA) seinen Abstand zum Spitzenkandidaten Alejandro Toledo von der gemäßigten Partei "Peru Posible" laufend verringern können. Die letzten Umfrageergebnisse, die am Sonntag vor der Wahl veröffentlicht wurden, sprachen von einem Abstand zwischen 10 und 15 Prozent, das Institut "Apoyo" kommt sogar nur auf 4 Prozent.

Im ersten Durchgang der Wahlen am 8. April hatte Toledo 36,51 Prozent der gültigen Stimmen auf sich vereinigen können. Garcia erreichte 25,78 Prozent und überholte damit nur knapp die Kandidatin der Unidad Nacional, Lourdes Flores Nano, die mit 24,30 Prozent der Stimmen für viele die einzige Hoffnung auf einen tatsächlichen Machtwechsel dargestellt hatte. Im zweiten Durchgang kommt es nun zu einer Stichwahl zwischen Toledo und Garcia, bei der die über 14 Millionen Wahlberechtigten - also rund die Hälfte der Einwohner Perus - den Präsidenten für die nächsten fünf Jahre mit absoluter Mehrheit wählen müssen.

Modernisierung ist das Schlagwort, auf das die beiden Kandidaten für die Wahl am Sonntag setzen. Der 55-jährige Nationalökonom und ehemalige Mitarbeiter der Weltbank Toledo verspricht Steuersenkung, die Schaffung von Arbeitsplätzen in der heimischen Textilindustrie und die Förderung des Tourismus. Zudem will der "self-made man" indianischer Abstammung, der den Aufstieg aus ärmlichen Verhältnissen über ein Stipendium an der Stanford University of Colombia schaffte, Kredite an Kleinbauern vergeben und findet so vorwiegend die Unterstützung der indianischen und mestizischen Unterschichten.

Alan Garcia setzt ebenfalls auf die Schaffung von Arbeitsplätzen, auf Lohnerhöhung und eine Senkung der Mehrwertsteuer. Der 51jährige Rechtsanwalt regierte Peru bereits in den Jahren 1985-90 und hinterließ als jüngster Präsident das Land im Chaos. Nach Korruptionsvorwürfen setzte er sich sogar ins Ausland ab. Nach beinahe neun Jahren kehrte er schließlich vor vier Monaten aus Frankreich nach Peru zurück, um erneut für die Präsidentschaft zu kandidieren. Dass Garcia ein brillanter Redner ist und in der TV-Debatte vor knapp zwei Wochen gegenüber Toledo aufholen konnte, mag mit ein Grund dafür sein, dass die Erinnerung an Misswirtschaft und Gewalt immer weiter schwindet.

Ungewiss ist jedoch die Zahl derjenigen Wähler, die mit der Abgabe eines ungültigen Stimmzettels ihr Misstrauen gegenüber beiden Kandidaten aussprechen werden. Umfragen der Meinungsforschungsinstitute "Apoyo" und "Datum" zufolge lag die Anzahl der "Nullstimmen" eine Woche vor der Wahl bei 22,3 Prozent und könnte sich durch die Unentschlossenen auf 28,8% erhöhen. Der Journalist Jaime Bayly und der Schriftsteller Alvaro Vargas Llosa hatten sich Anfang Mai dezidiert für die Abgabe von ungültigen Stimmzetteln ausgesprochen. Lourdes Flores erklärte bei einem kürzlichen Besuch in Madrid, dass sie auch weiterhin für keinen der beiden Kandidaten eine Empfehlung abgeben werde.

Inzwischen haben der Leiter der Wahlbeobachtungskommission der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Eduardo Stein, und die nationale Organisation "Transparencia" dazu aufgerufen, den Ton auf beiden Seiten zu mäßigen und von einer schmutzigen Wahlkampagne wieder auf eine sachlichere Ebene zurückzukommen. Die gegenseitigen Beschuldigungen reichen vom Drogenkonsum bis zur Korruption und lassen eine ernsthafte inhaltliche Diskussion vermissen.

Wer auch immer die Wahl am Sonntag für sich entscheidet, er wird es nicht einfach haben. Toledo hat zwar mit 45 Sitzen seiner Fraktion den breitesten Block im Kongress gegenüber den 28 Sitzen der APRA. Bei 120 Kongressmitgliedern ist aber auch er zur Zusammenarbeit gezwungen, um die grossen Probleme des Landes - Armut, Arbeitslosigkeit und Auslandsverschuldung - zu bekämpfen.