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Im ungewohnt heißen August waren es die zahlreichen Todesfälle alter Menschen in französischen Krankenanstalten und Pflegeheimen, die das Vertrauen in professionelle Obsorge ins Schwanken brachten - jetzt, im kühlen September, folgen Berichte über heimische Pflegemissstände, die ebenso den Ruf nach Rücktritt der politisch Verantwortlichen nach sich ziehen. Es sind kindliche Erwartungen an alles wissende, alles ordnende Elternfiguren, die da zum Vorschein kommen, egal, ob der französische Gesundheitsminister oder die Wiener Gesundheitsstadträtin als "böser Papa" oder "böse Mama" herhalten müssen - und nicht diejenigen, die ihre Arbeitsaufträge nicht erfüllt haben (Mitdenken inklusive), egal aus welchen Gründen.
Das Muster ist immer das Gleiche: egal wie weit unten in der Befehlshierarchie jemand Fehlhandlungen setzt oder Handlungen vermeidet - beispielsweise das Melden von Unzulänglichkeiten -, der Vorwurf des Versagens trifft immer die prominente Spitze der Verwaltung: die kennt man, die beneidet man, die bekämpft man. Egal ob aus politischer Gegnerschaft oder frühkindlichen Enttäuschungen (sprich: "Ihr habt euch zu wenig gekümmert!") - oder beidem. Denn wenn man rein aus der politischen Opposition heraus attackiert, müsste die Angriffsbotschaft immer einen Problemlösungsvorschlag enthalten samt der Bitte um den konkreten Wählerauftrag. Das aber würde kontinuierliche Konzeptarbeit erfordern - und an der mangelt es, weil Informationsflut und Terminanhäufungen die Zeit fürs Nachdenken, Nachfühlen verschwinden lässt.
Aus meiner eigenen Praxis als Supervisorin in Wiener Krankenanstalten und Pflegeeinrichtungen kenne ich die Klagen über Personalmangel - von denen, die die Arbeit von zweien oder dreien bewältigen müssen und ausbrennen. Also nicht von deren Vorgesetzten oder Personalvertretern, die sich vielfach in "vorauseilendem Gehorsam", wie es Erwin Ringel immer bezeichnete, den phantasierten Wünschen "der da oben" anpassen. Kostenreduktion oder feiner "patientenorientierte Bedarfsplanung" heißt es dann und bedeutet, dass irgendwelche Unternehmensberater, die keine Patientenerfahrung besitzen, ausrechnen, wie viel Zeiteinheiten für welche Pflegehandlungen aufgewendet werden dürfen. Als ob man qualitative Leistungen quantifizieren könnte!
Ich habe es in der Supervision von Sachwaltern erlebt, denen über Anregung der Unternehmensberatung die Erledigung von 30 Akten pro Woche zugemutet wurde - und deren Stress: zur Kontrolle in Heime an der Stadtgrenze oder ins Bundesland fahren zu müssen und ihr vorprogrammiertes Versagen, weil die Hardware Körper mit der Software Leistungsvorgabe gar nicht mitkommen kann. Oder von Spitalsärzten, die klagten, sie hätten gar nicht mehr die Zeit, eine Diagnose zu "erfühlen" und müssten statt dessen teure Maschinen einsetzen. Oder in der AIDS-Arbeit, wenn bemängelt wurde, dass eine Beratung mehr als eine Viertelstunde dauert: jemandem zu sagen, sie haben das Virus nicht, geht schnell, jemandem beizustehen, der erfährt, dass er HIV-positiv ist, braucht Einfühlung und daher Zeit.
Pflege braucht auch Zeit. Förderbänder für Patienten analog den Waschstraßen für Autos wurden bereits erfunden. Zur Kosteneinsparung. Eingespart - und arbeitslos gemacht - werden Menschen. Was gleichzeitig damit beseitigt wird, ist Zuwendung. Aber genau die macht die Pflege aus. Auch wenn das jene Pflegefachkräfte, die sich um die universitäre Verankerung der "Pflegewissenschaft" bemühen, nicht gerne hören: es sind nicht die möglichst schnellen und perfekten Handreichungen, die die Pflegequalität ausmachen, sondern der liebevolle Beistand in Situationen von Hilflosigkeit und Leiden. Deshalb braucht man in dieser "heilsamen" Dienstleistung bestens ausgebildete und psychisch gestützte Fachkräfte, weil diese Leistung von Angehörigen selten erbracht werden kann - und schon gar nicht neben der heutigen Berufstretmühle. Darum muss man darauf achten, dass eine solche Tretmühle nicht auch in den - neuerdings so genannten - "Gesundheits- und Krankenhäusern" oder "Geriatriezentren" entsteht. Das aber ist eine eindeutig politische Entscheidung.
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