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Die griechische Hauptstadt Athen sonnt sich im Licht glanzvoll restaurierter Antike, wachsender Touristenströme, neuer U-Bahn, neuem Flughafen und vor allem der Erwartung von Olympia 2004. Im Schatten der Erfolge sind aber viele alte Probleme ungelöst geblieben: Die Arbeitslosenrate ist - strukturbedingt - sehr hoch, das Sozialsystem auf Dauer unfinanzierbar. Und auch die Teilnahme am Euro bringt, abgesehen vom Prestigegewinn, vorerst eher Nachteile.
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Die neue Einflugschneise ist für den gelernten Athen-Reisenden eine kleine Überraschung. Zwar legt sich die Olympic-Maschine über dem Saronischen Golf in die gewohnte Linkskurve, die einen langen Blick auf Häusermeer, Akropolis und Likavittos-Hügel erlaubt. Doch anstatt nun wie früher in einem fast waghalsigen Sturzflug auf die (einzige) Landebahn des alten Flughafens Hellinikon gleich neben dem Wasser hinunterzugehen, geht sie nun in einen konsequenten Geradeausflug Richtung Nordosten über. Während zur Linken Athen langsam hinter dem über 1.000 m hohen Ymittos verschwindet und Ängstliche schon an eine Flugzeugentführung zu denken beginnen, tauchen in der flirrenden Mittagshitze zögernd wie eine Fata Morgana die Umrisse des neuen Flughafens auf.
"Eleftherios Venizelos" wie der neue Großflughafen in der Region Spata, 28 km von Athen entfernt, heißt, gibt es also wirklich, wenn auch noch nicht lange. Nach einigen Startschwierigkeiten bei der Eröffnung im März 2001 - die Computersysteme der Olympic Airways waren mit denen des Flughafens nicht kompatibel gewesen - funktioniert der wichtigste "Gateway" des Landes nun einwandfrei. Damit ist eine der Voraussetzungen für den erfolgreichen Ablauf des wichtigsten und prestigeträchtigsten Großprojekts in den kommenden Jahren erfüllt: die Abwicklung der Olympischen Spiele 2004.
Mäßiges Zwischenzeugnis
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) stellte Athen noch vor kurzem ein eher mäßiges "Zwischenzeugnis" aus. Im Rückstand seien die Griechen mit der Eisenbahn-Verbindung vom Flughafen in die Stadt sowie mit der Anbindung des Olympiastadiums an das U-Bahn-Netz. Verspätungen gebe es auch im Bereich der Sportanlagen und beim Bau des Olympischen Dorfes. Schließlich seien die Vorbereitungen für die Pressezentren noch nicht weit gediehen.
Trotz aller Kritik, besser gesagt, dank permanenter und konstruktiver Kritik des IOC, werden die Olympischen Spiele 2004 in Athen mit Glanz und Glamour stattfinden. Der Druck durch das prestigeträchtige Großereignis wird weiter wachsen und die Fertigstellung aller Projekte spätestens in letzter Minute ermöglichen, davon sind inzwischen alle Beobachter überzeugt. Besser noch als andere wissen Athener und Griechen um die Bedeutung der Spiele, für den Sport einerseits und die Wirtschaft und Bevölkerung andererseits.
Die starke Motorfunktion von Olympia 2004 für die Stadtentwicklung sieht, hört und riecht man schon heute. So ist etwa die Luftverschmutzung in der in dieser Hinsicht in den vergangenen Jahrzehnten besonders gefährdeten Stadt deutlich zurückgegangen. CO2-Werte, Stickstoff- und Ozonbelastung sind dank zahlreicher Infrastrukturmaßnahmen erheblich gesunken. Zahlreiche Umgehungsstrassen wurden und werden gebaut, zwei Millionen Autos ohne Katalysator aus dem Verkehr gezogen. Die seit rund einem Jahr in Betrieb genommene U-Bahn zieht viel Verkehr von der Straße ab, die Modernisierung der alten Stadtbahn und eine neue Vororte-Linie sollen weitere Verbesserungen bringen.
Eine leise "Umweltstadt" wird Athen trotz allem nicht werden. Mehr als 3,15 Millionen Kraftfahrzeuge sind schon heute nach südländischer Manier unterwegs, den großzügigen Umgang mit der Hupe inbegriffen. Tendenz steigend, denn die Stadt wächst immer noch.
Warten auf "Green Card"
Von den heimischen Zuwanderern nach Athen kommen viele aus entlegenen Land- und Inselregionen. Im Dunstkreis der dominierenden Metropole suchen sie nach einem Neubeginn. Nicht anders die Masse der großteils illegalen Immigranten. In langen Schlangen stehen sie vor den Registrierungsbüros und hoffen auf die Aufenthaltsgenehmigung, zumindest für die kommenden sechs Monate.
Die Regierung hat eine Initiative gestartet, die gut eine halbe Million Einwanderer aus der Illegalität holen soll. Wer sich bis Anfang August an einer der 1.300 im Land verteilten Meldestellen registrieren ließ, erhält die begehrte "Green Card". Den anderen droht die Abschiebung.
Soziale Unsicherheit
Der geballte Ansturm vor allem der Albaner auf die Hauptstadt schürt auch die rassistischen Tendenzen. Einer kürzlich durchgeführten Meinungsumfrage zufolge, sprechen sich 40 Prozent der Bevölkerung klar negativ gegen die Immigranten aus. Die aktuelle EU-Rassismusstudie bestätigt dieses Ergebnis: "Die negativen Einstellungen gegenüber den Minderheiten liegen über dem EU-Schnitt", heißt es da. Es gebe wenig Bereitschaft zur Integration und große Angst vor Arbeitslosigkeit. Existenzängste haben nicht nur Bauarbeiter und in der Landwirtschaft Beschäftigte, beides Bereiche, in denen die Einwanderer am ehesten zum Einsatz kommen.
Die Arbeitslosenrate hat mit 11,7 Prozent zu Beginn des Jahres ihren höchsten Stand seit 25 Jahren erreicht. In den vergangenen Monaten hat sich die Rate zwar verringert, die Verbesserung hat aber eher saisonale als strukturelle Gründe. Von knapp vier Millionen Arbeitnehmern sind über 500.000 arbeitslos und weitere 240.000 nur zum Teil beschäftigt, errechnete die Bank von Griechenland. Schlimmer noch die Lage der unter 25-Jährigen. Hier ist jeder Dritte ohne Job.
Die soziale Unsicherheit in der Bevölkerung schlägt sich in einer verstärkten Streikbereitschaft nieder. So war etwa der Monat Mai von einer Streikwelle geprägt, die das Land zuletzt vor 50 Jahren erlebt hat. Mit einem "Schuss aus der Hüfte" hatte die sozialistische Regierung unter Ministerpräsident Kostats Simitis eine einschneidende Rentenreform angekündigt: Arbeitnehmer sollten erst nach 40 statt nach 35 Jahren in Pension gehen, die Renten zudem im Schnitt um 20 Prozent gesenkt werden. Laut Gewerkschaften legten daraufhin mehr als 2,5 Millionen Griechen die Arbeit nieder. Öffentliche Verkehrsmittel, U-Bahn, Fähren, Wasserwerke und Postgesellschaften standen still, Banken, Kliniken, Ministerien und Schulen blieben geschlossen und sogar die orthodoxen Priester gingen auf die Straße.
Angesichts des geballten Widerstands - und der in den Keller fallenden Umfragewerte ihrer "Panhellenistischen Sozialistischen Bewegung (PASOK)" - zog die Regierung ihre Vorschläge zurück und sucht nun schrittweise und vorsichtig den Dialog mit der Gewerkschaft.
Von den notwendigen Reformen - die Rentenkassen sind leer - ist man nun weiter entfernt als je zuvor. In den kommenden Jahren dürfte sich das Problem noch verschärfen. Denn wegen der niedrigen Geburtenrate dürfte im Jahr 2010 das Verhältnis Rentner zu Beschäftigten bereits bei 1 zu 1,3 liegen (70er Jahre: 1 zu 4).
Euro verstärkt Reformdruck
Das Problem des unfinanzierbaren Umlagesystems ist nur eines von vielen haushaltspolitischen Hürden, die gelöst werden müssen. Seit Beginn dieses Jahres ist Griechenland als zwölftes EU-Mitgliedsland in der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Ein Schritt, der von Regierung und Bevölkerungsmehrheit primär als Erfolg und Bestätigung gesehen wird. Immerhin haben die Griechen als bislang "ärmstes" EU-Mitglied fast 20 Jahre lang von massiven Stützungen der Union profitiert und sich dabei zu überzeugten Europäern im Sinn der Union entwickelt. Das Mitziehen beim Euro dürfte nun in dieser Hinsicht eine starke Belastungsprobe werden. Nachdem schon in der Vergangenheit viele staatliche Betriebe privatisiert oder geschlossen wurden, Gehälter gekürzt und viele (Staats-)Angestellte auf die Straße gesetzt wurden, muss in Zukunft der Gürtel noch enger geschnallt werden.
Parallel zum notwendigen Sparkurs der öffentlichen Hand müssen die griechischen Unternehmen mit einem weiter steigenden internationalen Konkurrenzdruck rechnen. Nachbarländer wie etwa die Türkei, mit der man beim Warenexport ebenso wie bei Dienstleistungen in direktem Wettbewerb steht, können je nach Bedarf ihre Währungen abwerten. Für das Euro-Land Griechenland gibt es diese "Hintertür" nicht mehr.
Ab nun muss man sich mit den besten Industrieländern zu messen, das Zauberwort heißt mehr denn je "Produktivität". Und da hat Griechenland, sieht man die langen Warteschlangen und bürokratischen Labyrinthe, mit denen sich Investoren und Bürger quälen müssen, immer noch einigen Nachholbedarf.
Politik contra Wirtschaft
Die enge Verflechtung von Politik und Wirtschaft in Griechenland ist ein lange gepflegtes Grundübel, das von Beobachtern wie Einwohnern oft ätzend kommentiert wird. "Banditen", nennt Nikos, der Taxifahrer, die seit 17 Jahren regierende PASOK und hat sogar Zahlen parat. Von den vier Millionen Beschäftigten im Land sei wohl die Hälfte beim Staat angestellt, viele davon "überbezahlte Funktionäre und Bürokraten", wie Nikos sagt. Die Regierungspartei habe ihre Leute überall und verschaffe ihnen Versorgungsposten in der E-Wirtschaft oder bei der staatlichen Fluglinie.
In die gleiche Kerbe schlägt die OECD in ihrem aktuellen Länderreport. Griechenland habe zwar einen wirtschaftlichen Teufelskreis durchbrochen, doch behindere die Politik des Landes Strukturreformen und damit das Wirtschaftswachstum. Offenbar halte man lieber am "Schutz spezieller Interessen" fest, als sich um die Bedürfnisse der Verbraucher zu kümmern, heißt es.
Nach wie vor hinke Griechenland hinter anderen Ländern der Euro-Zone her. Reformen zur Bildung neuer Arbeitsplätze würden nicht umgesetzt, ebenso wenig die Möglichkeiten für ausländische Investitionen verbessert oder Privatisierungen im Tourismus und beim Kraftstoffvertrieb vorangetrieben. Die Organisation erkennt zwar die bereits durchgeführten Reformen an, die den Verbrauchern geringere Telefonkosten und Fluggebühren beschert haben. Diesen müssten aber weitreichendere folgen.
In einem früheren Bericht hatte die OECD ihre Schätzung des griechischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Gesamtjahr 2001auf 4 Prozent nach unten revidiert. Im Februar war sie noch von 4,5 Prozent ausgegangen.
Als Urlaubsland Nummer 1
Auch am bislang wichtigsten Devisenbringer, dem Tourismus, wird die neue Zeit nicht spurlos vorüber gehen. Für die Österreicher bei den Urlaubsarrangements die Nummer 1, insgesamt nach dem viel größeren Nachbarland Italien die Nummer 2, ist Griechenland schon seit längerem dabei, sich von dem Image als billige Destination zu verabschieden. Der griechische "Choriatiki Salata" kostet bald schon so viel wie bei uns und Fisch wie Lamm lässt man sich auch in den Athener Restaurants teuer bezahlen. Noch ließen die höheren Preise im Vergleich zum touristischen Konkurrenten Türkei die meisten Griechenland-Fans nicht auf ihr liebstes Urlaubsland verzichten. Mit dem Euro wird aber nicht nur (als positiver Effekt) die mühselige Umrechnung wegfallen, sondern auch das relativ hohe Preisniveau auf einen Blick ersichtlich sein.
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