Zum Hauptinhalt springen

Philosophische Falschmünzer

Von Norbert Leser

Reflexionen

Der Reduktionismus ist als wissenschaftliche Methode nützlich, darf sich jedoch nicht zur alles erklärenden Weltdeutung aufspielen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Im vergangenen Jahr sind zwei Bücher erschienen, die mehrere Gemeinsamkeiten aufweisen und als Denkanregungen zum Weiterwirken über den Tag hinaus bestimmend bleiben sollen. Das erste, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzte mit dem Titel "Geist und Kosmos" verrät schon im Untertitel das Anliegen der Schrift und deren wesentlichen Inhalt. Sie ist als eine Art Kampfschrift und Manifest "gegen die neodarwinistische materialistische Konzeption der Natur" gedacht, die zwar in der laufenden Debatte zwischen Naturwissenschaft und Philosophie eine große Suggestivkraft ausübt, trotzdem aber "so gut wie sicher falsch ist".

Das zweite, demselben Anliegen gewidmete Buch stammt aus meiner Feder und ist nicht wie das erwähnte Buch in einem deutschen Verlag, nämlich Suhrkamp Berlin, sondern in dem österreichischen Ibera Verlag European University Press erschienen. Es trägt den Titel "Gott lässt grüßen" und gibt die Absicht ebenfalls im Untertitel "Wider die Anmaßung des Reduktionismus und Evolutionismus" zu erkennen.

Verwandte Geister

Zur Gemeinsamkeit des Charakters der Kampfschriften trägt auch die gemeinsame Herkunft der Autoren bei. Ist der amerikanische Autor Thomas Nagel ein emeritierter Professor für Philosophie und Recht an der New York University, so bin ich ehemaliger langjähriger Professor für Sozialphilosophie an der Universität Wien. Der Umstand, dass wir beide sowohl Philosophen als auch Juristen sind, ist keineswegs bloß zufällig und bedeutungslos, sondern findet in der Argumentationskette der Ausführungen in beiden Werken ihren Niederschlag. So beklagt Nagel, dass die reduktionistische Philosophie bzw. Pseudo-Philosophie offenkundig "unfair" mit der traditionellen Philosophie umgehe, deren Argumente unterschlägt, ja sich erhaben über sie fühlt, ohne die übergangenen Argumente durch bessere zu ersetzen.

Wenn zwei verwandte Geister und Naturen, die in verschiedenen Ländern, ja auf verschiedenen Kontinenten wirken, gemeinsam vor einer Gefahr warnen, so ist dies ein Beleg dafür, dass die Denkrichtung, um die oder gegen die es geht, ein mehr oder weniger universelles zeitgenössisches Phänomen ist.

In den Vereinigten Staaten nimmt die reduktionistische materialistische Philosophie, die nicht nur eine gedankliche Aussage, sondern auch eine Haltung und Willensrichtung impliziert, mitunter eine aggressive, militante Gestalt an, so bei Richard Dawkins mit seinem "Gotteswahn". In Österreich sind solche schon in der Wortwahl unfairen Auslassungen eher die Ausnahme, so wenn die Biologin Renée Schroeder in einer Fernsehdiskussion alles nicht-materialistische Denken unwidersprochen als "Quatsch" abqualifiziert. Im allgemeinen aber überwiegt die ironische Herablassung und Nachsicht und schlichtweg die Ignorierung der Tradition, wie sie der gern zu allem und jedem Stellung nehmende Modephilosoph Rudolf Burger, mit einem Schuss Nietzsche gespickt, übt.

Was alle Vertreter des Reduktionismus bei aller sonstigen Verschiedenheit eint, ist die als Selbstverständlichkeit ausgegangene Überzeugung, im Besitze des Alleinvertretungsanspruches auf wissenschaftliche Gültigkeit zu sein. Sie üben damit, so weit ihr Einfluss reicht, eine Art "Einschüchterung" aus, wie es Nagel nennt. Sie verfehlen mit dieser Taktik nicht ihre Wirkung auf das breitere Publikum, das sich gerne für die scheinbar leichtere Form der Lösung philosophischer Probleme entscheidet. Es stört sie auch nicht, dass sie namhaftere Kollegen ihres Faches desavouieren. Nagel charakterisiert die Geisteshaltung der Reduktionisten denn auch als "Mangel an Demut", ich selbst habe den Begriff der "Anmaßung" gewählt, um diese Haltung zu definieren.

Eine weitere Erklärung für die Verbreitung und Beliebtheit des Reduktionismus ist wohl darin gelegen, dass er es versteht, auch in philosophischer Hinsicht das walten zu lassen und vorzunehmen, was der deutsche Soziologe Niklas Luhmann als "Reduktion der Komplexität" charakterisiert hat. Aber dieses Entgegenkommen gegenüber dem verständlichen Wunsch nach Vereinfachung sollte nicht auf Kosten der Wahrheit, die nun einmal nicht billig und einfach erhältlich ist, erfolgen.

Der Mensch ist "mehr"

Schon Viktor E. Frankl sah sich veranlasst, gegen den Reduktionismus seiner angestammten Disziplin, der Psychologie, Stellung zu nehmen. Dieser Reduktionismus dominiert nicht nur in der experimentell-mechanistischen, behavioristischen Psychologie, sondern auch in der philosophisch im biologischen Materialismus steckengebliebenen Psychoanalyse, der auch die Empiristen unter den Psychologen die Gültigkeit absprechen.

Der Reduktionismus war und ist aber nicht nur in der Psychologie zu Hause, es gab und gibt auch einen soziologisch determinierten Reduktionismus, der vor allem im "Diamat" des Sowjetkommunismus historisch Gestalt angenommen hat, mit dem Zusammenbruch des Kommunismus aber nicht gänzlich verschwunden, sondern auch in anderen Verkleidungen vorzufinden ist. Im Rahmen der Hirnforschung stehen Forschernamen wie Gerhard Roth und Wolf Singer für eine Tendenz, mit empirischen Argumenten der Willensfreiheit, die Kant als "Postulat der praktischen Vernunft" nominiert und hochgehalten hat, zu Leibe zu rücken und sie mit unabsehbaren Folgen für Recht und Gesellschaft in den Bereich der Mythologie zu verbannen.

Frankl, der als Philosoph vor allem Max Scheler folgte, charakterisiert den Menschen als ein Wesen, das nicht durch ein "nicht mehr als", sondern im Gegenteil durch ein "mehr als" in den Griff zu bekommen ist.

Der Reduktionismus zieht aus empirischen Befunden weiterreichende Schlüsse, als die Tatsachen hergeben, auf der anderen Seite spricht er den philosophischen Argumenten, die nicht aus der Empirie stammen oder sich nicht in ihr erschöpfen, das Recht ab, über die einseitige und die Abgeschlossenheit der Argumentationskette vortäuschende Sicht der Dinge hinauszugehen.

Der Reduktionismus übernimmt und überschätzt die Fähigkeiten der Wissenschaft, wenn er ihr zumutet, eine Erklärung für zwei wesentliche Faktoren, ohne die die Wirklichkeit nicht vollständig ist, liefern zu können. Sowohl bei Nagel als auch bei mir sind es unabhängig voneinander, aber notwendig, weil von der Sache her erfordert, die beiden konstituierenden Elemente: das Bewusstsein und die Vernunft. Im Grunde genommen aber beschränkt sich der Erklärungswert der Herleitung durch den Reduktionismus auf die bloße Behauptung, dass es sich so verhalten haben muss, als dass Vernunft und Bewusstsein aus der Materie entstanden sind. Anton Zeilinger hingegen weist in der "Winer Zeitung" vom 7. 12. 2012 darauf hin, dass die Brücke zum Bewusstsein ein Loch sei, während die Materialisten behaupten, dass dieses Loch bereits geschlossen sei.

Wäre der Materialismus eine selbstkritische Theorie, müsste er zumindest die Möglichkeit offenlassen, dass eine von außen kommende Kraft den Übergang zwischen der Materie und den Größen von Vernunft und Bewusstsein herbeigeführt und zustande gebracht hat. Gerade diese Möglichkeit aber will man nicht zugeben, weil man sonst am Materialismus irre werden würde. Eine andere Möglichkeit, sich diesem Dilemma zu entziehen, ist der Skeptizismus, den der materialistisch gesinnte Physiker Emile du Bois-Reymond 1872 ungeachtet seines Materialismus in die Formel gefasst hat: "Ignoramus et ignorabimus". Er hat es also methodisch kategorisch ausgeschlossen, dass die Ableitung, die der Reduktionismus stillschweigend als selbstverständlich und gelungen annimmt, je gelingen wird.

Angst vor Metaphysik

Die Reduktionisten haben Angst, Metaphysik zu betreiben, wenn sie die Möglichkeit eines selbstständigen und autonom wirkenden Geistes einräumen. Sie übersehen dabei, was der deutsche Wissenschaftstheoretiker Wolfgang Stegmüller in seinem Buch "Wissenschaft, Metaphysik, Skepsis" ausgeführt hat, dass auch die scheinbare Entscheidung gegen die Metaphysik eine metaphysische ist, dass der Mensch als denkendes Wesen der Metaphysik gar nicht entrinnen kann. Auch der Materialismus ist, ohne sich dessen bewusst zu sein, eine Art Metaphysik, nur eben eine schlechte. Anton Zeilinger, der mich zu meinem Buch ermuntert und es auch mit einem Geleitwort ausgezeichnet hat, lässt gerade als renommierter Physiker erkennen, dass Physik ohne Metaphysik ins Bodenlose fällt.

Das Bewusstsein lässt sich nicht nur nicht aus der Materie ableiten, es ist auch kein Sein außerhalb jedes Bewusstseins vorstellbar. Von einer bewusstseins-losen Welt kann man zwar sprechen und schreiben, aber um sie sich vorstellen zu können, müsste man erst recht das Bewusstsein zur Hilfe nehmen. Der englische Philosoph und Theologe George Berkeley (1685-1753) hat die Formel "esse = percipi" ("sein = wahrgenommen werden") geprägt und damit zum Ausdruck gebracht, dass es kein erfahrendes und erfahrbares Sein außerhalb jedes Bewusstseins geben kann. Es ist also nicht so, dass eine metaphysisch begründete Erkenntnistheorie etwas, was entbehrlich ist, hinzudenkt, umgekehrt ist jenen, die sich ein solches Bewusstsein hinwegdenken zu können glauben, eine Selbsttäuschung und Täuschung anderer vorzuwerfen.

Im Übrigen steht die Formel Berkeleys auch mit der positivistischen Aussage des "Wiener Kreises", dass nicht metaphysische und damit unbestreitbar wahre Feststellungen nur über beobachtbare und messbare Dinge legitim sind, im Einklang. Und der Physiker Niels Bohr hat in einem berühmten Gespräch mit Albert Einstein den Mond und damit wohl auch andere Gestirne nur dann als wirklich definiert, wenn sie von einem Beobachter wahrgenommen werden.

Vernunft als Substanz

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Vernunft, die nach der traditionellen Philosophie die Ur- und Kernsubstanz der Wirklichkeit ist, weshalb sie auch als Logos-Philosophie, ein Synonym für die von Leibniz geprägte Bezeichnung "philosophia perennis", benannt ist und bleibt. Es ist eine nicht im mindesten plausible oder auch plausibel zu machende Behauptung, dass die Vernunft irgendwann in der Zeit oder doch schon in der Ewigkeit hinzugekommen ist. Auch die Deszendenztheorie vermag hierfür keine ausreichende Erklärung zu bieten. Bewusstsein und Vernunft sind also nicht Ergebnisse der Evolution, sondern deren Voraussetzungen und einbettende Ermöglichungen.

Wenn ich mein Buch und meine Ausführungen gegen den Evolutionismus richte, so nicht gegen die Evolution als solche, die vernünftigerweise gar nicht bestritten werden kann, sondern gegen den zum Scheitern verurteilten Versuch, die Evolution in Raum und Zeit zur alleinigen Erkenntnisquelle hochzustilisieren.

Der Reduktionismus traut der Wissenschaft zu viel, der Philosophie aber zu wenig zu. Ja im Grunde läuft der Reduktionismus auf den ebenfalls zum Scheitern verurteilten Versuch hinaus, Philosophie und Religion überflüssig zu machen und durch eine Wissenschaft, die keine Grenzen anerkennen will, zu ersetzen. Anton Zeilinger ist im Geleitwort zu meinem Buch für eine Einhaltung der Grenzziehung zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen Physik und Metaphysik, eingetreten.

Zu welchen Verrenkungen des Geistes der Versuch führen muss, die Grenzen zwischen Philosophie und Wissenschaft zu missachten und alles auf das Niveau einer an Konrad Lorenz orientierten "evolutionären Erkenntnistheorie" herabzudrücken, geht aus den im Folgenden zitierten Ausführungen des Wiener Philosophen Günther Pöltner hervor. Seine Bemerkungen bringen zum Bewusstsein, dass es sich bei diesem evolutionistischen Versuch viel eher um einen Taschenspielertrick handelt als um eine seriöse Erkenntnistheorie: "Die schon existierende Vernunft denkt sich zunächst aus der Natur weg und denkt sich dann wieder dazu. Dieser logische Prozess der Existenz-Aufhebung und nachträglichen Aufhebung dieser Aufhebung wird als realer Entstehungsvorgang der Vernunft ausgegeben. Dieser erschlichene Übergang wird mit der Einführung unvorstellbar langer Zeiträume und unvorstellbar komplexer Vernetzungen kaschiert."

Vernunft und Bewusstsein können nicht an einem bestimmten Punkt in Raum und Zeit entstanden und hervorgetreten sein, sondern müssen schon in der Ewigkeit, ja im Ewigen selbst, angesiedelt werden.

Höhere Wirklichkeit

Wenn der Reduktionismus materialistischer, neo-darwinistischer Provenienz mit der Wissenschaft allein, die als eine von unten nach oben vorgehende und aufsteigende zu verstehen ist, das Gold der Wahrheit, die die entgegengesetzte Richtung einschlägt, liefern und ersetzen zu können meint, macht er sich philosophisch einer Falschmünzerei schuldig. Die Welt in Raum und Zeit ist eben, wie auch Kant, der der philosophischen Tradition zuzurechnen ist, ausführt, nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit, der eine andere, höhere Wirklichkeit gegenübersteht, die Kant, Nagel und ich als "intelligible" identifizieren.

Den Naturwissenschaften bleibt der methodische Reduktionismus unbenommen. Wenn aber aus diesem ein ontologischer Reduktionismus wird, der behauptet, mit wissenschaftlichen Aussagen die gesamte Wirklichkeit erklären zu können, so muss dagegen protestiert werden. Das "Ende des naturwissenschaftlichen Zeitalters", das der österreichische Physiker Herbert Pietschmann schon vor Jahren in einem Buch thematisierte, bedeutet nicht den Verzicht auf wissenschaftliches Forschen, wohl aber ein Abschied von der Vorstellung, dass der Geist aus der Materie zu erklären ist. Ontologisch gilt vielmehr das von Pietschmann vertretene Prinzip: "Der Geist bestimmt die Materie."

Literatur:Thomas Nagel: "Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist". Aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann. Suhrkamp, Berlin 2013.Norbert Leser: "Gott lässt grüßen. Wider die Anmaßung des Reduktionismus und Evolutionismus. Mit einem Geleitwort von Anton Zeilinger. Ibera Verlag, European University Press, Wien 2013.

Norbert Leser, geb. 1933, war Professor für Sozialphilosophie an der Universität Wien. und Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für neuere österreichische Geistesgeschichte.