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"Privater Damm" gegen die Mafia

Von Jan Richard

Politik

In Russland gibt es neben den zahlreichen bewaffneten Kräften der Staatsmacht auch "Privatarmeen", die "stärker" als die deutsche Bundeswehr sind und an die 500.000 Mann unter Vertrag haben. Diese sind Angestellte der heute schon rund 15.000 privatwirtschaftlich geführten Sicherheitsdienste, die ihre Kunden aus allen Schichten vor dem allgegenwärtigen Verbrechen - vom Diebstahl bis zur Ermordung - schützen sollen.


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Die Rekrutierung für diese privaten Sicherheitsdienste, die nach 1990/91 wie die sprichwörtlichen Schwammerln aus dem Boden schossen, war relativ einfach. Die Männer kamen vornehmlich aus den Spezialeinheiten der russischen Armee ("Spetnatz") oder aus jener Abteilung des sowjetischen Geheimdienstes KGB, der für den Personenschutz zuständig war. Sie waren also allesamt Spezialisten und für ihre Aufgaben gut ausgebildet.

Aber auch andere bewaffnete Sicherheitskräfte in der alten Sowjetunion, die es im neuen Russland teilweise noch immer, wenn auch in abgespeckter Form gibt, waren ein Reservoir, aus dem die privaten Sicherheitsdienste schöpfen konnten und können. Zumal die Gehälter im Staatsdienst schmal sind (das Anfangsgehalt für einen Polizisten ist umgerechnet 200 Dollar monatlich) und oft Wochen später ausgezahlt werden, während sich privat mit der gleichen Leistung bis zum Zehnfachen und mehr verdienen lässt.

Steuerpolizei ist mit Kalaschnikows ausgerüstet

Das Innenministerium (MVD) verfügt neben den "normalen" Polizei-Einheiten und der Verkehrspolizei (GAI) über schwer bewaffnete Kampfeinheiten, inklusive Schützenpanzer und Granatwerfer; die Steuerpolizei ist mit kugelsicheren Westen, Helmen, Handgranaten und Kalaschnikows ausgerüstet und sogar für den Häuserkampf trainiert, was auch notwendig ist, wenn sie eine überraschende Hausdurchsuchung bei einem der Mafia nahe stehenden Unternehmen durchführen oder Steuern von einem Geschäftsmann eintreiben wollen, der bei der letzten Wahl die "falsche" Partei mit einer Spende unterstützt hat.

Es gibt die Eisenbahnpolizei, die Militärpolizei, die bewaffneten Truppen des heutigen Inlandsgeheimdienstes FSB, die Antiterror-Einheit "Alpha", die Grenzschutztruppen, die Küstenwache usw. Insgesamt ist der Personalstand all dieser Organisationen fast doppelt so hoch als jener der Landstreitkräfte der regulären russischen Armee.

In seinem Aufsehen erregenden Buch "Security and Rule-Enforcement in Russian Business: The Role of the ,Mafia' and the State" hat der russischstämmige Experte Vadim Volkov (eine Internetfassung ist von der Website der Harvard University unter http://www.fas.harvard.edu/~ponars/POLICY%20MEMOS/Volkov79.html abrufbar) die Entstehung dieser privaten Armeen im "Raubtierkapitalismus" des neuen Russland so erklärt:

Das atemberaubende Tempo der politisch-wirtschaftlichen Liberalisierung sei bedeutend schneller gewesen als der eher langsam und träge voran schreitende Aufbau adäquater Rechtsschutz-Institutionen.

Und so entwickelte der Markt spontan (und auf die Nachfrage reagierend) alternative Mechanismen, die - so grotesk das klingt - nicht nur bisher im staatlichen Bereich tätig gewesene Sicherheitskräfte als Rekrutierungspool nutzte, sondern sogar kriminelle Gruppen, die ja auch über Fachkräfte für Personenschutz verfügen. Was sich da entwickelte, war also zunächst reiner Wildwuchs ohne legale Basis. Im März 1992, als dann das "Gesetz über den privaten Personenschutz und Detektei-Tätigkeiten in der Russischen Föderation" erlassen wurde, bekam der Wildwuchs sozusagen nachträglich amtlich ein Gesicht und wurde legalisiert.

Die privaten Sicherheitsdienste traten nun von einer verbesserten Basis aus in marktwirtschaftliche Konkurrenz zu jenen Gangsterbanden, die den Personenschutz für Neureiche, Geschäftsleute oder Provinzpolitiker als "Geschäftsfeld" entdeckt und dabei gut verdient hatten.

Mafia-Gruppen mit staatlicher Registrierung

Freilich, es gab auch Mafia-Gruppen, die dieses ihr neues Geschäftsfeld so gut getarnt hatten, dass sie bei der staatlichen Registrierung mühelos durchkamen und so ihr "biznes" (wie im Neu-Russischen eben Geschäftemachen heißt) weiterbetreiben konnten wie vorher, nur diesmal rechtlich abgesichert und "sauber".

Natürlich ist man von seiten des Staates bemüht, diese nach wie vor existenten "schwarzen Schafe" sukzessive auszusondern, was ein Artikel vom 10. Dezember des Vorjahres in der aufdeckungsfreudigen "Komsomolskaja Prawda" illustriert: "Bei der Operation Schild wurden 134 private Sicherheitsagenturen geschlossen, Verwaltungsstrafen gegen 959 Wächter verhängt und gegen 89 sogar Strafanklage erhoben. 23.000 nicht registrierte Feuerwaffen wurden konfisziert, von denen 5.800 im Besitz der Sicherheitsagenturen waren."

Was die Privatdetekteien und Sicherdienste anbieten, ist folgendes:

- Eigentumsschutz (also gegen Diebstahl und Einbrüche),

- Transportschutz (auf Russlands Straßen verschwinden ganze Lkw-Züge),

- Personenschutz, inklusive die klassischen Bodyguard-Dienste,

- Aufklärung (also die klassische Detektiv-Arbeit, sehr breit gefächert; das reicht von der Überwachung des seitenspringenden Ehemanns bis zur Kreditwürdigkeit des Geschäftspartners),

- Geldtransport (nachdem das russische Bankwesen noch immer dem westlichen Standard hinter herhinkt, werden viele "Geldüberweisungen" noch physisch, also mit Kleintransportern, durchgeführt),

- Informations- und Datenschutz (etwa für die EDV),

- Schutz und Instandhaltung von Einrichtungen (also Werksgelände, Produktionsstätten usw.),

- Beratungsdienste.

Die Preise, wie sie die US-Botschaft in Moskau vor vier Jahren erhoben hat und die sich zwischenzeitlich um die 10 bis 15 Prozent verteuert haben, waren Ende 1999 wie folgt:

Physischer Objektschutz: drei Dollar die Stunde pro unbewaffnetem und 6 Dollar für einen bewaffneten Wächter.

Der physische Objektschutz im Fall einer vorliegenden terroristischen oder kriminellen Drohung beläuft sich auf 10 Dollar pro Mann und Stunde.

Personenschutz: 10-15 Dollar/Stunde für einen Bodyguard.

VIP-Eskorte: 5 bis 15 Dollar pro Stunde und Leibwächter, 9 bis 20 Dollar für den Fahrer und 20 Dollar pro Stunde für den bereitgestellten Panzerwagen.

Frachtschutz: 8 Dollar pro Stunde und zusätzlich 2 Dollar für jeden Begleiter.

Diskont gibt es. Er wird einerseits gewährt auf die Zahl der Wächter (3 Prozent Rabatt per angeheuertem), andererseits im Falle einer Vorauszahlung, die - wenn sie drei Monate im voraus erfolgt - einen Nachlass bis zu 15 Prozent bewirkt.

Eine wichtige Regel - man sollte sich eher größeren privaten Sicherheitsdiensten anvertrauen. Der Standard dafür in Moskau: Eine kleine Agentur und daher nicht unbedingt das Beste hat unter 50 Mann Personal, die mittleren 50 bis 100 und die großen zum Teil weit über 100.

Ein Killer kostet zwischen 10.000 und 30.000 Dollar

Wie sehen die Preise nun auf der Gegenseite aus, also beim organisierten Verbrechen ? Das hat ein Artikel in der "Novaja Gazeta" (Nr. 30) unter dem knalligen Titel "Eine Übersicht über die Marktpreise am russischen Killermarkt" enthüllt. Laut dem Reporter Roman Schleinow gibt es drei Kategorien von Auftragskillern. Die erste und beste umfasst die "herausragenden Profis", die meist früher beim KGB (auch in Auslandseinsätzen, etwa um einen Verräter oder Überläufer zu beseitigen) gearbeitet haben. Unter die zweite Kategorie fallen simple "Profis", meist frühere Polizeioffiziere und ehemalige Offiziere aus den Spezialeinheiten der Armee. Die dritte "Klasse" sind meist Leute mit einem früheren (oder noch aktuellen) kriminellen Hintergrund.

"Abhängig von der Kategorie und damit der Professionalität und abhängig vom Status des ausersehenen Opfers und wie gut beschützt er oder sie ist, hat eine Person, die einen Auftragskiller unter Vertrag nimmt, nur zwischen 10.000 und 30.000 Dollar zu bezahlen", so der Reporter der "Novaja Gazeta".

Das Faktum, dass Auftragsmorde nach wie vor zum russischen Alltag gehören, erklärt Schleinow damit, dass es "eine ungeheuer große Schattenwirtschaft in unserem Lande gibt, die außerhalb der Gesetze operiert, dass niemand Vertrauen in die bestechliche russische Polizei, die Staatsanwälte, Anklagebehörden und Gerichte hat und dass der Krieg in Tschetschenien einen großen Pool von Profikillern geschaffen hat".