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Putin: Präsident auf Abruf

Von WZ-Korrespondentin Inna Hartwich

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Ja, es war klar. Es war alles gesagt und vorbereitet – für den großen, gefeierten Sieg des starken Mannes. Es war schon im September klar, dass er im März Geschichte schreiben wird, dass ihm gelingen wird, was keinem Herrscher Russlands vor ihm gelungen war. Wladimir Putin ist zurück im Kreml, nach einer vierjährigen Pause als Premier. Überraschend ist das wahrlich nicht. Und doch war diese Wahl eine besondere. Es werden keine einfachen sechs Jahre sein für den Mann, der nicht mehr alles unter Kontrolle hat. Er wird ein Präsident auf Abruf.

Der 59-jährige ""Muschik" erlegt wilde Tiere, inspiziert neue Straßen im fernen Sibirien, fischt alte Amphoren aus dem Meer, singt für Kinder, hat den Russen Wohlstand und Stabilität gebracht und den Stolz zurückgegeben, so lautet das gängige Putin-Bild im gelenkten russischen Staatsfernsehen – zweifelte da jemand am Wahlsieg? Der neue Staatschef tat es nicht. Sonst auch niemand. Aber es ist einiges ins Wanken geraten im Land.

Zum ersten Mal seit Jahren hat Putin gekämpft, zum ersten Mal spürte er einen gewaltigen Gegenwind – und zeigte seine vollkommene Hilflosigkeit. Er hat sich politisch längst überlebt und seine Politik in die Sackgasse geführt. Auch wenn ihm das Volk 60 Prozent seiner Stimmen gibt. Wem denn auch sonst? Dem Kommunisten Sjuganow, der Russland eher in die Vergangenheit als in die Zukunft führen würde? Dem Ultranationalisten Schirinowski, der gegen alles und jeden poltert und lediglich als Witzfigur gegen die Langeweile in der Duma taugt? Dem Milliardär Prochorow, dem schwerreichen Neuling, oder Mironow, dem Wankelmütigen? Putin musste Präsident werden, schon allein deshalb, weil es an attraktiven Gegenkandidaten mangelte. Weil der Ex-KGB-Offizier in seinen zwölf Herrscherjahren alles dafür getan hat, sie auszuschalten. Doch diese Ausrichtung auf den alleinigen, den wahren Führer Russlands könnte Putins tiefer Fall bedeuten. Nun muss er zeigen, wie beweglich er ist.

Früher waren Veränderungen seine Stärke. Die Arbeit an sich selbst. Jetzt ist das wieder gefragt - auch wenn gerade  sehr wenig darauf hindeuten mag, dass Putin das noch beherrscht. Seine quasi paranoiden Äußerungen, die Opposition bereite ein "sakrales Opfer" vor, um es dem Kreml in die Schuhe zu schieben, sind sicher kein Zeichen der Liberalisierung. Doch Putin kann in dieser Situation nur den Weg der Öffnung gehen, sich den Forderungen der Opposition zuwenden. Viele Russen glauben daran, dass er ihr Land weiter führen kann, indem er politische und wirtschaftliche Reformen in die Tat umsetzt, nicht nur auf dem Papier. Von diesem Glauben, diesem Halt, auch unter den Unzufriedenen, sollte er profitieren.

Es gibt noch eine zweite Möglichkeit – die Verwandlung in Lukaschenko II. Die vollkommene Isolation aber ist nicht einmal im Sinne von Putin III.