Political Correctness als Instrument einer inneren Spaltung

Von Alexandra Weiss

Gastkommentare
Alexandra Weiss ist Politikwissenschafterin, Sozial- und Geschlechterforscherin an der Universität Innsbruck. Foto: privat

Die Frauenbewegung forderte nie nur Emanzipation, sondern auch die Umverteilung von Arbeit, Ressourcen und Macht.


Begriff und Geschichte der Political Correctness haftet etwas Paradoxes an - sie scheint emanzipatorisch und reaktionär zugleich und hatte in verschiedenen historischen und politischen Kontexten unterschiedliche Bedeutungen. Wurde sie innerhalb der Linken oft selbstironisch eingesetzt, mutierte sie im reaktionären Klima der 1980er zum festen Bestandteil des einsetzenden 68er-Bashing, das alle emanzipatorischen Ideen im Gefolge der Studenten- und der Frauenbewegung zu diskreditieren suchte. Mit den 1990ern trat ein Wandel ein, indem sich nun zunehmend eine emanzipatorische Öffentlichkeit dieses Instruments bediente.

Es stellt sich aber auch die Frage, wie Political Correctness historisch einzuordnen ist. Ihr Aufstieg hängt mit dem Ende eines sozialstaatlich regulierten Kapitalismus beziehungsweise dessen neoliberaler Transformation und den sich damit verändernden Bedingungen der Politisierung gesellschaftlicher Widersprüche zusammen. Charakteristisch ist die Artikulation - vermeintlich - gegensätzlicher Forderungen, Interessen und Ideen vor und nach diesem historischen Einschnitt: Umverteilung versus Anerkennung, Sozial- versus Kulturkritik, Gleichheit versus Freiheit.

Während eine Politik der sozialen Gleichheit den alten sozialen Bewegungen zugeordnet und in Gewerkschaften und Arbeiterparteien institutionalisiert wird, werden Anerkennungsfragen und Freiheitsrevolten als Ausdruck der neuen sozialen Bewegungen ab den 1960ern und 1970ern gesehen. Sie stehen für ein Ende der politischen Dominanz des sogenannten Hauptwiderspruchs zwischen Arbeit und Kapital.

Zentral stand und steht dafür die Parole: "Das Private ist politisch!" Diese jedoch allein als Kulturkritik zu fassen, greift zu kurz, weil es die Verwobenheit kultureller Missachtung und ökonomischer Ausbeutung im Geschlechterverhältnis nicht erkennt. Dominant wird aber eine Kulturkritik, die sich weitgehend getrennt von Sozialkritik artikuliert. Political Correctness steht für eine "Politik der Identitäten", eine "Kulturalisierung der Politik" und die Politisierung von einst als unpolitisch betrachteten Bereichen der gesellschaftlichen Strukturierung.

Dass die beiden großen Kritikformen am Kapitalismus in dieser historischen Situation gegeneinander in Stellung gebracht werden konnten, hatte wohl mehrere Ursachen: Zum einen war es die Ignoranz der Linken gegenüber den "neuen" Fragen der sozialen Bewegungen - von Geschlechterverhältnissen über Ethnizität bis hin zu sexueller Orientierung. Zum anderen machte sich ein neuer, neoliberaler Kapitalismus Freiheitsforderungen und Praxen der Bewegungen zu eigen und deformierte sie damit - weil er aus kollektiven Handlungsformen individuelle Strategien machte. Beides schwächte die politischen Organisationen der Arbeiterschaft (Gewerkschaften und Massenparteien). Und ein ein neoliberaler Kapitalismus beschränkt auch die Vielfalt der Lebensformen, die er zu ermöglichen vorgibt.

Ohne Sozialkritik bleibt Political Correctness wirkungslos

Political Correctness konnte sich zwar als Diversity Management oder Gender Mainstreaming in die staatliche Bürokratie einschreiben - ohne eine Verknüpfung mit Sozialkritik büßt sie aber an Wirksamkeit und Verallgemeinerungsfähigkeit ein. Sie wird zum "Eliten-Programm", gegen das dann gerne von rechts polemisiert wird. Die Trennung der Kritiken, die Entgegensetzung von Freiheit und Gleichheit, gehört zum ideologischen Repertoire des (Neo-)Liberalismus. Das negiert, dass die Arbeiterbewegung nie nur gegen Ausbeutung, sondern auch gegen die Entfremdung der unteren Klassen kämpfte. Ebenso forderte die Frauenbewegung nie nur weibliche Selbstbestimmung, sondern auch die Umverteilung von Arbeit, Ressourcen und Macht.

Dennoch haben sich auch emanzipatorische Bewegungen diese Trennung zu eigen gemacht. Political Correctness scheint als Instrument einer inneren Spaltung zu greifen. Beispielhaft steht dafür die Debatte um Prostitution bzw. Sexarbeit. Schon die Begrifflichkeit wird zu einer Offenbarung des politischen Standpunktes hochstilisiert.

Dabei ist die Debatte von einer beinahe vollständigen Ausblendung ökonomischer Verhältnisse und globaler sozialer Ungleichheit gekennzeichnet. Die Zumutungen des Geschlechts werden nun vor allem in der Zuschreibung einer fixen Geschlechtsidentität gesehen und kaum in der herrschaftlichen und immer wieder auch gewaltvollen Organisierung heterosexueller Verhältnisse, die sich auch und gerade in der Prostitution manifestieren. Jede Kontextualisierung von Sexarbeit im Feld von Ausbeutung, Macht und Herrschaft wird zur Diskriminierung und Viktimisierung von Prostituierten, wenn strukturelle Verhältnisse unbegriffen bleiben. Gesten der Empörung ersetzen inhaltliche Debatten und verhindern eine Verknüpfung von strukturellen und identitätspolitischen Fragen.

Emanzipatorische Politik in der Zange

Dem gegenüber steht die "bewährte" Anti-Political-Correctness-Haltung der Rechten. Ein wichtiges Ereignis waren hier etwa die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht, die genutzt wurden, um eine menschliche Asylpolitik und einen antirassitischen Feminismus zu denunzieren. Aber gerade in Bezug auf feministische Politik ist diese Haltung schon seit geraumer Zeit - verstärkt seit der Wirtschaftskrise 2008 - in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Selbst Qualitätsmedien gerieren sich immer wieder als Plattformen für antifeministische Pamphlete: Wenn etwa Eva Glawischnig im "profil" mit Donald Trump verglichen und damit Sexismus-Kritik mit autoritärem Habitus gleichgesetzt wird, oder sich Universitätsprofessoren den Schutz einer ministerialen, höheren Macht vor den Auswüchsen eines um sich greifenden feministischen "Sprach-Terrors" einfordern, verkehrt das die Verhältnisse ganz grundsätzlich.

Emanzipatorische Politik befindet sich so in einer Zange: Während eine Kultur der Empörung sich mit der Geste emotionaler Betroffenheit der politischen Debatte entzieht, inszeniert sich eine überwiegend rechte Anti-Political-Correctness-Haltung medial als Schutz vor dem "Tugend-Wahn" nur scheinbar mächtiger Gruppen, um letztlich überkommene Hierarchien zu festigen.