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Politik nach den Punks

Von Alexander Dworzak

Politik

Reykjavík wurde die vergangenen vier Jahren von einer Spaßpartei aus Ex-Punks geführt - erfolgreich.


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"Leuchtende Zukunft " heißt die Partei von Bürgermeisterkandidat Sigurður Björn Blöndal, einst Bassist einer Heavy-Metal-Band. Entsprechend leuchten auch die Farben seiner Wahlwerbung.
© Bright Future

Reykjavík/Wien. So viele Politiker verpassen den Absprung, den richtigen Zeitpunkt, um zurückzutreten. Jón Gnarr wollte diesen Fehler nicht wiederholen, trotz 38 Prozent Zustimmung für seine Partei in Umfragen. Also kandidiert seine "Beste Partei" nicht bei den heute, Samstag, stattfindenden Kommunalwahlen in der Hauptstadt Reykjavík. Und auch sonst unterscheidet sich die Bewegung in wohl allen Punkten von einer gewöhnlichen Partei.

Ein drogenfreies Parlament bis 2020 versprach die "Beste Partei" im Wahlkampf 2010. Isländische Bauern sollten ein Schaf kostenlos ins Hotel mitnehmen dürfen und die am Boden liegende Wirtschaft durch den Zuzug von Juden angekurbelt werden; schließlich verstünden diese etwas von Ökonomie, spielte die Partei gleichermaßen mit anti- wie philosemitischen Klischees. Der Erfolg war gewaltig: 34,7 Prozent der Einwohner Reykjavíks wählten Gnarr und seine Freunde, die fast durchwegs Karriere als Musiker gemacht hatten, viele davon in der Punk-Szene.

Realität überholt Satire

Bürgermeister Jón Gnarr, mittlerweile 47 Jahre alt, lernte erst mit 14 schreiben, landete in mehreren Internaten für schwer erziehbare Jugendliche, pflegte später geistig und körperlich Beeinträchtigte, fuhr Taxi und spielte Bass in der Punkband "Rinnende Nasen", bevor er Comedian wurde. Ein Scherz war auch eigentlich die "Beste Partei", sie entstammt einer Idee aus dem Jahr 2008.

Das satirische Zerrbild eines durch und durch verrotteten wirtschaftlichen Gefüges, an dem die Politik alles andere als schuldlos war, wurde in Island spätestens mit dem Platzen der Finanzblase Realität. Die drei größten Banken, Kaupthing, Glitnir und Landsbanki, brachen unter einer Schuldenlast von mehr als 55 Milliarden Euro zusammen. Das in Österreich beliebte und von heimischen Banken nach Südosteuropa exportierte System der Fremdwährungskredite war auch in Island gang und gäbe. Als die Krone jedoch gegenüber dem Schweizer Franken absackte, stürzten die Privathaushalte ins Chaos, denn sie hatten sich massenweise mit scheinbaren Niedrigzinskrediten eingedeckt. Aus der in jeder Hinsicht friedlichen Vulkaninsel - Island ist zwar Nato-Mitglied, besitzt aber kein stehendes Heer - wurde ein soziales Pulverfass.

Stadtwappen eintätowiert

Die Wahl der "Besten Partei" war somit eine Rebellion gegen das Polit-Establishment. Die konservative Unabhängigkeitspartei, entscheidend an der Liberalisierung des Kapitalmarktes beteiligt, wurde abgestraft. Ausgerechnet die früheren Punks haben in den vergangenen vier Jahren den Stadthaushalt saniert. Neben viel harter Arbeit musste aber natürlich Zeit für Inszenierung sein: So ließ sich Bürgermeister Gnarr das Stadtwappen Reykjavíks auf den Arm tätowieren.

Völlig losgelöst von den etablierten, abgestraften Parteien agierte die "Beste Partei" aber nie, schließlich gab die sozialdemokratische Allianz den Koalitionspartner. Deren Chef Dagur Eggertsson hat nun beste Chancen, neuer Bürgermeister der 120.000 Einwohner zählenden Stadt zu werden. 60 Prozent der Bürger wollen ihn Umfragen zufolge im Amt sehen. Nicht annähernd so gut wie die Beliebtheitswerte Eggertssons sind jene für seine Sozialdemokraten, mit 34 Prozent liegen sie dennoch komfortabel auf Platz eins. Auf Platz zwei folgt mit 22 Prozent "Leuchtende Zukunft". Deren Spitzenkandidat Sigurður Björn Blöndal ist ein alter Weggefährte von Gnarr und schloss sich der 2012 gegründeten Partei an. Blöndal war Bassist der Heavy-Metal-Band Ham. Mit Óttarr Proppé ist ein weiterer Musiker für "Leuchtende Zukunft" aktiv. Er ist Abgeordneter im nationalen Parlament und trat beim diesjährigen Song Contest für Island als Backgroundsänger auf.

EU-Kluft vertieft sich

"Leuchtende Zukunft" gibt sich dezidiert pro-europäisch. Auch die Sozialdemokraten wollen den Beitritt zur Union. Die nationale Regierung, bestehend seit 2013 aus der agrarisch-zentristischen Fortschrittspartei und der Unabhängigkeitspartei, hat anderes vor und vollzog im Februar eine Kehrtwende. Entgegen einem Wahlversprechen sollte die Bevölkerung nun nicht mitentscheiden, wie und ob es mit den auf Eis gelegten EU-Beitrittsverhandlungen weitergeht.

Im jungen und urbanen Reykjavík kommt dieser Kurs schlecht an, die Regierungsparteien werden wohl abgestraft: Die Unabhängigkeitspartei liegt bei 21,5 Prozent, die Fortschrittspartei schafft wohl nicht einmal den Einzug in das Rathaus - ebenso wenig in den größten zwei weiteren Gemeinden Kópavogur and Hafnarfjörður. Am Land werden die Regierungsparteien bei der Kommunalwahl hingegen deutlich besser abschneiden. Die schon jetzt unüberwindlich wirkende Kluft zwischen proeuropäischen und Anti-EU-Parteien wird sich somit weiter vertiefen.

Um doch noch Stimmen zu mobilisieren, greift die Fortschrittspartei nun zur Islamkritik und lehnt den beschlossenen Bau einer Moschee in Reykjavík ab. Doch nicht einmal die eigene Parteijugend folgt diesem Kurs.