Profitgetriebene Teuerung

Von Joel Tölgyes

Gastkommentare
Joel Tölgyes ist Ökonom am ökosozialen Momentum Institut.
© Pertramer

Die hohe Inflation durch die gestiegenen Energiepreise ist nur die halbe Geschichte.


Im Mai ist die Teuerungsrate ein wenig gesunken - auf immer noch 9 Prozent. Ein Ende der Misere ist nicht in Sicht. Warum?

Die Teuerungswelle haben die gestiegenen Energiepreise nach Kriegsausbruch ausgelöst. Das ist aber nur die halbe Geschichte: Im Windschatten der erhöhten Energiepreise haben viele Unternehmen nicht nur die gestiegenen Kosten weitergereicht. Ihre Gewinnspannen haben sie auch gleich kräftig ausgeweitet. Das Ergebnis: Preise zum Haareraufen. Und zwar nicht nur in der Energiebranche, sondern auch in der Landwirtschaft, im Bau, im Tourismus, im Handel und in der Gastronomie.

Diese Profit-Preis-Spirale, in der die gestiegenen Profite der Unternehmen die Preise nach oben schnalzen lassen, bereitet auch der Europäischen Zentralbank Sorgen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde fand jüngst in einem Ausschuss des EU-Parlaments deutliche Worte: Die meisten Unternehmen hätten den Vorteil genutzt, die höheren Kosten völlig auf die Kundschaft abzuwälzen, und viele hätten die Preise über den bloßen Kostendruck hinaus erhöht. Diese "Gier" und die daraus resultierende ungerechtfertigte Teuerung könne die EZB mit ihrer Geldpolitik nicht zügeln.

In Österreich langen Unternehmen kräftiger zu als in anderen Ländern der Eurozone. Österreich gehört zu den sieben Staaten, in denen Unternehmensprofite die hausgemachte Teuerung am stärksten treiben. Unter den westeuropäischen Ländern liegt einzig Spanien vor uns. Hierzulande gehen zwei Drittel der hausgemachten Teuerung auf gestiegene Unternehmensprofite zurück, die Löhne machen lediglich ein Drittel aus.

Gleichzeitig werden bereits erste Rufe nach einer Lohnzurückhaltung laut, zuletzt von den wirtschaftsliberalen Leitern von Wirtschaftsforschungsinstituten und Think Tanks wie IHS, Wifo und Agenda Austria. Doch damit sich die Menschen das Leben in Zeiten der Teuerung trotzdem leisten können, müssen die Löhne mit den Preisen schritthalten. Auch ökonomisch passt die Forderung nicht: Wer Lohnzurückhaltung fordert, muss zuvor Gewinnzurückhaltung fordern. Nicht gleichzeitig. Nicht davor. Sondern an erster Stelle kommt der Gewinnverzicht. Warum? In Österreich werden Löhne immer im Nachhinein verhandelt - oft Monate, teils ein ganzes Jahr, nachdem Unternehmen ihre Preise erhöht haben. Basis dafür ist die Inflationsrate der vergangenen zwölf Monate. Wollen Österreichs Wirtschaftspolitiker, Sozialpartner und Wirtschaftsforscher also nächstes Jahr niedrigere Lohnsteigerungen, müssen sie den Unternehmen und ihren Vertretern empfehlen, Preiserhöhungen ab sofort so gut als möglich zu unterlassen. Auch wenn das weniger Gewinne im Vorjahr bedeutet. Dann folgen die niedrigeren Lohnabschlüsse wie von selbst.

Letzten Endes sind wir in dieser verfahrenen Situation mit höheren Inflationsraten als anderswo deshalb, weil Österreichs Betriebe voriges Jahr nicht bereit waren, auf Gewinne zu verzichten. Allen voran die Energiekonzerne. Nun müssen uns jene aus der misslichen Lage befreien, die uns dahin gebracht haben. In dieser Reihenfolge. Bei den Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen klopft man da wahrlich an der falschen Tür.