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Prag vor dem NATO-Gipfel: Angst vor Terroranschlag

Von Wolfgang Jung

Politik

Prag - Statt vorweihnachtlicher Dekoration beherrschen in diesen Tagen Holzplatten viele Schaufenster in Prag: Tschechische Geschäfte haben damit vor dem NATO-Gipfeltreffen am Donnerstag und Freitag Vorsorge gegen gewaltsame Demonstranten getroffen. Bereits an diesem Mittwoch soll es vor der Prager Burg erste Großproteste geben.


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Mehr als NATO-Gegner fürchten die Organisatoren aber einen Terroranschlag auf das Treffen, an dem unter anderem US-Präsident George W. Bush und Bundeskanzler Gerhard Schröder teilnehmen. "Unser Problem sind nicht die Transparentträger, sondern die Krawallmacher", sagt Alexandr Vondra. Der tschechische Organisator des Gipfels war Botschafter in den USA und handelte in den 90er Jahren mit deutschen Diplomaten eine bedeutende bilaterale Aussöhnungserklärung aus.

Auch die NATO betreibe in Prag mit der Ost-Erweiterung eine Art Vergangenheitsbewältigung, meint Vondra in Anspielung auf den "Hitler-Stalin-Pakt": "Es kommt mir absurd vor, Molotow-Cocktails auf ein Treffen zu werfen, das de facto die Wirkung des Molotow-Ribbentrop-Abkommens über das Abtreten des Baltikums beendet." Dieser auch nach seinen Unterzeichnern bekannte Nichtangriffspakt wurde am 23. August 1939 in Moskau geschlossen. Er enthielt ein geheimes Zusatzprotokoll, das die Teilung Polens zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion regelte. Auch die baltischen Staaten, Bessarabien und Finnland wurden den jeweiligen Interessensphären der Vertragspartner zugeteilt.

Vondra nennt den Einsatz von etwa 12.000 Polizisten "angemessen", seine Hauptsorge sind aber nicht die erwarteten 10.000 Demonstranten: "Wir vermuten den Feind nicht in der falschen Ecke", verweist er auf einen möglichen Anschlag.

Prager Medien spekulierten zu Wochenbeginn, dass mit Flüchtlingen aus Afghanistan in den vergangenen Jahren möglicherweise El-Kaida-Mitglieder nach Tschechien gekommen sein könnten. Kein Geheimdienst könne Anschläge ausschließen, meint Vondra dazu nur. Bereits am Wochenende war es in Prag und Brünn zu ersten Demonstrationen gegen den bevorstehenden Gipfel gekommen. Dabei vermittelten die etwa 300 Teilnehmer nicht den Eindruck, dass es in Prag zu Straßenschlachten wie während der Sitzung der Weltbank vor zwei Jahren kommen wird.

Beachtung fanden die Demonstranten vor allem bei Journalisten. "Wir protestieren zu 75 Prozent gegen die NATO und zu 25 Prozent für die Kameras", sagte ein Mitglied der "Anti-NATO-Bewegung". Medienstar dieser Bewegung ist Tschechiens derzeit bekanntester Unbekannter: Der Sprecher der NATO-Gegner tritt ausschließlich in einer Gummimaske des früheren Ministerpräsidenten Vaclav Klaus auf und nennt sich "Jiri W. Krowinek" - die tschechische Übersetzung von "George W. Bush".

Der Mann wirkt bei Pressekonferenzen lächerlich, muss aber ernst genommen werden: Unter seiner Führung wird am Donnerstag die größte Demonstration gegen den Gipfel stattfinden. Man befürchte durchaus, dass es dabei auf Grund "ausländischer Provokateure" zu Ausschreitungen kommen könne, sagte ein Prager Polizist am Montag: "Wir sind bestens vorbereitet. Aber ein wenig Angst ist immer dabei."

Als möglicher Schauplatz für Proteste gelten die Vertretungen der NATO-Staaten in Prag. So wurde die deutsche Botschaft mit zusätzlichen Schutzmaßnahmen versehen. Schon einmal stand das Palais Lobkowicz im Wirbel der Ereignisse - während der Wendezeit 1989, als tausende DDR-Bürger in die Botschaft flüchteten. Wie sich die Zeiten ändern: Aus Sicherheitsgründen wurde nun der historische Gartenzaun so weit erhöht, dass ein Übersteigen unmöglich ist.