Psychologie des Ärgers

Von Sebastian Rosenauer und Johannes Greß

Politik

Warum reagieren Autofahrer zunehmend aggressiv auf die "Letzte Generation"? Eine Nachfrage.


Eigenhändig zerrt ein dunkel gekleideter Mann einen jungen Mann in Warnweste vom Wiener Gürtel. Er brüllt, dann tritt er auf ihn ein. Szenen wie diese vom 11. Jänner, auf einem Twitter-Video festgehalten, häuften sich zuletzt: Autofahrer, meist männlich, die Aktivistinnen und Aktivisten der sogenannten "Letzten Generation" physisch und verbal attackieren. Weitere Vorfälle dieser Art könnten bald folgen: Immerhin haben die Klimaaktivisten für diese und die kommende Woche die nächste Welle von Straßenblockaden angekündigt.

Grundsätzlich ist es nichts Ungewöhnliches, als Autofahrerin oder Autofahrer im Stau zu stehen. Zu Verzögerungen kommt es bei Verkehrsunfällen, an Grenzübergängen, bei Fronleichnamsprozessionen, bei Falschparkern. Häufigster Staugrund sind Autofahrerinnen und Autofahrer selbst; dann, wenn zu viele von ihnen dieselbe Straße befahren. So verbrachten Autofahrer, die in Wien zu Stoßzeiten unterwegs waren, laut einer Studie des Navigationssystems TomTom 2021 durchschnittlich vier Tage und neun Stunden im Stau. Vor der Corona-Pandemie waren es noch einige Stunden mehr.

Klimakrise einerseits,Alltagssorgen andererseits

Selten kommt es bei diesen Verkehrsbehinderungen zu Ausschreitungen. Warum provozieren gerade die von Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten verursachten Staus? Was passiert im Kopf von Autofahrern, wenn sie mutwillig aufgehalten werden?

Thomas Slunecko ist Professor an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien. Der Konflikt, erklärt der Psychologe, "ist einer zwischen jenen, die einen radikalen Systemwandel fordern, und jenen, die sich mit den herrschenden Verhältnissen gerade irgendwie arrangiert haben". Die einen sehen sich angesichts der drohenden Klimakatastrophe zum Handeln gezwungen, die anderen wollen zusätzlich zu ihren Alltagssorgen nicht auch noch mit den Unannehmlichkeiten der Umweltkrise belastet werden.

Was nicht heißen muss, dass Letztere nicht um die Klimakrise wissen oder sich nicht um die Umwelt scheren. In der Psychologie ist hierbei von "kognitiver Dissonanz" die Rede: Man weiß zwei Dinge, die einander widersprechen. Einerseits ist bekannt, dass der Planet ökologisch am Limit ist, andererseits müssen Menschen mangels öffentlichem Verkehr mit dem Auto zur Arbeit fahren - oder es ist schlichtweg die bequemste Option.

Aufrufe, nachhaltiger zu leben, begegnen uns ständig, auf Werbeplakaten, im Supermarkt, in Schule und Beruf, den Abendnachrichten und am Stammtisch. Selten reagieren Menschen darauf so gereizt wie im Straßenverkehr. Kommt es zu einem Stau, verursacht das bei den Betroffenen in aller Regel negative Emotionen, weil Ziele nicht erreicht werden und man keine Kontrolle hat, erklärt Sabine Pahl, Sozialpsychologin am Institut für Stadt- und Umweltpsychologie der Universität Wien.

"Im nächsten Schritt geht es um Attributionen. Es wird versucht, sich selbst zu erklären, wer eventuell schuld ist. Wenn ein Unfall passiert ist, kann man schlecht das Opfer zur Verantwortung ziehen." Wird ein Stau bewusst herbeigeführt, kann die "Schuldfrage" eindeutiger beantwortet werden und die Antwort emotionaler ausfallen.

Unbequem sind die durch die Straßenblockaden ausgelösten Dissonanzen deshalb, weil es die betroffenen Autofahrer mit der Größe und Komplexität der Klimakrise konfrontieren: "Es ist dann oft einfacher, nicht sorgfältig darüber nachzudenken, sondern den Protestierenden ein negatives Label zu verpassen, als ‚anders‘, ,rücksichtslos‘ oder ,egoistisch‘", so Sozialpsychologin Pahl. Vor allem bei wissenschaftsskeptischen oder politisch rechts gesinnten Menschen kann das zu "extrem negativen Emotionen" führen. Es werden "keine Gemeinsamkeiten gesehen, sondern nur ein Feindbild von jungen, ‚alternativen‘ Personen, die den eigenen Auffassungen und Meinungen diametral gegenüberstehen".

Klimaaktivisten provozieren bewusst

Konfrontiert mit der Widersprüchlichkeit der eigenen Lebensrealität wählen wir häufig eine emotionale Abkürzung, erklärt Slunecko: "Das Beste ist, ich werde wütend. Das wischt die Dissonanz weg wie nichts! Die Wut lässt keinen Raum für Reflexionen. Ich muss nicht viel darüber nachdenken."

Die Aktivistinnen und Aktivisten der "Letzten Generation" sind sich dieser Mechanismen bewusst. Sie wollen provozieren, anecken, sodass die Gegenseite Stellung beziehen muss. Nach der Wut soll die Einsicht kommen, so die Hoffnung. Ob die Strategie aufgeht, bleibt abzuwarten. Ein Etappenziel hat die "Letzte Generation" bereits erreicht: Sie stehen seit Monaten im medialen Rampenlicht und mitunter solidarisieren sich prominente Wissenschafter und Wissenschafterinnen öffentlich mit ihnen.

Slunecko steht dieser Erwartungshaltung eher skeptisch gegenüber. Wenn Wut auf zwischenmenschlicher Ebene durch ein klärendes Gespräch neutralisiert werden kann, funktioniert das nicht zwingend auf gesellschaftlicher Ebene. Zudem würden Betroffene mit ihrer Wut oft wenig konstruktiv umgehen. "Die meisten Menschen geben den affektiven Zuständen und der Wut ständig weiter Nahrung, wie ein Feuer, das ständig weiter brennen muss, damit sie nicht von der Wut herunter, das heißt wieder zum Denken oder zum Dialog kommen müssen."