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PR-Desaster für Romney

Von Michael Schmölzer

Politik

Heimliche Video-Mitschnitte bringen Republikaner-Kandidaten in Bedrängnis.


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Washington. Der Rahmen war sehr privat, und Mitt Romney konnte auf die Diskretion der Anwesenden bauen. Das deshalb, weil das erlesene Publikum, das sich in den Räumlichkeiten des Geschäftsmannes Marc Leder zur exklusiven Fundraising-Gala einfand, aus eingefleischten Republikanern bestand. 50.000 Dollar musste man berappen, wenn man an der Veranstaltung teilnehmen wollte - eine stolze Summe für einen kurzen Vortrag.

Doch der Präsidentschaftskandidat sollte sich täuschen: Eine Person, die aus Angst vor Klagen höchsten Wert auf Anonymität legt, hat das Event in Boca Raton mit dem Handy gefilmt - und Romney möglicherweise endgültig um den Sieg bei den Wahlen im November gebracht.

Das Video des Auftritts geriet in die Hände der linksliberalen Nachrichten-Websites "Huffington Post" und "Mother Jones" - wenig später war überall im Land bekannt, was Romney über die Amerikaner denkt: 47 Prozent der US-Bevölkerung, sagte Romney, würden Amtsinhaber Barack Obama fix wählen - weil sie von der Regierung abhängig seien, sich für "Opfer" hielten und dem Staat auf der Tasche lägen. "Die glauben, sie haben Anspruch auf Gesundheitsfürsorge, auf Essen, Unterkunft, was auch immer." Diese Menschen würden auch keine Einkommenssteuer zahlen, so Romney. Seine Aufgabe sei es nicht, sich um diese Leute zu kümmern. "Ich werde sie niemals überzeugen, persönlich Verantwortung zu übernehmen und für ihr Leben zu sorgen." Er müsse, um die Wahl im November zu gewinnen, lediglich die "fünf bis zehn Prozent in der Mitte" überzeugen, "die unabhängig sind".

Die US-Amerikaner erfahren nun erstmals, was der Republikaner hinter verschlossener Tür sagt. "Romney nimmt die Maske ab", kommentieren liberale Journalisten und Blogger. In der Öffentlichkeit drückt sich Romney weit vorsichtiger aus. Auch hier sind Obamas Anhänger regelmäßig die, die einen starken Staat wünschen, der sich um ihre Probleme kümmern soll. Ein Ansatz, der für österreichische Ohren nicht ungewöhnlich wirkt, in den USA aber als "unamerikanisch", weil "sozialistisch" gilt und nach Ansicht der Republikaner vor allem dem "Geist der Pioniere" zuwiderlaufe.

"Romney hat die Hälfte

der Nation abgeschrieben"

Für Obama und sein Wahlkampfteam kommen die Äußerungen genau zum rechten Zeitpunkt, denn in 50 Tagen wird gewählt. Romney habe auf sehr "verächtliche Art und Weise die Hälfte der Nation abgeschrieben", so Obama. Der Wahlkampfmanager Jim Messina nennt Romneys Äußerungen "schockierend"; es sei schwer vorstellbar, wie ein solcher Mensch dem ganzen Land dienen könne.

Romney selbst ist um Schadensbegrenzung bemüht. In einer hastig einberufenen kurzen Pressekonferenz hat der Republikaner eingeräumt, sich "nicht elegant" ausgedrückt zu haben. Er wollte "aus dem Stegreif" auf eine Frage antworten. Inhaltlich distanzierte er sich allerdings nicht von seinen Aussagen.

Die Republikaner schießen jetzt zurück und verweisen auf einen Lapsus, den Obama bei einer ähnlichen Gelegenheit vor vier Jahren begangen habe. Damals meinte der Demokrat, dass sich die verarmte und frustrierte Landbevölkerung in Pennsylvania an "Waffen, Religion oder Vorurteile gegen Leute, die nicht so wie sie sind", klammere. Der Ausspruch wird seitdem bei republikanischen Parteiveranstaltungen regelmäßig höhnisch kommentiert.

Kurz nach Romneys Erklärung zu dem Video aus Boca Raton ist am Dienstag ein zweites von der Fundraising-Veranstaltung aufgetaucht. Darin behauptete Romney, die Palästinenser hätten kein Interesse an der Lösung des Nahostkonflikts und nur die "Zerstörung und Eliminierung Israels" im Auge: "Ich sehe es so, dass sie aus politischen Erwägungen keinen wie auch immer gearteten Frieden haben wollen." Romney gilt als Freund von Israels konservativem Premier Benjamin Netanyahu, der in der Palästinenser-Frage einen betont harten Kurs steuert.

Im Rennen um die Präsidentschaft gerät Romney jedenfalls weiter ins Hintertreffen. Im Sommer lagen er und Obama noch Kopf-an-Kopf, seit zwei Wochen ist der Amtsinhaber deutlich im Aufwind. Demoskopen sehen ihn vier, fünf, sogar sechs Prozentpunkte vor Romney. Der Herausforderer konnte weder von der hohen Arbeitslosigkeit noch von den jüngsten Anti-US-Protesten in Arabien profitieren. Auch der Parteitag in Tampa brachte nicht den erhofften Popularitätsschub.