Zum Hauptinhalt springen

Politikum Auschwitz

Von Gerhard Lechner

Politik

75 Jahre nach der Befreiung des nationalsozialistischen Konzentrationslagers herrscht international zwar Einigkeit, dass Antisemitismus zu verurteilen ist - allerdings zieht jeder Akteur aus der Geschichte andere Schlussfolgerungen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 4 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Am Ende blieben nur noch die Schwächsten der Schwachen im Konzentrationslager Auschwitz zurück: rund 7000 Menschen, "zerlumpt, hinfällig, Skeletten gleich", wie es der italienische Schriftsteller Primo Levi, selbst Häftling in Auschwitz, beschrieb. Das letzte Krematorium war am 26. Jänner 1945 von der SS gesprengt worden, die Häftlinge, die noch gehen konnten, wurden auf Todesmärsche ins Innere des Reiches geschickt. Am 27. Jänner, einem schönen, sonnigen Tag, hörten die Häftlinge Explosionen nicht weit vom Lager. Männer mit Gewehren und einem roten Stern auf der Mütze erschienen. Ein Freudenschrei: "Die Russen! Die Russen!"

Am kommenden Montag jährt sich zum 75. Mal der Tag der Befreiung jenes deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers, das zum Symbol für den Holocaust, die systematische Ermordung von über fünf Millionen Juden durch das nationalsozialistische Deutsche Reich, wurde. Über eine Million Juden wurden allein in dem - verkehrstechnisch günstig gelegenen - Lagerkomplex nahe dem polnischen Städtchen Oswiecim von den SS-Schergen und ihren Helfern umgebracht.

"Kein weiterer Holocaust"

Dass das in den großen Vernichtungslagern wie Auschwitz auf quasi fabriksmäßige Art und Weise geschah, dass die Menschen noch zu einem Zeitpunkt, als die nahende Niederlage des Dritten Reiches absehbar war, in die Gaskammern getrieben und in den Krematorien verbrannt wurden, erschütterte die Weltöffentlichkeit 1945 - und machte das "Nie wieder Auschwitz!" zu einer Art Gründungsmythos der demokratischen Nachkriegswelt.

Allerdings auch zu einem Politikum. Denn Auschwitz ist heute nicht nur eine Erinnerung an eine ferne, schreckliche Zeit - Auschwitz ist immer auch ein Auftrag an die Gegenwart. Das zeigte sich beispielhaft auch wieder an der prominent besetzten internationalen Holocaust-Gedenkveranstaltung, die am Donnerstag in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem stattfand und die die Erinnerung an den Holocaust wachhalten soll. Für den Staat Israel ist Auschwitz eine Mahnung, dass sich Juden nie wieder wehrlos abschlachten lassen sollen. "Wir werden keinen weiteren Holocaust zulassen", sagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei seiner Rede vor dem Welt-Holocaust-Forum in Yad Vashem. "Das jüdische Volk hat die Lektionen des Holocaust gelernt: Wir nehmen die Bedrohungen derjenigen, die uns vernichten wollen, ernst." Wen Netanjahu damit meinte, war klar: den Iran, den er als den "antisemitischsten Staat der Welt" brandmarkte. "Der Iran bedroht die ganze Welt", das Regime in Teheran entwickle Atomwaffen und wolle Israel zerstören. "Ich rufe Sie alle auf: Wir müssen uns dem Iran entgegenstellen."

Eine andere Agenda verfolgt Russlands Präsident Wladimir Putin. Er rief zum vereinten Kampf gegen Antisemitismus auf und lobte den "entscheidenden Beitrag im Kampf gegen Nazismus", den die Sowjetunion geleistet habe. Auch Putin verband damit einen Auftrag an die Gegenwart: "Leider treten in der heutigen Zeit in einer Reihe von Staaten offen menschenfeindliche Ideen des Rassismus und des Antisemitismus hervor - und es werden pro-nazistische Märsche abgehalten", schrieb Putin in das Gästebuch des Holocaust-Gedenkforums.

Wen Russlands Staatschef damit meint, ist klar: Das Baltikum und die Ukraine, wo die Bevölkerung teils mit den NS-Besatzern kollaborierte und bei den Mordaktionen mitmachte. So gab es etwa eine eigene, aus Ukrainern bestehende "SS-Division Galizien", die Juden, Polen und anderen Gegner ermordete. Diese Staaten verweisen umgekehrt auf die lange Unterdrückung durch Moskau und die Schandtaten des Kommunismus - die in Russland gewöhnlich unter den Teppich gekehrt werden. Der Zweite Weltkrieg ist in den Köpfen der Osteuropäer immer noch sehr lebendig.

Das gilt auch besonders für Polen, auf dessen Gebiet sich die deutschen Mordaktionen abspielten. Präsident Andrzej Duda sagte die Teilnahme an dem Holocaust-Forum ab. Grund dafür war, dass er - im Gegensatz etwa zu Russlands Präsidenten Putin - dort keine Rede halten durfte.

"Antisemitisches Schwein"

Putin sorgt im geschichtsbewussten Polen immer wieder für Aufregung: Der Kreml-Chef tut sich schwer, die sowjetische Okkupation Polens 1939 und den Hitler-Stalin-Pakt eindeutig zu verurteilen. Stattdessen weist er auf polnische Verfehlungen hin: Etwa auf den Umstand, dass Polen lange gute Beziehungen zu Nazideutschland pflegte - ehe es selbst zum Opfer wurde. Den damaligen polnischen Botschafter in Berlin, Jozef Lipski, nannte Putin wenig diplomatisch ein "antisemitisches Schwein". Dieser hatte in einem Gespräch mit Adolf Hitler dem deutschen Diktator ein Denkmal in Warschau in Aussicht gestellt - wenn er das "jüdische Problem" Europas durch Auswanderung in Kolonien löse.

An dem Holocaust-Forum nahm neben Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der vor dem Forum reden durfte, auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen teil. Er erinnerte an Österreichs "Mitverantwortung" an den Verbrechen. "Niemals wieder" bedeute "keine Toleranz gegenüber Rassismus, keine Toleranz gegenüber Antisemitismus", so Van der Bellen. Der Bundespräsident wird ebenso wie Steinmeier auch an der Gedenkfeier in Auschwitz am Montag teilnehmen. Gastgeber dort wird Duda sein.

Freier Eintritt ins Haus der Geschichte~Am Sonntag öffnet das Haus der Geschichte Österreich in der Neuen Burg in Wien bei freiem Eintritt seine Tore. Anlass ist der Holocaust-Gedenktag am Folgetag. Die Aktion sei laut Aussendung ein "klares Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Holocaust und für die Mitverantwortung Österreichs an den Verbrechen des Nationalsozialismus".

Das Haus der Geschichte zeigt derzeit die Sonderausstellung "Nicht mehr verschüttet. Jüdisch-österreichische Geschichte in der Wiener Malzgasse", die sich mit Funden aus einem bis vor kurzem verschütteten Kellerraum der ehemaligen Synagoge im 2. Bezirk auseinandersetzt. Gefunden wurden Überreste des weltweit ersten Jüdischen Museums, ebenso wie Wurfbrandsätze der Novemberpogrome.