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Putins Trollin

Von Christian Ortner

Gastkommentare

Warum leistet sich eine staatliche Universität eine Professorin, die behauptet, den Krieg gegen Russland habe die Ukraine begonnen?


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Sollte Russlands Präsident Wladimir Putin angesichts des irgendwie zähen Verlaufes seiner "militärischen Spezialoperation" in der Ukraine in diesen trüben Herbsttagen irgendwann einmal schlechte Laune haben, könnte ihn mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Blick ins soeben erschienene Buch "Endspiel Europa" von Ulrike Guerot und Hauke Ritz amüsieren; der Mann kann ja fließend Deutsch.

Unterhaltsam könnte Putin finden, dass ausgerechnet eine vom deutschen Steuerzahler alimentierte Professorin der Uni Bonn, daneben auch Stammgast in vielen Medien des deutschen Sprachraumes und in Österreich durch ihr Wirken an der Donau-Uni Krems bekannt, in ihrem jüngsten Buch Kreml-Propaganda in einer Dreistigkeit verbreitet, die selbst der Kreml-Propaganda peinlich wäre, so plump ist sie angelegt. Dass der deutsche Steuerzahler auf der einen Seite Milliarden an Kosten tragen muss, die letztlich durchs Putins Krieg entstanden sind, und gleichzeitig eine Uni-Lehrerin bezahlt, die denselben Putin exkulpiert - darauf muss man auch erst einmal kommen. Und, nein, faktenwidrige Propaganda zu verbreiten hat nichts mit "Freiheit der Forschung" zu tun.

Der Ukraine, so könnte Putin mit Vergnügen in "Endspiel Europa" lesen, komme die Rolle zu, "stellvertretend für den Westen einen Krieg mit Russland zu beginnen, der dann militärisch und logistisch von Nato-Mitgliedstaaten unterstützt werden sollte." Und: "Dieser Prozess sollte begleitet werden durch einen Wirtschaftskrieg (Sanktionen), Informationskriegsführung (antirussische Propaganda) und eine nukleare Einkreisung Russlands." All diese Maßnahmen, könnte Putin weiter lesen, "zielten darauf ab, die Russische Föderation auf mehreren Ebenen so weit zu schwächen, dass das Land sein Gleichgewicht verlieren und innere Konflikte zum Sturz der Regierung führen würden."

Kurz zusammengefasst: Irgendwelche finsteren Mächte im Westen, leider nennt Guerot weder Ross noch Reiter, haben die Ukraine dazu gebracht, "einen Krieg gegen Russland zu beginnen", um den Sturz der Regierung in Moskau herbeizuführen. Ob es sich bei diesen konspirativen Mächten um die Freimaurer, die Ostküstenkreise, Bill Gates oder die Hersteller der Corona-Vakzine handelt, erfahren wir leider nicht.

Was Guerot hier für sich beansprucht, und zwar letztlich auf Kosten des Steuerzahlers, ist nicht das Recht auf eine eigene Meinung, sondern auf eigene Fakten. Denn man muss schon ein ganz besonderes Talent im Leugnen der Wirklichkeit haben, um völlig faktenwidrig zu behaupten, die Ukraine haben den Krieg begonnen und nicht Russland. Genauso frei erfunden ist die "nukleare Einkreisung Russlands" oder der behauptete Plan, einen Krieg zu beginnen, um die russische Regierung zu stürzen.

"Die Kapitalisten werden uns noch den Strick verkaufen, mit dem wir sie aufknüpfen", hat Lenin angeblich prophezeit. Und die liberalen Demokratien, könnte man heute ergänzen, bezahlen jenen digitalen Strick, mit dem Putin sie aufknöpfen will, wenn ihre Universitäten derartigen Propaganda-Müll alimentieren.