Zum Hauptinhalt springen

Präsident mit Hang zum derben Scherz

Von Klaus Huhold

Politik

Volkstribun in den Bierstuben am Land, unbeliebter Polterer bei Intellektuellen: Tschechiens Staatschef bewirbt er sich um eine zweite Amtszeit.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 6 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Prag/Wien. Dass der Präsident eines Landes ein Diplomat sein sollte, ist nicht die Devise von Milos Zeman. Dem Sozialdemokraten Bohuslav Sobotka, der in der vergangenen Legislaturperiode Premier war, attestierte er das "Charisma eines Gurkenglases". Bei einer Pressekonferenz kramte Zeman, der Journalisten auch schon als "dumm" und "neidig" bezeichnet hat, einmal das Imitat eines Maschinengewehrs hervor, das er mit der Aufschrift "Für Journalisten" versehen hatte. Das Magazin des Gewehrs war eine Becherovka-Flasche - eine Anspielung auf seine Liebe zu dem Kräuterschnaps, die Zeman auch selbst immer wieder gerne betont. Und im Streit der EU mit Donald Trump, als der US-Präsident Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte, stellte sich der dezidiert proisraelische Zeman hinter Trump und bezeichnete Brüssel als "feig".

Das stand freilich im Gegensatz zum Standpunkt der tschechischen Regierung. Doch das ficht den 73-Jährigen nicht an. Er hatte versprochen, ein aktives Staatsoberhaupt zu sein, und der in der Kleinstadt Kolin geborene Wirtschaftsingenieur hat während seiner fünfjährigen Präsidentschaft Wort gehalten.

Nun will es Zeman noch einmal wissen: Trotz sichtlich angeschlagener Gesundheit - Zeman geht fast nur noch am Stock und ist zuckerkrank - bewirbt er sich bei den knapp mehr als acht Millionen Wahlberechtigten um eine zweite Amtszeit. Er hat gute Chancen, dass die Bürger ihm auch das Mandat dafür erteilen.

Die erste Runde der tschechischen Präsidentenwahl war für Freitag und Samstag angesetzt. Die letzten Umfragen vor der Wahl sahen Zeman in Front, schrieben ihm aber nicht die absolute Mehrheit zu. Sollte Zeman nicht in die in zwei Wochen angesetzte Stichwahl kommen, wäre das eine große Überraschung. Fraglich blieb, wer von den acht anderen Kandidaten sein Kontrahent bei der Stichwahl sein würde. Die größten Chancen gaben die Demoskopen dem früheren Chef der Akademie der Wissenschaften, Jiri Drahos, der mit seiner ruhigen und besonnen Art einen Gegenpol zu Zeman darstellt. Außenseiterchancen wurden aber auch dem Poptexter und Millionär Michal Horacek sowie Ex-Premier Mirek Topolanek gegeben.

Die Wahl ist vor allem ein Referendum über Zeman. Deshalb debattierten seine Kritiker oft viel mehr darüber, wer in der zweiten Runde die besten Chancen gegen den Amtsinhaber hat, als wer der anderen Kandidaten das beste Programm vorweisen kann.

Denn kaum ein Politiker spaltet das Land so sehr wie der angriffslustige Staatschef mit dem Hang zu derben Scherzen, der große Sympathien für Russland und China zeigt. Der passionierte Raucher hat unter Pensionisten, auf den Dörfern und in den unteren Einkommensschichten viele glühende Anhänger. Äußerst unbeliebt ist er hingegen bei vielen Städtern, Akademikern und auch beim Großteil der Journalisten - wobei diese Abneigung auf Gegenseitigkeit beruht.

Zeman ist in seinem Leben wenigen Konflikten aus dem Weg gegangen. 1968 war er im Zuge des Prager Frühlings kurzzeitig Mitglied in der Kommunistischen Partei, wurde dann aber, weil er nicht auf Linie war, ausgeschlossen - was dann bei der Arbeitssuche kein Vorteil für ihn war. Als die Herrschaft der KP dann Geschichte war, wurde Zeman 1993 Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei (CSSD).

Diese war in dieser turbulenten Zeit der Umgestaltung des Landes eine Partei unter vielen. Es ist vor allem Zemans Verdienst, dass die Sozialdemokraten zu einer Großpartei wurden, die immer wieder den Premier stellten - darunter Zeman selbst.

Bei knapp mehr als fünf Prozent lag die CSSD noch Anfang der 1990er Jahre, beim Votum 1996 erhielt sie mehr als 26 Prozent und landete an zweiter Stelle. Während des Wahlkampfes tourte der damalige Obersozialdemokrat mit einem Autobus namens Zemak durch die Republik und suchte den direkten Kontakt mit den Wählern.

Zeman hatte dabei ein Heimspiel: Bis heute sind die Bierstuben und Gemeindesäle der Dörfer und Kleinstädte sein Territorium. Der begnadete Unterhalter und geschickte Rhetoriker, dem seine Gegner ein Alkoholproblem attestieren, tritt als ein Mann des Volkes auf, der auch gerne einmal die Intellektuellen schmäht. Was nicht einer gewissen Ironie entbehrt: Zeman selbst ist sehr belesen. "Er ist gebildet, was er manchmal erfolgreich verbirgt", sagte einmal sein langjähriger Kontrahent Karel Schwarzenberg.

Und bis heute hat sich der selbstbewusste Politiker ein Gespür für Stimmungen im Land bewahrt. Zeman besitzt auch keine Skrupel, diese an die Spitze zu treiben, wenn es ihm nützt. So hat der Streit mit der EU um die vom Großteil der Bevölkerung abgelehnten Flüchtlingsquoten die Popularitätswerte Zemans in die Höhe schnellen lassen. Flüchtlinge sind für ihn vor allem eines: Invasoren und potenzielle Terroristen.

Zeman hat zuvor schon den Islam als "Feind" und "Antizivilisation" bezeichnet. Steht Zeman sozialpolitisch oft links, bewegt er sich gesellschaftspolitisch oft am äußersten rechten Rand. So hat er kein Problem damit, sich im Wahlkampf von Tomio Okamura unterstützen zu lassen. Der Politiker mit tschechisch-japanischen Wurzeln hat zum Boykott moslemischer Geschäfte aufgerufen. Seine Verschwörungstheorien nicht abgeneigte rechtsradikale Partei "Freiheit und direkte Demokratie an" erhielt bei den Parlamentswahlen im Oktober etwas mehr als zehn Prozent.

Diese Wähler könnten für Zeman bei der Präsidentschaftswahl entscheidend sein. Gleichzeitig hat auch der einflussreiche Sozialdemokrat Milan Chovanec sich hinter Zeman gestellt. Und auch der Sieger der Parlamentswahlen, der Milliardär und Anführer der Bewegung ANO Andrej Babis, unterstützt den amtierenden Staatschef. Dafür stößt sich Zeman nicht daran, dass die Polizei Untersuchungen wegen Korruptionsvorwürfen gegen den Milliardär eingeleitet hat und hat Babis zum Premier ernannt.

Dem mit allen Wassern gewaschenen Taktiker Zeman ist es gelungen, ein breites Bündnis von Politikern hinter sich zu vereinen, die aus Parteien stammen, die eine ähnliche Wählerschicht wie er selbst ansprechen. Die tschechische Präsidentenwahl ist auch ein Match zwischen Stadt und Land, Jung und Alt - das sich um den großen Polterer und Polarisierer Milos Zeman dreht.