Zum Hauptinhalt springen

Psychische Gesundheit nicht immer leistbar

Von Petra Tempfer

Politik
© adobe.stock/James Thew

Ab 1. Oktober sollen die Kassenplätze für Psychotherapie ausgebaut werden - für Psychologen gibt es diese nicht.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 3 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Jeder habe ein Recht auf die bestmögliche psychologische Behandlung, die auch leistbar ist, sagt Saskia Dreier zur "Wiener Zeitung": Sie ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft kritischer Psychologen und Psychologinnen und ortet in der Tatsache, dass die österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) der Psychotherapie 20.000 neue Kassenplätze zugesichert hat, eine gewaltige Schieflage. Ab 1. Oktober sollen die Plätze laut ÖGK schrittweise ausgebaut werden. Plätze für Psychotherapie, für die die Kasse sämtliche Kosten übernimmt, gibt es laut Dreier aber bereits rund 80.000 - Behandlungen durch klinische Psychologen in der freien Praxis müsse der Patient indes zu 100 Prozent selbst tragen.

Denn selbst eine vergleichsweise Form der Bezuschussung, wie sie für die Psychotherapie ebenfalls üblich ist, gebe es nicht. "Sollte die Kassenfinanzierung künftig weiterhin ausschließlich für Psychotherapie erfolgen, könnte das das wirtschaftliche Ende aller freiberuflich tätigen klinischen und/oder Gesundheitspsychologinnen und -psychologen bedeuten", sagt Dreier.

Depressionen vervierfacht

Das stimme so nicht, kontert Peter Stippl, Präsident des Bundesverbandes für Psychotherapie. Die Testungen, die Psychologen durchführen, gebe es sehr wohl auf Krankenschein. Zudem arbeiteten sie - allein aufgrund ihres Kerngebiets der Diagnostik neben der Behandlung - vor allem in Krankenhäusern und Kliniken. Ginge es nach Stippl, sollte daher vielmehr die Anzahl der Kassenplätze für Psychotherapeuten über die zusätzlichen 20.000 hinaus weiter angehoben werden. Denn: "Psychische Erkrankungen sind die einzigen Erkrankungen, bei denen die Heilung in Form von Kontingenten bezahlt wird. Stellen Sie sich vor, das wäre bei einem Beinbruch so", sagt Stippl.

Gerade jetzt, wenn aufgrund der Corona-Krise und der damit verbundenen Reduktion sozialer Kontakte bis hin zur Isolation die Anzahl der psychischen Erkrankungen steigen werde, sei deren niederschwellige Behandlung wichtiger denn je. Die Anzahl der Menschen mit Depressionen habe sich seiner Erfahrung nach bereits vervierfacht, jene der Menschen mit Angst- und Schlafstörungen nehme ebenfalls zu - zahlreiche Folgeerscheinungen könnten aber auch erst viel später eintreten.

Zumindest in diesem Punkt sind sich Psychotherapeuten und Psychologen einig: Die Corona-Krise habe die Problematik der psychischen Erkrankungen verschärft, sagt auch Psychologin Dreier. Eine vor dem coronabedingten Lockdown Mitte März durchgeführte Karmasin-Research-Umfrage im Auftrag des Berufsverbandes Österreichischer Psychologinnen und Psychologen habe ergeben, dass schon damals jeder zweite Österreicher an einer psychischen Erkrankung gelitten hat. Nur zehn Prozent empfanden die Versorgungslage als ausreichend. "Nun müssen die Kassenplätze von Psychotherapeuten und Psychologen noch dringender aneinander angeglichen werden. Das wäre besser für die Patienten", so Dreier. Denn: "Nicht jeder, der in eine psychische Krise gerät, benötigt Psychotherapie. Derzeit werden die Möglichkeiten der fachlich fundierten psychologischen Behandlung nicht genutzt." Man dürfe Psychologen nicht auf Diagnostik reduzieren.

"Patient im Mittelpunkt"

Die Patienten sind laut Henriette Löffler-Stastka diejenigen, um die es ja eigentlich geht - und auf die daher die Diskussionen ausgerichtet sein sollten. "Im Mittelpunkt steht, die Patienten zu behandeln und Krankheiten zu heilen, und damit auch die Frage, welche Kompetenzen es dazu braucht", sagt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin und Professorin an der Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie an der MedUni Wien. Jede einzelne Berufsgruppe decke gewisse Kompetenzen ab und nehme einen wichtigen Platz im Heilungsprozess ein. Gelingt es, diese Kompetenzen hervorzuheben und zu koordinieren, wäre das für den Patienten ideal.

In welcher Form das passiert, könne freilich nur die Politik entscheiden - das Gesundheitssystem wäre jedenfalls entlastet: Eine Studie mit chronischen Schmerzpatienten hat laut Löffler-Stastka ergeben, dass man durch eine gezielte Behandlung und weniger "Doctor-Hopping" bis zu 80.000 Euro pro Patient und Jahr einsparen kann. Denn nicht nur die Kosten für Spital und Schmerzmedikamente, sondern auch die Krankenstände wären dadurch reduziert.

Sinnvoll wäre eine zentrale Stelle, die den Patienten gleich an die richtige Stelle vermittelt, sagt Löffler-Stastka. "Ein zentrales Kompetenzzentrum wie der Hausarzt würde sich zum Beispiel anbieten. Nach ein, zwei Gesprächen mit dem Patienten sollte man dessen Weg gefunden haben." Integrierte Versorgungsstellen, ähnlich den Primärversorgungseinheiten (Primary Health Care), bei denen ein Team aus Ärzten, Pflegekräften und anderen Gesundheitsberufen zu patientenfreundlichen Öffnungszeiten intensiv zusammenarbeitet und von denen es bis 2021 insgesamt 75 geben soll, seien ein Schritt in die richtige Richtung.

Anschober für Diskussion

Sogar in der aktuellen Corona-Krise, die die Thematik der psychischen Erkrankungen zwar verschärft hat, sieht Löffler-Stastka aber auch eine Chance - zum Beispiel, was die Online-Therapien betrifft: Diese seien eine gewiss nicht für jeden Patienten geeignete, aber extrem niederschwellige Art der Kontaktaufnahme und Aufrechterhaltung der Therapie, wenn eine Beziehungspräsenz nicht möglich ist.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hat jedenfalls bereits eingeräumt, dass es Lücken im Gesundheitssystem gebe. Die Corona-Krise habe gezeigt, dass diese vor allem den Zugang zu Behandlungen und deren Finanzierung betreffen, sagte er im Juli und kündigte für Herbst eine breite Diskussion für Verbesserungen an. Es müsse zu einem gleichen Versorgungslevel bei psychischen wie bei physischen Erkrankungen kommen, sagte Anschober.

Die Begriffe Psychotherapie, Psychologie und Psychiatrie werden oft vermengt. Sie fußen allerdings auf deutlich unterschiedlichen Ausbildungen und Kompetenzen.

Psychotherapeuten haben meist einen Quellberuf und eine fünfjährige Ausbildung hinter sich, die mehrere 10.000 Euro kosten kann. Der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie hat derzeit 28 Ausbildungseinrichtungen gelistet. Die Psychotherapie ist ein eigenständiges Heilverfahren für die Behandlung psychischer, psychosozialer oder psychosomatisch bedingter Verhaltensstörungen und Leidenszustände.

Psychologen haben ein fünfjähriges Psychologiestudium absolviert, an das eine postgraduelle Ausbildung zur klinischen und/oder GesundheitspsychologIn im Ausmaß von zwei bis fünf Jahren angeschlossen werden kann. Neben dem Teilgebiet der klinischen Psychologie, bei der die Patientenberatung, -behandlung und Prävention im Vordergrund steht, dient die Psychologie auch der psychologischen Diagnostik und wissenschaftlichen Lösungsansätzen.

Die Psychiatrieist eine Facharztausbildung nach dem Medizinstudium. Das Studium selbst dauert sechs Jahre. Auf dieses folgt die Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, die weitere sechs Jahre in Anspruch nimmt. Im Unterschied zu Psychotherapeuten und Psychologen darf der Psychiater psychische Erkrankungen und Störungen auch medikamentös behandeln.