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Prinzipielles zur Facebook-Satire

Von Walter Hämmerle

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Natürlich ist es ein Spaß, wie sich die SPÖ derzeit blamiert. Nur: Das gleiche Virus steckt in allen Parteien. Und das ist ein Problem.


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Natürlich war früher alles besser und einfacher. Aber deshalb unseren Parteien gleich mangelnde Anpassungsfähigkeit vorzuwerfen, ist hochgradig unfair. SPÖ, ÖVP und Co wollen ja, nur mit dem Können hapert es im gemeinen Alltag.

Früher haben sich die Parteien ihre Öffentlichkeit bekanntlich gleich selbst gemacht. Parteizeitungen haben sich zwar mittlerweile nachfragetechnisch erledigt, der Geist, der aus diesen sprach, erfreut sich jedoch nach wie vor allerbester Gesundheit. Dass die eigenen Leute die Heldentaten der eigenen Politiker bejubeln, haben die Parteien schließlich immer schon so gehandhabt. Neue Kommunikationstechnologien und Facebook-Kultur hin oder her. Wie, bitte, hätte man auch ahnen können, dass sich in Österreich je die Zeiten ändern könnten?

Haben sie sich aber offensichtlich doch noch. Weshalb der seit dem Nationalfeiertag aktive interaktive Online-Auftritt des Bundeskanzlers zum veritablen PR-Desaster verkümmert, dem sich längst auch traditionelle Medien widmen.

Der Spott, der sich nun in ganzen Kübeln über die SPÖ ergießt, ist zweifellos verdient. Allerdings sollte man darob nicht den Kern der Sache aus den Augen verlieren: Der Traum von der totalen Kommunikationskontrolle schlummert tief in Österreichs Parteien, die sich nicht und nicht damit begnügen wollen, nur die Botschaft und den Kommunikator zu bestimmen. Weiß der Kuckuck, warum sie glauben, unbedingt auch noch Adressaten samt Reaktionen steuern zu müssen? Wozu bloß die Horden organisierter, aber verdeckter Leserbriefschreiber und Internet-Poster?

Man kann, im positivsten Fall, ein solches Verhalten professionell nennen, das zur modernen Kommunikationsarbeit eines ergebnisorientierten Unternehmens - und nichts anderes sind politische Parteien - heutzutage einfach dazugehört. Mindestens so legitim ist es, solches Treiben schlicht für ungebührlich zu erachten. Unter den Politik-Junkies dieser Republik, deren Zahl einige Hundert wohl kaum übersteigt, mag es vielleicht den Spaßfaktor steigern, den politischen Gegner (politisch korrekt auch Mitbewerber genannt) auf diese Art zu übertrumpfen und bloßzustellen. Gewonnen hat, wer etwa bei einem Chat mehr Unterstützer mobilisieren oder mehr Leserbriefe in den Zeitungen unterbringen kann und dergleichen Kindereien mehr.

Natürlich ist das auch politisch relevant, weil auch inszenierte Reaktionen die Wahrnehmung einer Debatte beeinflussen - man denke nur an den Wettlauf gesteuerter Umfragen nach den Diskussionen der Spitzenkandidaten am Höhepunkt eines Wahlkampfs.

Über Sieg oder Niederlage werden solche Manipulationen in den seltensten Fällen entscheiden, es geht um’s Pathos-getränkte Prinzipielle: um das fehlende Gespür der Parteien für die Grenzen ihres Handelns, um den verkümmerten Respekt vor dem unabhängigen Bürger.

Immerhin erbringt die SPÖ gerade den Beweis, dass sich im postideologischen Ironie-Zeitalter zumindest die neuen Online-Medien der Kontrolle herkömmlicher Apparatschiks verweigern (können).