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Popstar Schwarzenberg

Von WZ-Korrespondentin Alexandra Mostyn

Politik

Tschechische Künstler werben am Ende der Wahlkampagne für den Fürsten, der in Umfragen weit zurück liegt


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Prag. Ein riesiges Werbeplakat erhebt sich dieser Tage über der Prager Stadtautobahn: ein Foto Vaclav Havels, des verstorbenen Ex-Präsidenten Tschechiens und bis heute moralischen Gewissens der Nation. Auf dem Bild trägt Havel ein T-Shirt, auf dem im ikonischen Andy-Warhol-Stil viermal das Antlitz seines langjährigen Freundes und Mitstreiters abgebildet ist. Und, in großen Buchstaben, dessen Name: Karel.

Karel Schwarzenberg: Der Fürst, Außenminister und Parteivorsitzende von Top 09 ist zum Popstar der Präsidentenwahl geworden. Zwar liegt laut Umfragen seine Zustimmung bei den Wählern zwei Tage vor dem ersten Urnengang bei nur elf Prozent, was ihm lediglich den vierten Platz einbringen würde. Dennoch geben Schwarzenbergs Unterstützer in den letzten Zügen der Kampagne noch einmal so richtig Gas.

In einem so genannten "Drei-Königs-Aufruf" raten rund 130 Persönlichkeiten aus Kultur und Gesellschaft zur Wahl Schwarzenbergs. Zehntausende von Fans rühren im Internet die Werbetrommel.

Und der Fürst gibt sich volksnah. Seinen 75. Geburtstag feierte er öffentlich in einer Brünner Straßenbahn. Für die Prager steigt heute, Mittwoch, ein großes Open-Air-Konzert von Persönlichkeiten der Kunstszene. Schwarzenberg, so sagen sie, sei der einzige Kandidat, der auf der Prager Burg das Erbe Vaclav Havels, der von 1989 bis 2002 das Präsidentenamt bekleidete, antreten könne. Deshalb hat Havels persönlicher Fotograf Oldrich Skacha Schwarzenberg auch das Foto von Havel im Karel-T-Shirt, ein Original, das während einer anderen Wahlkampagne entstand, zu Verfügung gestellt, appelliert Vaclav Havels Bruder Ivan via YouTube an die Wähler, ihre Stimme dem Außenminister zu geben, haben sich Havels engste Freunde und Mitarbeiter fest an die Seite Schwarzenbergs gestellt.

Vielen gilt Schwarzenberg auch als kleineres Übel. Kleiner im Vergleich zu den anderen Kandidaten, die mit der Zeit des Postkommunismus verbunden sind. Und die würden viele Tschechen mit dem Ende der Ära Vaclav Klaus gerne hinter sich lassen.

Volksnaher Zeman

Da ist zum einen der große Favorit Milos Zeman, dem Umfragen etwa ein Viertel der Wählerstimmen versprechen. Der Politdinosaurier war von 1996 bis 2002 sozialdemokratischer Ministerpräsident und eckte immer wieder an. So verärgerte er seinen damaligen deutschen Amtskollegen Gerhard Schröder mit der Erklärung, die Sudetendeutschen sollen froh sein, als Vaterlandsverräter nur vertrieben und nicht an die Wand gestellt worden zu sein. In Tschechien ist Zeman aber eher wegen seiner Rolle im sogenannten Oppositionspakt im politischen Gedächtnis geblieben, als seine sozialdemokratische Regierung von der damals von Vaclav Klaus angeführten marktliberalen ODS geduldet wurde. Der Pakt ist vielerorts bis heute verschrieen, da er der Korruption im Land die Türen noch weiter öffnete. In den letzten Jahren war es still geworden um Zeman, nachdem er sich aus der Politik und in die Einsamkeit des tschechischen Hochlands zurückgezogen hatte.

Zuvor hatte sich Zeman schon 2003 für das Präsidentenamt beworben, das damals noch von beiden Parlamentskammern und nicht vom Volk bestimmt wurde. Doch unterlag er damals Vaclav Klaus. Nun rücken Kommentatoren Zeman in die Nähe seines alten Widersachers. Denn Zemans politische Vergangenheit, wie auch sein oft autoritärer Stil, erinnern so sehr an Klaus, dass spekuliert wird, die Ära Klaus würde sich mit einem Präsidenten Zeman in anderer Weise fortsetzen. Doch für seine Anhänger symbolisiert Zeman Kontinuität. Zudem kommen seine volkstümliche Art und seine Sprüche gut an, mit denen er etwa auch Kritik an seinem Alkoholkonsum kontert: "Ein Alkoholiker ist nicht der, der regelmäßig trinkt, sondern der, der nicht trinken kann", verkündete er im TV-Sender Prima.

Fischers Stern verblasst

Auch andere Kandidaten sind wohlbekannt. Etwa der ehemalige Senatsvorsitzende der ODS, Premysl Sobotka, oder die christdemokratische Europaabgeordnete Zuzana Roithova. Ihre Wahlchancen sind genauso gering wie die des ganzkörpertätowierten Vladimir Franz. Auch der Kandidat der Sozialdemokraten, Jiri Dienstbier, der Sohn des legendären Dissidenten, wird es wohl nicht in die Stichwahl schaffen, die Ende Jänner endgültig über den nächsten Bewohner der Prager Burg entscheiden wird.

Bleibt nur noch Jan Fischer. Der 62-jährige Ex-Interimspremier galt so lange als größter Favorit, dass er sogar seinen Posten als Vizepräsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung kündigte. Seine Distanz zum politischen Establishment der vergangenen Jahre wurde ihm hoch angerechnet. Doch sein Stern ist immer mehr verblasst, mit Umfragewerten von 20 Prozent liegt er weit hinter Zeman zurück. Dass er einst aus Karrieregründen in die Kommunistische Partei eingetreten war, macht ihn für viele genauso unwählbar wie die Tatsache, dass er sich seine professionelle Wahlkampagne von umstrittenen Unternehmern finanzieren lässt, in deren Schuld er im Falle eines Wahlerfolgs stehen würde. Manche Anhänger Schwarzenbergs hoffen nun gar auf ein Wunder und dass der Fürst Fischer noch abfängt.