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Die jüngsten dramatischen Ereignisse in der Ukraine haben auf drastische Weise bewiesen, dass die viel gepriesene - aber mitunter auch skeptisch betrachtete - Wende in Osteuropa noch lange nicht vollständig ist. Dies ist eine Entwicklung, die angesichts des historischen Hintergrundes Kenner der Region nicht wirklich hätte überraschen sollen.
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Tatsache ist, dass es eine stabilen und dauerhaften ukrainischen Staat - so wie im angrenzenden Weißrussland - niemals gegeben hat. Selbst an der Existenz eines staatstragenden ukrainischen Volkes könnten Skeptiker zweifeln. Im angrenzenden alten Österreich-Ungarn etwa gab es keine "Ukrainer", sondern lediglich "Ruthenen".
Paradox ist ferner, dass Kiew, die Hauptstadt der Ukraine, nicht etwa die Wiege eines ukrainischen Staatsgebildes, sondern die des alten Russlands war. Das altrussische Fürstentum "Rus" wurde jedoch von den Mongolen restlos zerstört.
Nach dem Niedergang des Reiches der Mongolen, die inzwischen zum Islam übergetreten waren, teilten sich Polen und ottomanische Türken die Ukraine, die schon damals zu den unruhigsten Teilen Europas zählte. Für Unruhe sorgten nicht zuletzt die Kosaken, Europas letztes, zuerst mongolisches, dann slawisches Reitervolk. Sie wurden schon damals wegen ihres unbändigen Freiheitsdranges, aber auch wegen ihrer Unberechenbarkeit gefürchtet.
Erhebung gegen Polen
Im frühen 17. Jahrhundert erhob sich der Kosakenführer (türkisch "Ataman", polnisch "Hetman" genannt) Bogdan Chmelnitzkij (1593-1657) gegen die polnische Herrschaft. Diese Revolution war von einem grauenhaften Pogrom an der jüdischen Bevölkerung begleitet, einer Volksgruppe, die Polens König Kasimir IV. aus Deutschland in sein Reich geholt hatte.
Selbst Chmelnitzkij hatte Zweifel an der Lebensfähigkeit seines Staates und unterstellte seinen Herrschaftsbereich 1654 dem Schutz des Zaren.
Für diesen erwiesen sich die neuen Untertanen als Stärkung, aber auch als Fluch. Wegen ihres Unabhängigkeitsstrebens erhoben sich die Kosaken mehrmals gegen die russischen Herrscher. Der Hetman Stepan Mazepa verbündete sich um 1700 mit dem Schwedenkönig Karl XII. und lockte diesen mit seinem Heer in die Ukraine, wo Karl bei Poltawa von Zar Peter dem Großen entscheidend geschlagen wurde.
Ebenfalls in Erinnerung geblieben sind die Kosakenführer Stepan (Stenka) Rasin und Emilijan Pugatschow. Ihre Aufstände im 17. und 18. Jahrhundert waren anfänglich erfolgreich. Sie eroberten einige große Städte, bevor sie von den Russen besiegt und hingerichtet wurden. Russische Historiker behaupten, der übermäßige Genuss von erbeutetem Wodka hätte ihre Kampfkraft angezapft.
Büttel des Zaren
Tatsächlich degenerierten die wilden Reiter zu Bütteln der Zaren. Lediglich ihre Chöre und Tänze können zu ihrer Verteidigung angeführt werden.
Auf die politische Weltbühne traten die Ukrainer erst 1917/18 mit dem Frieden von Brest-Litowsk, den die Mittelmächte den Bolschewiken im letzten Stadium des ersten Weltkriegs aufzwangen. Erstmals entstand ein ukrainischer Staat - beziehungsweise sogar zwei Staaten: die National- und die Westukraine, die zumindest vom Deutschen Reich und Österreich-Ungarn anerkannt wurden. Nach der Niederlage der Mittelmächte existierte eine Art Phantomstaat - etwa auf Briefmarken-, während das Gros der Kosaken auf Seite der antikommunistischen "Weißen" gegen die kommunistischen "Roten" weiterkämpfte. Wegen ihrer Unberechenbrakeit blieb ihr Beitrag militärisch von zweifelhaftem Wert.
Das Gebiet der Ukraine, das teilweise vom wiedererstandenen Polen besetzt war, wurde zur Hochburg und zum Rückzugsgebiet der "weißen" Generäle Anton Denikin und Wrangeli Wrangel, die ihre letzten Offensiven von der Ukraine aus gestartet hatten, ihre Ziele aber verfehlten - nicht zuletzt wegen des Ausfallens der Entente-Hilfe.
Denikin fand mit 130.000 seiner Leute in Serbien Exil. Von dort aus half er Achmed Zogu auf den albanischen Thron.
Nach dem Krieg hielten die Bolschewiken vorerst am Phantom eines sowjet-ukrainischen Staates fest, der 1922 der Sowjetunion als erste Teilrepublik beitrat. Die Herzen der Ukrainer konten die Sowjets allerdings nicht gewinnen. Nach Hitlers Invasion im Jahr 1941 war die Ukraine das erste Gebiet, in dem die Deutschen zumindest von einem Teil der Bevölkerung begrüßt wurden. Deutsche Militärs forderten die Aufstellung einer ukrainischen Armee, fanden aber angesichts von Hitlers Antislawismus - der nur von seinem Antisemitismus übertroffen wurde - anfänglich wenig Zuspruch. Die Ukrainer waren lediglich - wie auch die Kosaken - als "Hiwis" (Hilfswillige) für die ärgste Schmutzarbeit gut genug.
Soferne sie nicht an die Russen ausgeliefert wurden, kämpften Ukrainer auch nach dem formellen Kriegsende im Osten des Gebietes weiter. Exilukrainer wurden nochJahrzehnte später im Exil von russischen Agenten liquidiert.
Platzhalter des Kreml
Erst zum Jahrtausendwechsel machte die Wende auch vor den Grenzen der Ukraine nicht halt, doch gelang es den neuen Herrn im Kreml "ihre" Leute als Platzhalter in Kiew (und Minsk) zu installieren. Bis jetzt.
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