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Polen, Juden und die Angst

Von Martyna Czarnowska

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Auch das jüngste Werk des Historikers Jan Tomasz Gross sorgt in Polen für Aufregung. | Das Buch ist fast drei Mal dicker als das schmale Bändchen, das vor acht Jahren erschienen ist. Aber die Aufregung darüber kann nicht größer sein als damals. Jedenfalls löst auch das nun auf den polnischen Markt gekommene jüngste Werk von Jan Tomasz Gross heftige Debatten aus.


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"Die Angst. Antisemitismus in Polen kurz nach dem Krieg - Die Geschichte eines moralischen Kollapses" hat der in den USA lebende Historiker getitelt. Das Buch ist nicht völlig neu, ist es doch vor etwas mehr als einem Jahr bereits in den USA erschienen. Die Debatten darüber waren bisher allerdings eher auf Historiker-Kreise beschränkt. Nun polemisieren Kommentatoren der größten polnischen Zeitungen; der Autor wird für seine "Propaganda" gescholten oder für die "notwendige Geschichtsaufarbeitung" gelobt - je nachdem, ob das Blatt im politischen Spektrum rechts oder links anzusiedeln ist.

Die Staatsanwaltschaft prüft, ob eine "öffentliche Verunglimpfung der polnischen Nation" gegeben ist. Ja, das ist in Polen tatsächlich verboten. Der Paragraf bezieht sich auf Verunglimpfungen, dass die Nation an kommunistischen oder nazistischen Verbrechen beteiligt war oder diese organisiert hat. Das Delikt wurde im Vorjahr ins Strafgesetzbuch aufgenommen, der polnische Bürgerrechtsbeauftragte hat dagegen beim Verfassungsgerichtshof geklagt.

Schon hat sich auch die katholische Kirche in die Debatte eingeschaltet. Erzbischof Jozef Zycinski bedauerte, dass Gross Buch "verletzt und spaltet". Dennoch sollte nicht die Staatsanwaltschaft darüber urteilen.

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Woher der Aufruhr? Immerhin schreibt Gross über nichts Unbekanntes - anders als vor acht Jahren. Bevor er 2000 "Nachbarn. Die Geschichte der Vernichtung eines jüdischen Städtchens" veröffentlicht hat, wusste kaum jemand von der Ortschaft Jedwabne in Ostpolen. 1941 wurden dort bei einem Pogrom 1600 Juden erstochen, erschlagen oder lebend in einer Scheune verbrannt - und das nicht von deutschen Soldaten, sondern von Polen.

Die Ereignisse in Krakau und Kielce aber, über die Gross unter anderem in seinem neuen Buch schreibt, waren schon vorher einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. In den Jahren 1945 und 1946 entluden sich antisemitische Stimmungen in Verfolgungen.

Die schon im Mittelalter herumspukende Behauptung, dass Juden christliche Kinder fangen und deren Blut in ungesäuertem Brot verarbeiten, stachelte den Mob an, Jagd auf jüdische Mitbürger zu machen. Insgesamt wurden laut Gross bei Pogrom-artigen Tumulten in Polen in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg mindestens 1500 Juden getötet.

Diese Zahl ist weit überhöht, meinen andere Historiker. Auch werfen sie Gross Verallgemeinerungen vor: Polnische Katholiken töteten Juden, und die Kirche schaute zu, heiße es bei ihm lediglich. Er lasse außer Acht, dass es ebenfalls Raubmorde gegeben habe oder Racheaktionen wegen der Kollaboration von Juden mit dem verhassten Geheimdienst.

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Was hinter der Diskussion steckt, sind die Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung der polnisch-jüdischen Geschichte. Drei Millionen polnische Juden wurden im Zweiten Weltkrieg ermordet und drei Millionen polnische Christen. Doch die kommunistische Nachkriegsregierung bevorzugte eine andere Rechnung. Sie addierte die Menschen zu sechs Millionen polnischer Todesopfer. Der Holocaust wurde zu einem polnischen Martyrium. Das stand noch Jahrzehnte später in Schul-Geschichtsbüchern im Vordergrund.

Und dann das: Polen nicht als Opfer, sondern auch als Täter? Sich die Verantwortung bewusst zu machen, ist schmerzhaft. Lieber wird von der Hilfe gesprochen, die zahlreiche Polen im Krieg Juden erteilt haben. In der Gedenkstätte Yad Vashem bei Jerusalem wurden im Vorjahr Namen von 6004 solcher Polen geführt. Keine andere Nation weist mehr "Gerechte unter den Völkern" auf.