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Politik rund um ein Stück Stoff

Von Martyna Czarnowska

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Am türkischen Nationalfeiertag lädt Präsident Gül erstmals auch Frauen mit Kopftuch zum Empfang.


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Meral ist es egal. Der 21-jährigen Türkin macht es nichts aus, dass einige ihrer Kommilitoninnen nun mit Kopftuch im Hörsaal erscheinen. Meral studiert Germanistik in der Schwarzmeer-Stadt Samsun; sie trägt enge Jeans und lässt ihr langes Haar offen über die Schultern fallen. Doch wenn andere Studentinnen ihre Haare bedecken möchten, sagt die junge Frau, dann sollte das möglich sein.

Bis vor kurzem war es das in der Türkei nicht. An Schulen, Universitäten und im öffentlichen Dienst gilt das Kopftuch-Verbot. Das wird ebenso erbittert verteidigt wie angeprangert. Den selbst ernannten Hütern des Laizismus stehen dabei jene gegenüber, die gegen eine Diskriminierung von Frauen mit Kopftuch wettern. Als die Regierungspartei AKP mit ihren islamischen Wurzeln das Gesetz aufheben wollte, riskierte sie noch vor zwei Jahren, selbst verboten zu werden.

Dennoch sind seit diesem Studienjahr Frauen mit bedecktem Haar an den Universitäten zu sehen. Zwar gibt es noch keine gesetzliche Grundlage für die Aufhebung des Kopftuch-Verbots, denn die hat Premier Recep Tayyip Erdogan erst für kommendes Jahr - wohl nach der Parlamentswahl - angekündigt. Doch hat die türkische Hochschulbehörde eine Richtlinie an die Universität Istanbul geschickt, wonach kein Student und keine Studentin wegen Verstößen gegen die Kleiderordnung vom Unterricht ausgeschlossen werden soll.

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Bei der Debatte geht es in der Türkei schon längst nicht nur um Religion oder Weltanschauung. Es geht um Politik und um Macht. Die einen, die AKP und die aufstrebende Mittelschicht mit ihrem traditionellen Weltbild, haben danach gegriffen. Die anderen, die sich als Verteidiger von Atatürks Werten verstehen, wollten ihren Einfluss nicht verlieren.

Für sie muss es wie ein Schlag ins Gesicht gewesen sein, als die Ehefrau des Präsidenten, Hayrünnisa Gül, in der Vorwoche beim Türkei-Besuch des deutschen Staatsoberhaupts Christian Wulff erstmals den roten Teppich entlang der Ehrengarde abging. Dass sie in der Öffentlichkeit immer Kopftuch trägt, hat schon bei Abdullah Güls Kür für Unmut gesorgt. Aus Rücksicht auf die Kritiker hatte sich Hayrünnisa Gül denn auch bisher nicht bei Staatsanlässen gezeigt. Daher schaffte es das Bild der First Lady mit den Soldaten bei manchen Zeitungen zum Foto der Woche.

Ein weiteres könnte am heutigen Freitag entstehen, der in der Türkei Nationalfeiertag ist. Zum Empfang hat Präsident Gül nämlich hohe Militärs, aber auch erstmals Kopftuch tragende Frauen geladen.

Eine davon ist die Frau des Premiers, Emine Erdogan. Rechtzeitig vor dem Nationalfeiertag haben Medien bekannt gemacht, dass sie als junges Mädchen von ihrem ältesten Bruder dazu gezwungen worden war, Kopftuch zu tragen. "Sie schloss sich in ihr Zimmer ein und weinte", zitierten Zeitungen einen anderen Bruder.

Jahrzehnte später erklärte ihr Mann bei einer öffentlichen Rede, dass ein gesellschaftlicher Konsens schwierig sei, solange sich nicht einmal Frauen in der Kopftuch-Debatte einig seien. Was dabei mitschwang: Es ist in erster Linie ein Problem der Frauen.

Die haben in der Türkei allerdings auch mit anderen Dingen zu kämpfen. Die offizielle Frauenerwerbsquote liegt nicht einmal bei 30 Prozent. Von den - schätzungsweise acht - Millionen Analphabeten sind an die drei Viertel weiblich. Zumindest jede zweite Frau ist von häuslicher Gewalt betroffen.

Das sind keinesfalls in erster Linie Herausforderungen für die Frauen. Es sind Probleme der ganzen Gesellschaft.