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"Putenhaltung in Österreich steht vor dem Aus"

Von Sophia Freynschlag

Wirtschaft
Heikel in der Haltung: Puten sind anfällig für Krankheiten, nicht alle überleben die Mast.
© ZAG

Österreichische Erzeuger können aufgrund höherer Standards beim Preis nicht mit ausländischer Konkurrenz mithalten. Konsumenten kaufen zunehmend günstigere Importware - die Herkunft ist häufig nicht auf den ersten Blick erkennbar.


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Wien. Die heimische Geflügelwirtschaft schlägt Alarm: "Die aktuellen Rahmenbedingungen erlauben keine wettbewerbsfähige Putenhaltung in Österreich. Die Putenhaltung in Österreich steht vor dem Aus", sagt Michael Wurzer, Geschäftsführer der Zentralen Arbeitsgemeinschaft der Österreichischen Geflügelwirtschaft (ZAG). Dadurch würden hierzulande viele Millionen Euro an Wertschöpfung und zahlreiche Arbeitsplätze verloren gehen.

Pro Kopf verzehren die Österreicher durchschnittlich 5,9 Kilogramm Truthahn jährlich - mehr als die Hälfte davon stammt aus dem Ausland. Der Selbstversorgungsgrad bei Truthühnern in Österreich ist laut Statistik Austria von 49 auf 45 Prozent im Vorjahr gesunken. Zum Teil werden die Puten im Ausland gemästet und geschlachtet und das Fleisch wird in Österreich verpackt. Die Herkunft ist für die Konsumenten oft nicht mit einem Blick erkennbar - rot-weiß-rote Banderolen oder Fahnen auf der Verpackung täuschen häufig eine österreichische Herkunft vor.

Preis entscheidet beim Kauf

Der Preis, den heimische Geflügelhalter für ihre Produkte bekommen, sei existenzgefährdend niedrig, sagt Wurzer und verweist auf einen Kilopreis von aktuell 3,49 Euro für Hühnerfleisch in Aktion im Einzelhandel - mit AMA-Gütesiegel und gentechnikfreier Fütterung.

"Die Konsumentenwünsche stimmen oft nicht mit der tatsächlichen Kaufentscheidung überein", erklärt Wurzer. Im Supermarkt ist für viele Kunden der Preis das entscheidende Kriterium. Zudem kaufen Gastronomie, Hotellerie und Lebensmittelhersteller häufig ausländisches Geflügel. Es brauche höhere gesetzlich geregelte Besatzdichten - um günstiger produzieren zu können - oder einen höheren Preis, um nach den derzeit gültigen Standards produzieren zu können. Doch Letzteres dürfe nicht dazu führen, dass die österreichischen Erzeuger von Putenfleisch Marktanteile und Wertschöpfung in Österreich verlieren, so Wurzer.

In Ländern wie Polen, Deutschland, Italien, Ungarn, Frankreich oder Slowenien kann Putenfleisch günstiger produziert werden. Der Grund: In der EU gibt es keine einheitlichen Standards, die die maximale Besatzdichte in der Geflügelhaltung regeln. In Österreich ist eine Besatzdichte von höchstens 40 Kilogramm pro Quadratmeter bei Puten erlaubt. Um das in Tieren zu veranschaulichen: Ein gemästeter Truthahn wiegt nach 21 Wochen mehr als 22 Kilogramm, weibliche Tiere wiegen rund 14 Kilogramm, bevor sie geschlachtet werden.

In Deutschland erlaubt eine freiwillige Vereinbarung der Tierhalter maximal 58 Kilogramm. Noch mehr Tiere auf engstem Raum werden in Polen gehalten, von wo ebenfalls viel Putenfleisch stammt, das in Österreich gegessen wird. EU-weit sind 70 Kilogramm pro Quadratmeter durchaus üblich. Bei solch einer Besatzdichte wird eine Einschränkung des Verhaltens der Tiere in Kauf genommen, wird im Geflügelgesundheitsprogramm des Gesundheitsministeriums ein Experte zitiert.

"Großes Sorgenkind"

"Die Putenhaltung ist unser großes Sorgenkind. Es finden sich keine neuen Putenhaltungsbetriebe, manche hören auf", sagt Wurzer. Mehr als 140 Putenbetriebe mit rund einer Million Mastplätze gibt es in Österreich für Puten, dem gegenüber stehen zwei Schlachtbetriebe: der Kärntner Betrieb Wech und Hubers Landhendl in Pfaffstätt.

Im Zuge des Geflügelgesundheitsprogramms wurde unter anderem über den Anreiz für Putenhalter diskutiert, die Besatzdichte von 40 auf 60 Kilogramm pro Quadratmeter erhöhen zu können, wenn Grenzwerte bei Tierschutz-Indikatoren (etwa Fußballengeschwüre und tote Tiere bei Anlieferung) unterschritten werden. Kontrolliert werden sollen die Indikatoren beim toten Tier - von für die Schlachttier- und Fleischuntersuchung zuständigen amtlichen Tierärzten sowie geschulten Untersuchern am Schlachtband, heißt es vom Gesundheitsministerium. Im Programm enthalten ist dieser Anreiz derzeit jedoch nicht.

Am Projekt zur Überwachung und Reduktion des Antibiotikaeinsatzes, von Salmonellen, des bakteriellen Durchfallerregers Campylobacter und zur Optimierung von Tierschutzindikatoren können Betriebe seit 1. Juli 2013 freiwillig teilnehmen. "Eine verpflichtende Umsetzung (eine flächendeckende Umsetzung dieses Programms) - wie vom Gesundheitsministerium gewünscht - konnte bis dato aufgrund der unterschiedlichen Wünsche aller Beteiligten nicht umgesetzt werden", heißt es vom Gesundheitsministerium auf Anfrage. Zu weit liegen die Interessen der betroffenen Branche, den NGOs und dem Handel auseinander.

"Platz ist jetzt schon so eng"

"Der Platz in der Haltung ist jetzt schon so eng. Aus Tierschutzsicht kann ich eine Erhöhung der Besatzdichte nicht gutheißen", sagt Hanna Zedlacher von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten. "Die Puten werden hochgezüchtet, um möglichst viel Brustfleischanteil zu haben, und können am Ende der Mast nicht mehr gehen", sagt Zedlacher.

Zwar ist die Besatzdichte nicht allein für den Zustand der Tiere verantwortlich, aber viele Tiere auf engstem Raum bringen Probleme mit sich. Unter anderem kann ein feuchter Boden im Stall Fußballenentzündungen hervorrufen. Immer wieder finden sich kranke und verletzte Tiere, etwa mit Brustblasen oder Flügelverletzungen, unter gesunden Artgenossen. Eine Mortalitätsrate von acht Prozent pro Einstallung für männliche Puten wird im Gesundheitsprogramm als Obergrenze angegeben.

Österreichische Putenbetriebe würden sich bemühen, die Standards zu verbessern, so Wurzer. Sie wollen ausländischen Produkten nicht das Feld überlassen, den Vorwurf der Profitgier weist der ZAG-Geschäftsführer jedoch zurück: "Es geht darum, österreichische Produktion zu erhalten. Putenfleisch wird gegessen. Gibt es weniger heimische Ware, greifen Konsumenten eben zu ausländischen Produkten."