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Staatsoberhaupt der Türkei erstmals in Armenien. | Annäherungsversuch in der Region. | Istanbul. (apa) Es ist nur ein kurzer Flug für Abdullah Gül - aber ein Riesenschritt für die türkische Politik. Wenn der türkische Staatspräsident heute, Samstag, in Eriwan, der Hauptstadt des Nachbarlandes Armenien eintrifft, wird zum ersten Mal ein türkisches Staatsoberhaupt armenischen Boden betreten.
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Tiefe historische Wunden, die nie richtig aufgearbeitet worden sind, sowie der Karabach-Konflikt in Aserbaidschan haben die beiden Nachbarn bisher stets auf Distanz gehalten. Das soll sich jetzt ändern. Für Ankara ist der Versuch einer Annäherung an Armenien jedoch kein Selbstzweck, sondern Teil einer breiter angelegten Initiative, mit der die Türken ihre Bedeutung in der Region sichern wollen.
Ein Beitrag zu einem "neuen Klima der Freundschaft in der Region" solle sein Besuch sein, ließ Gül in Ankara erklären. Anlass für die Reise ist die erste Begegnung der türkischen und der armenischen Fußballnationalmannschaften, die im Rahmen der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2010 aufeinandertreffen. Nach der Einladung seines armenischen Amtskollegen Serzh Sarkisian hatte Gül lange mit einer Antwort gezögert. Viele Kommentatoren und Wirtschaftsvertreter hatten ihn aufgerufen, er solle den Schritt tun; laut einer Umfrage befürworten zwei von drei Türken die Reise. Nationalisten sprechen dagegen von "Verrat".
TiefverwurzelterKonflikt in der Region
Gül habe sich entschlossen, in der Armenier-Frage aktiv zu werden, damit niemand der Türkei vorwerfen könne, sie bewege sich nicht, kommentierte eine Zeitung. Mit Sarkisian will Gül nicht nur über das bilaterale Verhältnis zwischen ihren beiden Staaten sprechen, sondern auch über die Lage in der Region. In den neunziger Jahren hatte Ankara im Karabach-Konflikt Aserbaidschan unterstützt und die türkische Grenze zu Armenien geschlossen. Beide Länder unterhalten keine diplomatischen Beziehungen; selbst direkte Flugverbindungen gibt es erst seit einigen Jahren.
Die Wurzel der Entfremdung von Türken und Armeniern ist der Streit um die Frage, ob die Türken im Ersten Weltkrieg einen Völkermord an der armenischen Minderheit im Osmanischen Reich begangen haben. Laut armenischen Angaben ließ die osmanische Regierung damals 1,5 Millionen Menschen bei Massakern und Todesmärschen umbringen. Armenien wirbt in der ganzen Welt für die Anerkennung des Völkermords.
Die Türkei streitet nicht ab, dass damals viele unschuldige Menschen ums Leben kamen, will aber von einem Völkermord nichts wissen: Die Armenier seien bei einer kriegsbedingten Umsiedlungsaktion dem Chaos und den Hungersnöten der damaligen Zeit zum Opfer gefallen. Auch viele muslimische Türken seien damals gestorben.
Ankaras Angst vorGebietsansprüchen
Ein besonderes Problem aus türkischer Sicht stellt allerdings die armenische Unabhängigkeitserklärung von 1990 dar: In dem Dokument heißt der zur Türkei gehörende Osten Anatoliens schlicht "West-Armenien". Das bedeutet aus Ankaraner Sicht, dass Armenien einen Anspruch auf türkisches Staatsgebiet erhebt. Die Türkei wartet hier auf eine eindeutige Erklärung Eriwans.
Die jüngsten Gefechte zwischen Georgien und Russland haben bei türkischen Diplomaten jedoch die Überzeugung reifen lassen, dass Ankara den armenischen Nachbarn nicht mehr einfach ignorieren kann. Seit dem Ende der Kämpfe in Südossetien wirbt die türkische Regierung für die Bildung einer "Kaukasus-Allianz", der die Türkei selbst sowie Georgien, Russland, Aserbaidschan und auch Armenien angehören sollen.
Der Pakt soll die Region stabiler machen; die Türkei will ein unverzichtbares Transitland bei der Energieversorgung des Westens werden und hat deshalb in den vergangenen Jahren Pipeline-Projekte aus dem Kaspischen Meer Richtung Westen forciert, die Russland umgehen. Neue oder neu aufflammende Konflikte im Kaukasus könnten dieses strategische Ziel Ankaras gefährden.
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