Zum Hauptinhalt springen

Putin reitet wieder

Von Reinhard Göweil

Leitartikel
Chefredakteur Reinhard Göweil.

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 9 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Die aktuellen Kämpfe in der Ukraine zeigen sehr gut, wie geschickt Wladimir Putin vorgeht. Es sind immer die anderen schuld, Russland verteidigt seinen Worten nach nur seine legitimen Interessen. Er lässt zwar die Aggression der Separatisten zu, die ukrainische Städte bombardieren, erklärt aber im selben Atemzug, die ukrainische Armee sei eine Legion der Nato. Dass dem EU-Ratsvorsitzenden Donald Tusk der Kragen platzte, ist nicht verwunderlich. Flehentlich wenden sich EU-Außenminister an Russland, endlich Ruhe zu geben. Deutschland signalisiert, man wolle keine neuen Sanktionen, die Putin flugs als "Erpressung" geißelt. Das ist Chuzpe.

Der Mann im Kreml hat es offenkundig recht lustig mit der EU, die gebetsmühlenartig von diplomatischen Lösungen spricht, während Russland Truppen in ein fremdes Land entsendet. Denn Putin geht so vor, wie es Geheimdienstexperten seit Herbst 2014 ankündigen: Je mehr die Sanktionen und der niedrige Ölpreis schmerzen, desto aggressiver tritt er auf.

Dass Putin dazwischen immer wieder versöhnliche Töne anschlägt, ist Teil seiner Strategie.

Russland steht vor erheblichen finanziellen Problemen, doch Putin erhöht die Rüstungsausgaben, als ob es kein Morgen gäbe.

Und genau dies ist das Problem. Was, wenn Putin tatsächlich nicht an morgen denkt? Europas Großindustrie denkt an morgen und versucht sich großteils als Putin-Versteher. Sinnlos.

In der europäischen Politik wächst die Überzeugung, dass es im Fall der Ukraine keinen Kompromiss geben wird, wie in Minsk vereinbart. Die feinen militärischen Nadelstiche Russlands an den tatsächlichen Nato-Außengrenzen im Baltikum zeigen zusätzlich, wie unverfroren Russlands Präsident zündelt.

Keine europäische Armee würde derart an der russischen Grenze agieren, und trotzdem stellt sich Putin als David dar, der gegen Goliath kämpfen muss. Nichts davon ist wahr, doch mittlerweile ist er wohl selbst Opfer seiner Testosteron-Politik geworden. Er muss die Ukraine als Beute nach Hause bringen, um in der russischen Bevölkerung zu reüssieren. Eine Niederlage wäre sein politisches Ende, dafür würden wohl die ohnehin schwer gebeutelten Oligarchen sorgen. Also werden die EU-Sanktionen gegen Russland verschärft, die Ukraine wird als "gescheiterter Staat" enden, und bis dahin werden sehr viele Menschen sterben.