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Psychoterror als Pausenzeichen?

Von Karl Pisa

Politik

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Den Memorial Day konnte Präsident Bush ungestört von neuen Terroranschlägen in der Normandie verbringen. Weder die Freiheitsstatue noch die Brooklyn Bridge oder ein Atomkraftwerk waren gefährdet, obwohl geheimdienstliche Warnungen dies als nicht unmöglich bezeichnet hatten. Doch man warnt jetzt lieber einmal zu viel als zu wenig. Denn schon im Juli und August 2001 hatten lokale FBI-Agenten in Phoenix und Minneapolis die Aufmerksamkeit auf die Pilotenausbildung radikaler Islamisten und den jetzt angeklagten Zacarias Moussaoul zu lenken versucht. An die richtige Stelle gelangt und als Teile eines Puzzles erkannt, hätten diese Warnungen vielleicht den 11. September verhindern können.

Mit einer Reform des bisher auf inneramerikanische Kriminalität und Terroraktivität konzentrierten FBI versucht man jetzt solche Pannen zu verhindern: Durch mehr Kompetenzen für die 56 lokalen FBI-Büros, durch Aufstockung des Personals für die Terrorismusabwehr und Ergänzung durch CIA-Analysten, Sprach- und Computerexperten, Techniker und Wissenschaftler und neue Richtlinien, mit denen Websites und Online-Chat-Rooms schon vorbeugend untersucht werden können.

Grundsätzlich wird sich dadurch am Dilemma der Terrorismusbekämpfung nichts ändern. Denn die Terroristen haben die Wahl der Ziele, des Zeitpunktes und der Methoden. An Zielen gibt es in einer High-Tech-Zivilisation mit großen Ballungszentren und hoher Mobilität sehr, sehr viele. Der Zeitpunkt kann jeder beliebige Tag sein. Und bei den Methoden muss man auf das bisher Unvorstellbare wie den Einsatz voll besetzter Passagierflugzeuge als von Selbstmordattentätern gesteuerte fliegende Bomben gefasst sein. Neben herkömmlichen Sprengstoff, womöglich kombiniert mit radioaktivem Material, sind auch chemische und biologische Waffen in Betracht zu ziehen, für die ein Koffer mit Zeitzünder genügen kann. Hochgiftiges Natrium Cyanid, das in Rom Verhaftete zusammen mit Karten des städtischen Wasserversorgungssystems bei sich hatten, befand sich auch auf einem am 10. Mai in Mexiko entführten Lastwagen, wo inzwischen 70 von 76 vermissten Fässern entdeckt wurden.

Durch neue Methoden wird den Geheimdiensten sicher eine Flut an neuen Informationen zur Verfügung stehen, die hoffentlich zeitgerecht gesichtet und kombiniert werden können. Wenn sich jedoch dadurch auch die Zahl der Warnungen vervielfachen sollte, könnte dies auch durch ihr Medienecho zu einem hausgemachten Psychoterror führen, der die Bevölkerung zu Überreaktionen verleitet und das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben aus der Bahn seiner Normalität zu werfen droht. Wie auch umgekehrt Warnungen von dann nicht eintretenden Anschlägen einen Gewöhnungseffekt und nachlassende Wachsamkeit zu Folge haben könnten. Nicht auszuschließen ist auch die Möglichkeit, dass technisch versierte Terroristen fingierte Terroranschläge durchsickern lassen, um den Überwachungsapparat zu überfordern und einen Psychoterror auszuüben.

Zurzeit herrscht Ruhe. Weil schon alle Terroristen entdeckt sind oder ihre vorzeitige Entdeckung befürchten? Oder weil es sich um noch unentdeckte "Schläfer" handelt, die noch keinen Einsatzbefehl bekommen haben? Der Terrorismus bleibt ein Feind, der überraschend aus dem Hinterhalt angreifen kann. Ihn in diesem Hinterhalt rechtzeitig und mit den in einem Rechtsstaat gerade noch erlaubten Methoden aufzuspüren, bleibt eine ungeheuer schwierige und nur in internationaler Zusammenarbeit lösbare Aufgabe.